Wie Pizarros großartige Karriere einst begann

Kein Arzt. Kein Anwalt. Fußballer!

Es gibt Gespräche, die verändern das weitere Leben. So war es auch beim damals 17-jährigen Claudio Pizarro, als der eine „sehr schwierige“ Unterredung mit seinem angesehenen Vater führen musste...
31.05.2020, 16:58
Lesedauer: 4 Min
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Von Jean-Julien Beer
Kein Arzt. Kein Anwalt. Fußballer!

Zurück in Bremen, zurück in der Reha: Claudio Pizarro am Freitag vor dem Weserstadion.

nordphoto

Ginge es nach dem ursprünglichen Drehbuch, dann wäre das Fußballmärchen des Claudio Pizarro an diesem Pfingstwochenende schon vorbei gewesen. Vor der Corona-Krise sollte der 34. Spieltag am 16. Mai über die Bühne gehen, selbst die Relegationsspiele wären schon längst absolviert. Und Pizarro würde entspannt daheim in Münchens noblem Stadtteil Grünwald auf seine einzigartige Karriere mit all den Rekorden zurückblicken.

Tatsächlich aber meint es der Fußballgott noch einmal gut mit seinem Claudio, vielleicht ein letztes Mal. Die schmerzhafte Oberschenkelverletzung, die sich der Peruaner am 11. Mai in einem internen Trainingsspiel zuzog, zwang ihn nun eben nicht dazu, am letzten Spieltag humpelnd ins Stadion zu kommen, um sich das Duell seiner letzten beiden Klubs anzuschauen, Werder gegen Köln. Das Saisonende ist nur erst für den 27. Juni vorgesehen, deshalb bleibt dem 41 Jahre alten Angreifer wohl genug Zeit, noch einmal im Werder-Trikot auf dem Rasen stehen zu können; zumal mögliche Relegationsspiele bis in den Juli reichen würden. Seit dieser Woche schuftet Pizarro jedenfalls in der Reha für sein Comeback, vielleicht ja für diesen einen Moment, dieses eine wichtige Tor, das seine großartige Karriere angemessen beenden würde.

„Ich möchte das unbedingt“

Wenn dann wirklich alles vorbei ist, wird Pizarro auch noch einmal an jenen Herbsttag in den 90er-Jahren zurückdenken, an dem seine Profi-Karriere erstmals zum Thema wurde. Das entscheidende Gespräch dafür gab es nicht in einem Stadion, sondern daheim im Wohnzimmer der Familie Pizarro in Lima. Nur ein paar Steinwürde von den lauten Wellen des pazifischen Ozeans entfernt, musste der Teenager Claudio Pizarro damals befürchten, dass es auch im Gespräch mit seinen Eltern gleich gewaltig rauschen würde. „Das war wirklich ein sehr schwieriger Moment“, erzählt er im Sonderheft „Pizarro – Würdigung einer Legende“, das der WESER-KURIER in diesem Frühjahr herausgegeben hat.

Denn er musste seinen Eltern nun die Wahrheit sagen. Nämlich, dass der gut erzogene Sohnemann aus gutem Hause doch keine Karriere als Arzt oder Anwalt anstreben würde, sondern Fußball spielen wollte. „Als ich mich mit meinen Eltern hinsetzte, um das Thema ernsthaft zu besprechen, war ich gerade 17 geworden“, erinnert sich Pizarro. Es war sein letztes Jahr in der Schule. „Ich habe also ganz offen und direkt zu meinen Eltern gesagt: Ich möchte Fußball spielen, das ist eine grundsätzliche Entscheidung für mein Leben, es ist das, was ich unbedingt machen möchte.“

Eine Bedingung des Vaters

Der Vater, ein angesehener Militäroffizier, reagierte nicht begeistert, erinnert sich der spätere Weltklasse-Stürmer: „Mein Vater hatte mich all die Jahre zuvor immer im Fußball unterstützt. Er fuhr mich zum Training und begleitete mich überall hin. Aber natürlich war das vor allem zu den Zeiten, als ich noch ein Kind war. Da ging es nur um den Spaß am Sport, um nichts anderes. Als es dann ernsthafter wurde zwischen mir und dem Fußball, sagte mein Vater: Junge, das ist ein schwieriger Weg, das wird nicht leicht für Dich hier im peruanischen Fußball. Überleg dir das gut! Und er wollte auch, dass ich arbeiten gehe oder studiere, bis ich einen Profivertrag in der Tasche habe. Oder besser sogar beides, arbeiten und studieren. Ich habe ihm gesagt: Okay, damit habe ich kein Problem, aber ich werde Fußball spielen.“

Auch seine Mutter war nicht entzückt. Der Profifußball hatte für sie etwas Schmutziges, ein mehr als komisches Geschäft, gerade in Südamerika. Welche Mutter will ihren Sohn dort gerne sehen? „Sie war immer diejenige, die sagte: Nein, mein Junge, was willst du denn da?“, erzählt die Werder-Legende, „sie meinte: Der Fußball ist nichts für dich. Aber sie hat dann auch gesagt: Wenn es das ist, was du wirklich machen möchtest, werde ich dich dabei unterstützen. So haben mir beide auf ihre Art geholfen. Sie haben mich bestärkt, aber nicht blind unterstützt.“

Job in einer Druckerei

Claudio Pizarro löste das Problem so, wie er es auch in den Jahren danach meistens machte. Er schaffte es, alle glücklich zu machen, setzte dabei aber trotzdem seinen Willen durch. Er ging nämlich arbeiten und studieren – und wurde trotzdem Fußallprofi. Und das ging so: „Ich habe gleich zum Ende des Schuljahres angefangen, in einer Druckerei zu arbeiten. Ich habe die Druckmaschine gereinigt. Ich war der Helfer des Mannes, der diese Maschine bedient hat. So war ich plötzlich Mitarbeiter in einer Druckerei in Lima, habe nebenher aber auch noch an einem Institut studiert. Für einen zweijährigen Kurs hatte ich mich dort eingeschrieben, es ging um Betriebswirtschaft.“

Aber schon zwei Monate später beförderte ihn sein Verein Deportivo Pesquero in die Profi-Mannschaft, die in der 1. Liga spielte. „Ich hatte zuvor schon in der Jugend dort gespielt“, erzählt er, „mein Job in der Druckerei dauerte also nur zwei Monate, das Studium auch. Aber am Ende habe ich damit das erfüllt, was mein Vater wollte: Ich habe gearbeitet und studiert, hatte aber das große Glück, dass ich schon nach zwei Monaten einen Profivertrag im Fußball erhielt. Heute kann ich sagen: Das lief ziemlich perfekt für mich.“

Noch ein großes Ziel

Dass sich sein Vater solche Sorgen machte, kann der Junior verstehen. „In jener Zeit, vor mehr als 20 Jahren, war es in Peru fast aussichtslos, im Fußball eine Karriere zu machen, von der du auch leben konntest“, berichtet Pizarro, „es sei denn, du warst ein außergewöhnlicher Spieler, der es nach Europa schaffte oder wenigstens raus aus Peru. Aber das kann man ja am Anfang nicht wissen und nicht planen. Als ich ein junger Spieler war, konnte man jedenfalls nicht behaupten, dass der Fußball in Peru irgendwie rentabel gewesen wäre. Natürlich habe ich schon als Kind und Jugendlicher immer gesagt, dass ich mal Fußballprofi werden möchte, aber das sagen ja viele Jungs. Doch dann kam halt der Moment, wo es ein konkretes Ziel wurde.“

Mehr als 20 Jahre später bleibt nur noch dieses eine, große Ziel: Nicht mit einem Abstieg von Werder Bremen aufhören. Wenn er selbst noch etwas dazu beitragen kann, hätte er einmal mehr alle glücklich gemacht – und seinen Willen durchgesetzt…

Hier gibt es das Pizarro-Magazin:

Das 100 Seiten starke Sonderheft des WESER-KURIER über Claudio Pizarro war zwischenzeitlich ausverkauft, nun wurde eine zweite Auflage gedruckt. Es gibt das Magazin zur Würdigung der Werder-Legende also wieder bequem per Klick in unserem Online-Shop, in den Kundencentern des WESER-KURIER, auch in Werders Fanshops und Online-Shop sowie in den Zeitschriftenregalen in Bremen und Umgebung. Viel Spaß damit!

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