Trainerduo wehrt sich gegen Kritiker

Kohfeldt kontert - und Streich hilft mit

Der Sieg in Freiburg war natürlich wichtig für Werder, aber für Trainer Florian Kohfeldt ganz besonders. So sendete er ein deutliches Signal an seine Kritiker, Unterstützung gab es von Christian Streich.
24.05.2020, 13:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Kohfeldt kontert - und Streich hilft mit
Von Malte Bürger
Kohfeldt kontert - und Streich hilft mit

Namen beide nun wirklich kein Blatt vor den Mund: Florian Kohfeldt und Freiburgs Trainer Christian Streich.

dpa

Die vergangenen Tage sind alles andere als normal für Florian Kohfeldt gewesen. Das hatte sich natürlich auch bis nach Freiburg herumgesprochen. Und genau deshalb passierte Bemerkenswertes, als es nach Werders 1:0-Auswärtserfolg zur Pressekonferenz ging. Nicht etwa, weil der Bremer Cheftrainer nach all der Kritik an seiner Person nun zum Gegenschlag ausholte – sondern deshalb, weil es sein Freiburger Kollege tat. „Wenn ich gesehen und gelesen habe, was einige Leute, ehemalige Spieler von Bremen und sogenannte Experten abgelassen haben, da muss ich sagen, das ist unmöglich“, sagte Christian Streich. „Da muss ich sagen, ob diese Leute nicht mal nachdenken, bevor sie irgendwelche Sachen in die Mikrofone schwätzen.“

Werder-Legenden wie Rune Bratseth und Dieter Burdenski hatten zuletzt öffentlichkeitswirksam einen Trainerwechsel an der Weser gefordert, die sonst so heile Welt in Bremen war gehörig ins Wanken geraten. Es folgte eine emotionale Wutrede Kohfeldts im Vorfeld des Auswärtsspiels, bei der er einerseits die Mannschaft in die Pflicht nahm, aber zugleich auch seinen persönlichen Schmerz nicht verhehlte.

Kaum eine Regung von Kohfeldt

Jetzt, als Christian Streich seinem Ärger Luft machte, zeigte Florian Kohfeldt kaum eine Regung. Fast stoisch beantwortete er auch anschließend die Fragen der Journalisten, schon unmittelbar nach dem Schlusspfiff hatte er nicht etwa ausgiebig den so wichtigen Sieg bejubelt, sondern war direkt in der Kabine verschwunden. „Das war Selbstschutz“, verriet er später. „Ich hätte natürlich gern den einen oder anderen Spieler in den Arm genommen, doch das darf ich aktuell nun einmal nicht. Da habe ich mir gedacht, dass ich mir diese Bilder lieber schenke. Deshalb bin ich reingegangen, habe mich auf meinen Stuhl gesetzt und mich gefreut.“

Er hatte schließlich auch allen Grund dazu. Wegen der drei Punkte. Und wegen der deutlichen Antwort an seiner Kritiker. Von einer persönlichen Genugtuung wollte der 37-Jährige trotzdem nichts wissen. „Es geht nicht um mich“, betonte Kohfeldt. „Und auch nicht um Frank Baumann. Es geht darum, dass wir alles tun, um diesen Verein in der Liga zu halten. Ich habe mich für die Mannschaft gefreut, für das Trainerteam, Frank Baumann und die Geschäftsführung. Vor allem aber für ganz Werder Bremen.“

Wieder ein zartes Pflänzchen

Noch ist ungewiss, was dieser Sieg am Ende wert ist. Vor einer ganz ähnlichen Situation standen die Bremer bereits im Januar, als sie mit einem ebenfalls hauchdünnen Erfolg bei Fortuna Düsseldorf in die Rückrunde starteten. Damals machte der Begriff vom zarten Pflänzchen die Runde, das mit viel Arbeit und Pflege alsbald zu einem strahlenden Gewächs werden sollte. Es kam bekanntlich anders. Das Pflänzchen wurde recht schnell niedergetrampelt und zerstört. Statt neuer Hoffnung im Abstiegskampf wuchs der Frust, es folgte Rückschlag auf Rückschlag. Zuletzt gegen Bayer Leverkusen. „In der öffentlichen Wahrnehmung waren wir nach dem Montagsspiel ja weg“, sagte Kohfeldt. „Die Jungs haben gezeigt, dass wir das nicht über uns ergehen lassen wollen.“

Im Grunde sollten sie das schon häufiger tun – aber sie taten es eben nicht. Warum also ausgerechnet jetzt? Ist der Schlüssel am Ende tatsächlich jene denkwürdige Ansprache von Florian Kohfeldt am Freitag gewesen? „Ich glaube nicht, dass meine Pressekonferenz irgendetwas mit dem Auftritt heute zu tun hatte“, sagte er. „Wir analysieren während unserer Mannschaftssitzungen ja nicht meine Pressekonferenzen. Wir analysieren Fußball. Die Jungs haben es dieses Mal mit Leben gefüllt, als sie gesagt haben, dass sie komplett in den Kampfmodus gehen.“

Video-Assistent als Retter

Die Gleichung klingt recht einfach: Wird genügend Einsatz gezeigt, kommen die Punkte automatisch. Doch die Mathematik hat bekanntlich noch weitaus mehr Variablen zu bieten. Und in Werders Seuchensaison ist das Glück eine ganz entscheidende Konstante. Es hätte jedenfalls nicht wirklich verwundert, wenn kurz nach Philipp Bargfredes Platzverweis das 1:1 der Freiburger tatsächlich gezählt hätte. Schon häufig hatte Werder Pech mit dem Video-Assistenten, dieses Mal wurde er in der Schlussphase zum Retter. „Es war klar Abseits, aber natürlich geht dir so etwas durch Mark und Bein, wenn der Ball dann drin ist“, gestand auch Florian Kohfeldt.

Der Rest war großes Zittern. Gefolgt von gigantischer Erleichterung nach dem Abpfiff. „Es ist immer etwas anderes, wenn man im Abstiegskampf ist, diese Punkte einfach zum Überleben braucht und nicht weiter oben steht“, sagte Florian Kohfeldt. „Ich durfte schon beides in Bremen erleben, leider muss ich gerade wieder den Aufenthalt weiter unten in der Tabelle erleben.“

Dort wird seine Mannschaft noch ein wenig länger bleiben. Aber zumindest haben sich die Chancen minimal erhöht, dass im Kampf um den Klassenerhalt vielleicht doch noch etwas geht. „Natürlich war es ein glücklicher Sieg, aber es war ein Sieg – und den brauchten wir jetzt einfach“, sagte Werders Cheftrainer, „vor allem um zu sehen, dass es belohnt wird, wenn man alles reinhaut“. Was Florian Kohfeldt nicht sagte, war, dass auch er diesen Sieg brauchte. Um ein wenig ruhiger weiterarbeiten zu können. Und um vielleicht noch ein paar Kritikern mehr zu zeigen, dass er tatsächlich der richtige Mann für diese schwierige Aufgabe ist.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+