Bundesliga-Kolumne von Lou Richter

Verfallen die Bayern in Schockstarre?

22 Pflichtspiele in Folge hat Werder gegen den FC Bayern verloren. Unser Kolumnist Lou Richter sieht trotzdem Grund zur Hoffnung: Deutschlands 0:6 gegen Spanien – mit fünf Bayern-Profis in der Startelf.
21.11.2020, 09:41
Lesedauer: 2 Min
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Von Lou Richter
Verfallen die Bayern in Schockstarre?

Lou Richter schreibt als Kolumnist für den WESER-KURIER.

WESER-KURIER

2020 ist laut dem chinesischen Horoskop das Jahr der Ratte. Damit tut man dem schlauen Nager keinen Gefallen. 2020 präsentierte sich bislang als Seuchenvogel. Wegen der Corona-Pandemie im Allgemeinen, wegen Werders Fast-Abstieg im Speziellen. Für Fußball-Fans kam jetzt noch die Schmach von Sevilla dazu. „Die Mannschaft“ als verschüchterter Knabenchor, dem die Stimmen versagen, Jogi Löw in Ohnmachtspose, Spinner labern Klopp herbei – alles nicht tragisch, im nächsten Jahr kommt eh ein neuer Bundestrainer. Tatsächlich blitzen zum Ausgang des Leidensjahres vermehrt Hoffnungsschimmer auf: der orangene Lügenbold muss das Weiße Haus verlassen, Impfstoffe verheißen Besserung und Werder hat in der Bundesliga sechs Spiele in Folge nicht mehr verloren.

Die Wahrscheinlichkeit, diese Serie in München auszubauen, erscheint nur dezent größer als Löws Chancen auf den Titel „Trainer des Jahres“. Es gibt in Bremen Gymnasiasten, die haben noch nie einen Punktgewinn von Werder gegen Bayern erlebt, dafür zwei 0:6, zwei 1:6, ein 0:7…ich hör schon auf. In Bremen fällt die Häme für Löws Luschen milder aus, man kennt das Gefühl. Die Hoffnung stirbt ja angeblich zuletzt, zuerst baut sie aber Luftschlösser. Vielleicht verfallen die fünf Bayern-Spieler, die gerade so derbe verdroschen wurden, in eine Schockstarre? Werder übermannt paralysierte Münchner! Denkbar ist leider auch: Ehrverletzte Bayern drehen entfesselt auf, Werder leidet als Sevilla-Blitzableiter.

Grüße an die vielzitierte Werder-Familie

Der Triple-Truppe aus München fehlt allerdings einer ihrer Besten, Joshua Kimmich. Der sagte nach dem Champions League Gewinn einen Satz, der unbedingt in´s Handbuch für Gewinner gehört: „Man hat bei uns das Gefühl, man spielt unter Brüdern, da steht eine Familie auf dem Platz.“ Grüße gehen raus an die vielzitierte Werder-Familie.

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In dem Zusammenhang will ich eben abschweifen zu meinem alten Kumpel Helmut Schulte, ein Mann, der immerhin als Trainer den FC St. Pauli, Dynamo Dresden und Schalke 04 schadlos überstanden hat. Einer dieser Vereine alleine hat schon manche gute Seele zerrieben. Grob verkürzt erläuterte er mir neulich eine der Säulen seines Credos. „Im Fußball gibt es nur drei Ergebnisse: Sieg, Unentschieden oder Niederlage. Im Gruppengefüge einer Fußballmannschaft gibt es nur drei Umgangsformen: Gegeneinander – dann werden wir verlieren. Miteinander – dann haben wir Chancen auf ein Unentschieden. Am besten ist Füreinander – dann können wir gewinnen.“

„Individuelle Hingabe für eine Gruppenaufgabe"

Dieser Schulte ist ein weiser Mann. Und er steht mit seinem Plädoyer in einer langen Trainer-Tradition. Vince Lombardi, der legendäre Football-Coach, nach dem die Super Bowl Trophäe benannt ist, hat schon seinen schweren Jungs aus dem Brechstangen Ballett erklärt, wie die Sache läuft: „Die individuelle Hingabe für eine Gruppenaufgabe – das ist es, was ein Team funktionieren lässt, eine Firma, eine Gesellschaft, eine Zivilisation.“

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Gestattet mir bitte etwas Schmalz: Kimmichs Familienvergleich, Schultes Füreinander und Lombardis Hingabe scheinen mir die richtigen Hinweise in dieser beknackten Corona-Zeit zu sein. Und wenn dieses erstaunliche 2020 noch eine Kapriole übrig hat, dann setzt Werder die schon traditionelle 1:1-Serie in München fort.

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