Eine Betrachtung von Marc Hagedorn Werder korrigiert den Kurs

Bremen. Wenn diese Saison in fünf Wochen zu Ende gegangen ist, soll sich einiges ändern bei Werder. Das Bremer Team soll dann anders zusammengestellt werden. Aber die Ansätze in dieser Saison waren wenig überzeugend.
17.04.2013, 05:00
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Werder korrigiert den Kurs
Von Marc Hagedorn

Wenn diese Saison in fünf Wochen zu Ende gegangen ist, soll sich einiges ändern bei Werder. Die Bremer wollen dann auf eine Mischung aus älteren, gestandenen Profis sowie jungen Talenten aus dem eigenen Haus setzen. Die Ansätze in dieser Saison waren wenig überzeugend.

Neulich in Wolfsburg: Der heimische VfL hatte gerade 2:2 gegen den 1. FC Nürnberg gespielt, da sinnierten Wölfe-Trainer Dieter Hecking und sein Sportchef Klaus Allofs laut über den idealen Bundesligaprofi. Hecking und Allofs redeten dabei nicht über Marko Reus, Mario Götze, die Benders oder Ilkay Gündogan, sondern über: Timmy Simons.

Der Belgier ist zwar Nationalspieler, sogar ein 92-facher. Aber er ist nicht besonders schnell, er schießt kaum Tore, er dribbelt nicht in bunten Schuhen durch die gegnerischen Abwehrreihen, und eine stets neue und verrückte Frisur trägt er auch nicht. Simons reicht zum Haareschneiden ein Rasierer, er ist 36 Jahre alt und damit der älteste Spieler der Bundesliga. Inzwischen hat er 97 Mal in Folge beim 1. FC Nürnberg in der Startelf gestanden – Vereinsrekord. So einen wie Simons, sagte Hecking also, hätte er gern.

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Ein paar Tage später sagte der HSV-Profi Marcell Jansen nach einer neuerlichen Niederlage seines Klubs: "Führungsspieler kann man nicht schnitzen, sondern die müssen von Natur aus so sein." Was das Gerede in Hamburg und Wolfsburg mit Werder zu tun hat? Eine ganze Menge. Denn wie bei den beiden Nordrivalen stellen sie auch bei Werder inzwischen fest, dass ihrer Mannschaft etwas ganz Bestimmtes fehlt: zwei, drei Spieler vom Schlage eines Timmy Simons nämlich. Diese Typen gab es mal in Bremen: Tim Wiese, Torsten Frings, Frank Baumann, Per Mertesacker, mit Abstrichen Naldo, Diego und Claudio Pizarro waren Persönlichkeiten, die klar im Handeln und Denken auf dem Spielfeld waren. Werder hat sie verkauft, verkaufen müssen oder ziehen lassen.

Sportchef Thomas Eichin und Werder-Chef Klaus Filbry sind dieser Tage gefragte Männer. Es vergingen zuletzt nur wenige Tage, an denen nicht einer von ihnen in einem Fernsehstudio oder einer Talkrunde sitzen und Auskunft über Werders Pläne geben musste. Die Bremer Entscheider haben in den vergangenen Wochen ein klares Bild von ihrer Mannschaft gewonnen. Eichin etwa vermisste erst beim 0:2 gegen Schalke wieder "einen verlängerten Arm" des Trainers auf dem Spielfeld. Werder wird im Sommer deshalb wohl zwei, drei Spieler um die 30 einkaufen.

Kein Umbruch vom Umbruch

Es werde keinen "Umbruch vom Umbruch" geben, sagen Eichin und Filbry zwar. Aber eine Kurskorrektur ist das mindestens. Die Bremer Erkenntnis: Nur mit jungen Profis und ausschließlich mit fußballerischen und spielerischen Lösungen ist das Überleben in der Liga schwierig.

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Indirekt haben die Bremer Verantwortlichen damit die Frage beantwortet, ob eine Mannschaft mit Eljero Elia, mit Marko Arnautovic, mit Mehmet Ekici, mit Aaron Hunt und mit Kevin De Bruyne funktionieren kann. Sie kann nicht. Wenn man der deutschen Nationalmannschaft zuschaut, mag man zwar auch einen anderen Eindruck gewinnen. Für Werder aber muss man festhalten: Drei, vier Individualisten, die fast ausschließlich ihre Stärken in außergewöhnlichen Aktionen ausspielen, gerne das Besondere versuchen, sind für diese Mannschaft mindestens zwei zu viel.

Ein Baustein: die Jugend

Auf junge Leute, das betonen Eichin, Schaaf und Filbry gleichzeitig, werde Werder deshalb in Zukunft aber noch lange nicht verzichten. Im Gegenteil: Der Klub will die Durchlässigkeit von unten (Jugend) nach oben (Profis) erhöhen. Nun haben gerade in den vergangenen zwei Jahren ein Dutzend Spieler, die jünger als 20 Jahre waren, in Werders Bundesligamannschaft debütiert. Dauerhaft durchgesetzt hat sich aber niemand. Überhaupt ist die Quote überschaubar: Außer Aaron Hunt, Sebastian Mielitz, Philipp Bargfrede und mit Abstrichen Niclas Füllkrug und Tom Trybull hat kein Talent besonderen Eindruck hinterlassen.

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Juniorennationalspieler wie die beiden U17-Europameister Florian Trinks und Lennart Thy haben den Verein verlassen. Andere Jugendnationalspieler wie Florian Hartherz oder Özkan Yildirim pendeln bestenfalls zwischen Einwechselungen und Trainingseinheiten bei den Profis sowie regelmäßigen Einsätzen in der vierten Liga. Mit dem lange verletzten Levent Aycicek, Martin Kobylanski, Regionalliga-Torjäger Johannes Wurtz und dem jungen Verteidiger Cimo Röcker habe man Nachwuchsleute mit toller Perspektive, heißt es bei Werder. Eichin spricht von "exzellenter Nachwuchsarbeit" – doch warum kommt davon so wenig in der Profimannschaft an?

Diese Frage geht an den Trainer. Thomas Schaaf, als Jugendtrainer bereits während der aktiven Laufbahn engagiert, wird von seinen Verehrern ein großes Geschick im Umgang mit jungen Leuten nachgesagt. Ob das die ganze Wahrheit ist? In dieser Saison des Umbruchs hat Schaaf mitnichten immer der Jugend den Vorzug gegeben, selbst wenn Werder an manchen Spieltagen tatsächlich eine der jeweils jüngsten Formationen auf dem Platz hatte. Nicht selten geschah dies, weil Spieler verletzt oder gesperrt ausfielen. Schaaf hat Talente auch warten lassen – und dafür muss man gar nicht die ewigen Beispiel Simon Rolfes, Max Kruse, Dennis Diekmeier oder Martin Harnik heranziehen, die längst anderswo etabliert sind.

Füllkrug, Hartherz und die anderen

Beispiel Elia/Füllkrug: Beide Stürmer starteten stark in die Vorbereitung; 5-Millionen-Mann und A-Nationalspieler Elia genauso wie Eigengewächs Füllkrug. 18 Mal in Folge stellte Schaaf trotz fallender Formkurve Elia in die Startelf. Einmal, am 14. Spieltag, durfte Füllkrug von Beginn an ran. Schaaf wird seine Gründe gehabt haben. Dass Füllkrug in der Hinrunde seine Aufgaben wesentlich schlechter erledigt hätte als Elia, kann man nicht behaupten.

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Beispiel Hartherz: An ihn denkt man bei Werder offenbar nicht mehr, wenn von größerer Durchlässigkeit von unten nach oben geredet wird. Im Vorjahr war der Linksverteidiger mit zehn Startelfeinsätzen in der Rückrunde noch ein Gesicht des neuen Bremer Jugendstils gewesen. Als jetzt gegen Düsseldorf alle potenziellen Linksverteidiger ausfielen, funktionierte Schaaf lieber den Innenverteidiger Mateo Pavlovic um als Hartherz zu bringen.

Beispiel Yildirim: Werder will ihn unbedingt halten. Doch Yildirim, 20 Jahre jung, zögert mit der Unterschrift: Er will spielen. Und gemeint ist damit nicht: in der Regionalliga.

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