Der Vorbericht zum Leverkusen-Spiel

„Keinerlei Forderungen“ von Kohfeldt

Es ist kein unwichtiges Spiel, das vor Werder liegt. Gegen Bayer Leverkusen will Werder so gut es geht Wiedergutmachung betreiben. Doch im Vorfeld der Begegnung ging es kaum einmal um das Treiben auf dem Rasen.
07.01.2021, 20:18
Lesedauer: 4 Min
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Von Carsten Sander

Bayer Leverkusen war das Thema. Oder nein, war es doch nicht. Zwar ist die Werkself, aktuell Dritter in der Bundesliga-Tabelle, am Sonnabend (15.30 Uhr) der nächste Gegner des SV Werder, doch in der Pressekonferenz vor dem Spiel drehten sich die Fragen und Antworten am Donnerstag nur am Rande um die Partie. Vielmehr musste Trainer Florian Kohfeldt über das 0:2 gegen Union Berlin am Spieltag zuvor sowie die Bremer (Nicht-?)Aktivitäten auf dem Transfermarkt sprechen. Beides wird derzeit unter Fans heiß diskutiert – und der Coach versuchte, den Debatten einen Kompass zu verpassen. Grob zusammengefasst sagte er dies: Das 0:2 sei kein Spiegelbild der Gesamtlage, und Transfers werde er nicht fordern, weil die wirtschaftliche Situation sowieso keine zulasse.

Seine Chefs bei Werder Bremen jonglieren derzeit zwar ein wenig mit der Unwahrscheinlichkeit von Spielerverpflichtungen, verweisen auf leere Kassen sowie angezapfte Kreditlinien und dass deshalb keine großen Investitionen zu erwarten seien. Aber im Podcast „NDR2 Bundesligashow“ sagte Aufsichtsratsboss Marco Bode auch: „Ob es trotzdem Veränderungen im Kader geben wird – in die eine oder andere Richtung, das will ich nicht ausschließen“. Kohfeldt könnte darin den Spalt einer doch nicht verschlossenen Tür sehen, er macht es aber nicht. Träumereien von neuen Spielern gibt er sich nicht hin, sondern vertritt einen klaren Standpunkt. „Vor dieser Saison haben wir uns alle mit sehr wachem Verstand für einen Weg hier in Bremen entschieden. Auch ich als Trainer. Da kann ich mich doch nicht im Januar hinstellen und Neuzugänge fordern“, erklärte der 38-Jährige und ergänzte: „Auch wenn es noch nicht überall angekommen ist: Wir müssen uns wirtschaftlich unglaublich konsolidieren. Dementsprechend gibt es von meiner Seite keinerlei Forderungen nach Neuzugängen oder wirtschaftlichen Wagnissen.“


Die gab es auch im Herbst nicht, als Werder Davy Klaassen abgab und Kohfeldt einem seiner Leistungsträger hinterherwinken musste, für den kein gleichwertiger Ersatz parat stand. Dass die Politik, das Tafelsilber zu verkaufen, nicht zu einer rumpelfreien Saison führen würde, ist im Grunde nur logisch und sollte niemanden überraschen. Dennoch muss das 0:2 gegen Union Berlin – fraglos eine Riesenrumpelei – nicht als Ergebnis des Sparkurses gesehen werden. Das wäre als Erklärung zu billig. Kohfeldt hat die Partie weiteren Kredit gekostet, und es wächst der Kreis an Kritikern und Fatalisten, die entweder in dem Coach oder aber in Sportchef Frank Baumann den Grund für den erneut drohenden Abstiegskampf sehen. Kohfeldt selbst bucht das jedoch unter Berufsrisiko ab. Wer als Trainer in einer wirtschaftlich schwierigen Phase für sportliche Stabilität sorgen soll, der müsse mitunter „auch akzeptieren, dass man selber mal nicht so gut dabei aussieht, weil man gewisse Dinge nicht so umsetzen kann, wie man sie sich in einem sportlichen Idealszenario vorstellt“. Heißt also: Ohne Beulen für alle wird es nicht gehen, „aber ich kämpfe dafür, dass wir unsere Ziele erreichen. Zu 1000 Prozent.“

Es sieht nur alles andere als glücklich aus, wenn dennoch Spiele wie das am vergangenen Samstag dabei herauskommen. Gegen die Signale, die von dem 0:2 gegen Union Berlin ausgingen, hat es auch Kohfeldts rhetorische Kraft schwer. Letztlich hat das Spiel auch die letzten noch schlafenden schlechten Geister ins Leben zurückgeholt. Nach der Nicht-Leistung glaubt kaum noch jemand im Werder-Umfeld an einen Abstiegskampf ohne Bremer Beteiligung. Auch Kohfeldt nicht, aber das war von Anfang an so, mit keiner anderen Erwartung ist er in die Saison gestartet. „Im Grunde musste man damit rechnen, dass es so kommt“, sagte er, dennoch werde fortan nicht jedes Spiel wie das Union-Spiel. Für Kohfeldt war die Partie ein „Einzelereignis“, ein „Ausrutscher in die falsche Richtung“, aber kein Grund, nun wieder das Schlimmste zu erwarten. Seine Kritik an den eigenen Kritikern: „Die Gesamtsituation jetzt schon komplett infrage zu stellen und da durchzudrehen, halte ich für absolut vermessen.“ Mit dem Abstand zur Abstiegsregion – vier Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz, acht auf einen Abstiegsrang – „sind wir absolut im Plan, was unsere Saisonziele betrifft“.

Um diese Argumente nicht zu verlieren, bedarf es in den kommenden Wochen jedoch wieder einer deutlichen Leistungssteigerung. Womit dann doch das Thema Bayer Leverkusen erreicht wäre. Auf Werder warte in Leverkusen „ein sehr guter Gegner – das heißt, dass wir per se an unsere Leistungsgrenze gehen müssen, um überhaupt eine Chance zu haben“, so Kohfeldt, der durchaus zuversichtlich ist, dass seine Mannschaft die dafür erforderliche Reaktion zeigen wird. Weil er gespürt hat, dass jedem im Team das Union-Erlebnis zugesetzt hat, ist das Trainer-Donnerwetter in den Tagen danach eher gemäßigt ausgefallen. Am Sonntag habe er die Spieler noch in Ruhe gelassen, „das war wohl auch besser für alle“, danach habe er mit allen gesprochen, aber niemanden in den Senkel gestellt. Weil: „Eine Grundebene, die ich nie verlasse und für die ich auch gerne Kritik einstecke, ist ein menschlicher Umgang mit den Spielern, immer Respekt zu haben vor ihnen. Dafür stehe ich, und ich glaube, dass das auch grundsätzlich leistungsfördernd ist.“ Was am Samstag in Leverkusen zu überprüfen sein wird.

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