Experten-Kolumne von Dieter Eilts

Es besteht kein Grund für großartige Wechsel

Der erste Saisonsieg ist schön und gut, doch unser Experte Dieter Eilts warnt Werder davor, jetzt nachzulassen. „Jeder Spieler muss sich bewusst sein, dass absolut alles in die Waagschale geworfen werden muss.“
30.09.2020, 17:04
Lesedauer: 3 Min
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Von Dieter Eilts
Es besteht kein Grund für großartige Wechsel

Hinreißend: Niclas Füllkrug am Sonnabend in Gelsenkirchen.

nordphoto

Der erste Sieg ist da, Werder hat die Gemüter etwas beruhigt. Es war ein sehr wichtiger Erfolg, aber Schalke ist in der momentanen Verfassung kein Maßstab für einen Platz im gesicherten Mittelfeld. Deshalb ist Vorsicht geboten, denn auch in diesem Spiel hat es Phasen gegeben, in denen der Sieg für Werder noch einmal in Gefahr geraten ist. Insbesondere nach der Pause. Das 3:1 hat noch einmal verdeutlicht: Um erfolgreich zu sein, muss die Mannschaft kompakt stehen, aggressiv gegen den Ball spielen. Sie darf in keiner Sekunde nachlassen und muss selbst konsequent den Weg nach vorne suchen. Erst wenn das regelmäßig gelingt, wird irgendwann auch wieder das Spielerische in den Vordergrund rücken können.

Werder befindet sich in einem Prozess, der noch über Wochen, vielleicht Monate gehen wird. Es muss eine fußballerische Stabilität entstehen, die für die eigene Leistung unabdingbar ist. Fehlt sie, wird es wie gegen Hertha BSC immer wieder bedrohliche Situationen geben. Jeder Spieler muss sich bewusst sein, dass absolut alles in die Waagschale geworfen werden muss.

Vorbild Füllkrug

In dieser Hinsicht war Niclas Füllkrug in Gelsenkirchen das perfekte Vorbild. Er verfügt über eine große individuelle Qualität, aber auch eine hohe mentale Stärke. Mit ihm gibt es einen Spieler auf dem Platz, der Bälle festmachen kann, die Teamkollegen durch seine Körpersprache mitreißt und auch in Zweikämpfen immer alles gibt. So animiert er auch die anderen Bremer, noch etwas mehr zu machen. Zudem hinterlässt er bei den gegnerischen Verteidigern Eindruck. Natürlich wegen seiner Tore, aber auch, weil sie wissen, dass er nicht zurückzieht und man sich bei ihm durchaus wehtun kann. Werder braucht genau solch einen Spieler da vorne, einen Rackerer, einen Reißer, einen Arbeiter, der zugleich eiskalt vor dem Tor ist.

Was das Engagement betrifft, gilt das auch für Jean-Manuel Mbom, der sich bei seinem Debüt sehr gut präsentiert hat. Solche Leistungen traue ich vielen jungen Spielern zu, aber die Frage ist immer, ob es ihnen gelingt, das Gezeigte auch kontinuierlich auf den Platz zu bringen. Das ist nämlich das Entscheidende. Es gibt bei Werder unzählige Beispiele von Spielern, die aus der U 23 hochgezogen wurden und ein paar Partien recht auffällig waren – aber eben nicht konstant über einen längeren Zeitraum. Bei Jean-Manuel Mbom habe ich dagegen das Gefühl, dass er seine Qualitäten auch langfristig einbringen kann.Er ist auf dem Platz sehr präsent, sucht die Zweikämpfe und zieht nicht zurück. Das ist eine Eigenschaft, die in der Woche zuvor gegen Hertha so bei vielen Spielern noch nicht zu sehen war.

Ein Pärchen für die Zukunft

Die Aufstellung für das Bielefeld-Spiel ist natürlich Sache des Trainers, aber ich sehe eigentlich keinen Grund, warum Florian Kohfeldt zum nächsten Spiel etwas ändern müsste. Dies gilt sowohl für Mbom als auch für die restliche Mannschaft, die gegen Schalke Eigenwerbung betrieben hat. Wenn die Trainingswoche gut läuft und alle Spieler fit bleiben, besteht kein Grund für großartige Wechsel.

Die Vielzahl der Umstellungen vor dem Schalke-Spiel hat mich sehr gefreut und zeigt, dass Trainer Florian Kohfeldt sich kritisch mit den Leistungen seiner Spieler auseinandersetzt und durchaus bereit ist für personelle Veränderungen. Da kann es dann auch mal passieren, dass sich der Kapitän plötzlich auf der Bank wiederfindet. Marco Friedl und Milos Veljkovic haben ihre Aufgabe sehr ordentlich erledigt, und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass dies das Pärchen für die Zukunft ist. Wir schreien alle nach Veränderungen und jungen Spielern – nur dann sollte man ihnen auch die Chance geben und vertrauen, auch wenn zwischendurch der eine oder andere Fehler dabei ist. Vielleicht schaffen es in dieser Saison noch weitere junge Spieler, sich in der Stammformation zu etablieren. Ich würde es mir jedenfalls sehr wünschen.

Für Sonnabend gegen Bielefeld gilt es aber erst einmal, den positiven Eindruck vom Spiel gegen Schalke zu bestätigen und die nächsten drei Punkte mit einer leidenschaftlichen Leistung einzufahren.

Info

Zur Person

Dieter Eilts (55)

schreibt als Kolumnist für den WESER-KURIER. Der Ehrenspielführer der Bremer, Europameister von 1996 und ehemaliger U 21-Nationaltrainer, schaut bei Werders Spielen genau hin, analysiert die Leistungen der Mannschaft und die Entwicklungen im Verein.

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