Markus Anfang im Interview

"Wir dürfen das Ziel Wiederaufstieg nicht nach vorne stellen"

Der neue Werder-Trainer Markus Anfang spricht im Interview über die großen und kleinen Probleme der Gegenwart, über einen Mangel an Außenspielern, die Stadion-Rückkehr der Fans und den Kölner Karneval.
20.07.2021, 21:35
Lesedauer: 6 Min
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Von Daniel Cottäus und Carsten Sander
"Wir dürfen das Ziel Wiederaufstieg nicht nach vorne stellen"

Markus Anfang am Dienstag auf dem Werder-Trainingsgelände.

Andreas Gumz

Am Samstag geht es los startet Bundesliga-Absteiger Werder Bremen mit dem Heimspiel gegen Hannover 96 in die Saison der 2. Fußball-Bundesliga. Erstmals im Weserstadion an der Seitenlinie: Markus Anfang. Vor seinem Debüt hat der neue Werder-Trainer sich mit unserer Deichstube zum Interview getroffen. Ein Gespräch über die großen und kleinen Probleme der Gegenwart, über einen Mangel an Außenspielern, die Stadion-Rückkehr der Fans und den Kölner Karneval.

Herr Anfang, in einer Umfrage der Deichstube gehen aktuell 57 Prozent der Teilnehmer vom direkten Wiederaufstieg Ihrer Mannschaft aus. Ist diese Zahl für Sie a) ein Vertrauensvorschuss, b) Traumtänzerei oder c) eine Frechheit, weil viel zu niedrig?

Markus Anfang: Die Frage nach dem Wiederaufstieg kann man gerne stellen, ich stelle sie mir aber nicht. Unser erstes Ziel muss es sein, nach den Erlebnissen, die hinter dem Verein liegen, eine Mannschaft aufzustellen für die Ziele, die man dann im nächsten Schritt ausgibt. Das kann nicht umgekehrt laufen. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen dafür sind bekannt. Alle wissen, dass niemand realistisch einschätzen kann, wie die Saison verlaufen wird, weil wir noch nicht wissen, welchen Kader wir überhaupt zur Verfügung haben werden.

Heißt: Sie wählen Antwort b) Traumtänzerei?

Anfang: Nein. Das mit dem Vertrauensvorschuss finde ich besser. Man kann ja auch um die Problematik wissen und trotzdem ein gutes Gefühl haben. Die vor uns liegenden Aufgaben bergen ja auch Chancen in sich. Wir können und müssen etwas verändern, das kann ja auch gut sein. Ich selbst bin Optimist, aber eben auch Realist.

Sie haben bei Amtsantritt gesagt: Wiederaufbau geht erstmal vor Wiederaufstieg. Wie lange wird es dauern, bis Zweiteres an erste Stelle rücken kann?

Anfang: Sicherlich länger als nur eine Transferperiode lang. Zu glauben, ein Kader lässt sich schneller ganz grundsätzlich umstrukturieren, wäre vermessen. In Darmstadt haben wir es mal so definiert, dass wir von drei Transferperioden ausgegangen sind. Dennoch ist auch während des Prozesses kurzfristiger Erfolg möglich. Wir sagen ja auch nicht, dass wir ihn nicht haben wollen. Aber wir sagen, dass wir das Ziel Wiederaufstieg nicht nach vorne stellen dürfen. Klar ist: Der Wiederaufstieg muss auf Sicht natürlich das Ziel sein, weil Werder über 40 Jahre lang zur Bundesliga gehört hat und dorthin zurück will. Aber wie schnell das gehen kann, kann auch ich nur schwer absehen.

In der Defensive hat sich beim Umbau schon viel getan, vorne kaum etwas. Vor allem die Flügelspieler fehlen noch. Sind Sie bei Dienstantritt davon ausgegangen, dass Ihnen schneller neue Spieler präsentiert werden?

Anfang: Als ich hier unterschrieben habe, konnte mir niemand genau sagen, wie schnell das geht. Auch im Moment geht das nicht, weil der Markt sich noch nicht so richtig bewegt. Frank Baumann und Clemens Fritz (Werders Sportchef und Leiter Profifußball, Anm. d. Red.) würden mir am liebsten direkt den fertigen Kader hinstellen, aber die entsprechenden Transfers, die wir dafür benötigen, sind noch nicht absehbar.

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Sie haben sich früh auf ein 4-3-3-System festgelegt, Ihnen fehlen aber wenige Tage vor dem Saisonstart die Außenstürmer. Wie wollen Sie dieses Problem lösen?

Anfang: Ich finde nicht, dass es so ist. Wir spielen ja in Räumen und können diese Räume unterschiedlich besetzen. Wir haben Spieler, die über die Flügel kommen können…

…die aktuell aber fast alle verletzt sind – siehe Leonardo Bittencourt, Eren Dinkci und Abdenego Nankishi.

Anfang: Keiner wird aber für die ganze Saison ausfallen. Leo hat sich jetzt leider verletzt, aber ich sehe auch Romano Schmid, der auf den Flügeln in Eins-gegen-eins-Situationen gehen kann. Wir können auch mit Josh Sargent mit Tempo über den Flügel kommen, auch Felix Agu könnte das. Ich sehe zudem Yuya Osako, der das kann. Oder Manuel Mbom.

Das sind viele Namen und Varianten, aber auch echte Lösungen?

Anfang: Da sind wir wieder beim Thema Kaderstruktur und Kaderplanung. Ich kann jetzt alles wieder umwerfen, kann mit vier zentralen Mittelfeldspielern und zwei Stürmern agieren, habe dann aber nicht mehr so viele Möglichkeiten, nachzulegen, komme nicht mehr über die Flügel durch, muss durchs Zentrum und bin nicht mehr so variabel. Dann fragen sich alle: Was hat er denn jetzt geändert? Das ist der Gegenpart. Der Spielertyp, den wir jetzt auf den Flügeln haben, hat vielleicht nicht die Durchschlagskraft in der Umschaltsituation, kommt vielleicht nicht so mit Tempo hinter die Kette wie klassische Flügelspieler. Aber dafür gibt es andere Merkmale, die nicht zwangsläufig schlecht sein müssen.

Welche sind das?

Anfang: Wenn du zum Beispiel gegen einen tief stehenden Gegner spielst, der keinen Raum hinter der Kette anbietet, hast du vielleicht sogar einen Vorteil, wenn du auf den Flügeln Spieler hast, die es aus der Zentrale gewohnt sind, enge Situationen lösen zu können. Jetzt wegen der Verletzungen kurz vor dem Start alles umzuwerfen und eine andere Art Fußball zu spielen, wäre jedenfalls kein gutes Zeichen nach einer Vorbereitung, in der wir recht viele Tore geschossen, viele Chancen kreiert haben und nach der die Jungs ein gutes Gefühl haben.

Wie weit sind Sie denn gekommen in der Vorbereitung? Wie ist Ihr Gefühl?

Anfang: Wir hatten viele Bausteine drin, die wir drin haben wollten. Was aus meiner Sicht nicht so gut war: Wir konnten uns nicht mit einer klaren Formation einspielen und Automatismen reinbringen. Doch das war unter den gegebenen Umständen schon vorher klar und war der Situation geschuldet. Aber wir haben viele Spieler gut durch die Vorbereitung gebracht, haben an der Zweikampfhärte gearbeitet, die in der 2. Liga ein ganz entscheidender Faktor sein wird.

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Am Samstag werden 14.000 Fans im Weserstadion sein. Es wird Ihr erstes Heimspiel, welchen Empfang erwarten Sie?

Anfang: Erstmal freue ich mich für alle, dass es wieder ein Stück in Richtung Normalität geht. Das ist auch gesellschaftlich wichtig, bringt ein Stück Lebensqualität zurück. Endlich wieder etwas erleben zu können, ist schon positiv. Natürlich immer unter der Berücksichtigung, dass die Gesundheit über allem steht. Für uns, die Spieler und Trainer, ist es auch etwas Besonderes, dass wieder Zuschauer im Stadion sind. Alle zusammen, also auch die Fans, brauchen das jetzt wieder nach einer langen, schweren Zeit in der Pandemie, die ja auch noch nicht vorbei ist und nun in den von der Flutkatastrophe betroffenen Gebieten noch eine schlimme Steigerung erfährt.

Sie kommen aus Köln, Ihre Familie lebt dort. Die Stadt liegt zwar nicht in unmittelbarer Nähe zum Katastrophengebiet, aber auch nicht weit davon weg. Haben Sie persönliche Verbindungen zu Menschen in den zerstörten Orten?

Anfang: Ich bin persönlich nicht wirklich betroffen, zum Glück. Ich bin im Kölner Norden zu Hause, da sind Keller vollgelaufen. In der Umgebung meines Wohnortes ist aber auch ein Damm gebrochen, das Wasser ist in die andere Richtung geflossen. Die Häuser meiner Schwester und meiner Eltern sind ein bisschen feucht geworden, aber weder bei ihnen noch in meinem Haus sind große Schäden entstanden. Ganz enge Freunde mussten ihr Haus jedoch verlassen, sind vorübergehend bei uns eingezogen. Bei ihnen steht der Keller eineinhalb Meter unter Wasser und das zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit. Der Gedanke, von jetzt auf gleich kein Zuhause mehr zu haben, ist für mich schwierig. Aber das ist natürlich alles vergleichsweise glimpflich, wenn man die beklemmenden Bilder von völlig zerstörten Häusern sieht und die Nachrichten von immer mehr Toten liest. Dagegen ist alles andere ein Luxus-Problem.

Es heißt, dass Sie selbst nach Abendspielen am nächsten Morgen schon wieder ab 7 Uhr im Büro sitzen. Sind Sie so ehrgeizig oder können Sie nach Spielen sowieso nicht schlafen?

Anfang: Ach, man braucht im Alter ja weniger Schlaf (lacht). Ich stehe jeden Tag um 6.15 Uhr auf und mache mich fertig. Dann fahre ich ins Büro. Ich genieße die Ruhe, wenn ich bei der Arbeit ankomme. Dann mache ich mir meinen Kaffee, schaue mir alles in Ruhe an und bereite alles vor. Mir hilft es, etwas Zeit nur für mich zu haben, bevor die anderen nach und nach ankommen.

Was machen Sie, wenn Fußball mal keine Rolle spielen soll?

Anfang: Ich brauche Sport. Wenn ich morgens im Büro ein paar Sachen erledigt habe, ziehe ich mir gerne Laufschuhe an und laufe sieben, acht Kilometer. Dabei kann ich am besten Abschalten. Ganz wichtig ist natürlich auch die Familie.

Sie gelten als großer Freund des Kölner Karnevals. Wenn wir uns auf die Suche danach begeben würden: Was für peinliche Fotos könnten wir von Ihnen finden?

Anfang: Keine. Ich bin immer brav gewesen. Aber die Begeisterung ist natürlich da. Meine Kinder tanzen im Kölner Karneval, ich selbst bin auch damit groß geworden. Mein Vater kann nur Kölsch, der kann kein Hochdeutsch. Ich bin halt ein Ur-Kölner, das ist fest verankert. Im Karneval kölsche Lieder singen, gehört einfach dazu.

Haben Sie ein Lieblingskostüm?

Anfang: Sagen wir es so: Mein Koch-Kostüm hat schon einiges gesehen. Das hängt bis heute neben ein paar anderen Kostümen im Schrank.

Sie sollen die Tradition pflegen, nach Auswärtssiegen den Mannschaftsbus die erste Tankstelle ansteuern zu lassen, damit sich die Spieler dort ein „stilles Wasser“ kaufen können. Kann sich Werders Busfahrer auch darauf einstellen?

Anfang: Das ist keine Tradition. Bisher war es bei meinen Mannschaften aber so, dass ich den kurzen Stopp an der Tankstelle hin und wieder gerne erlaubt habe. Stilles Wasser gehört manchmal einfach dazu und ist auch völlig in Ordnung. 

Das Gespräch führten Daniel Cottäus und Carsten Sander.

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