Eggestein wird überall gebraucht

Große Aufgaben ohne alte Haudegen

Maximilian Eggestein soll im Bremer Spiel so ziemlich alles sein: Abfangjäger, Spielgestalter, Antreiber, Führungskraft. Aber kann der 23-Jährige, der bei Werder selbst genügend Probleme hat, das überhaupt?
29.10.2020, 10:51
Lesedauer: 2 Min
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Von Stefan Rommel

In einer idealen Trainerwelt steht man irgendwann vor der Frage: Wie viel individuelle Klasse kann oder muss geopfert werden für die jeweilige Philosophie? Welche Einzelkönner mit speziellen Waffen sitzen draußen, weil das Kollektiv sie bei der anstehenden Aufgabe nicht verträgt? Sehr viele Trainer kennen das Problem. Florian Kohfeldt ist davon derzeit befreit.

Sein Kader gibt speziell im Mittelfeld nicht zu viel her, die Auswahl an Spielern ist sowohl quantitativ als auch qualitativ eingeschränkt. Und weil zumindest bis zur Winterpause noch ein gestandener Sechser fehlt, schiebt Maximilian Eggestein derzeit fachfremd Dienst. Eggestein ist nach den Abgängen des Sommers hochgerutscht in der Hierarchie, zusammen mit Jiri Pavlenka, Niklas Moisander und Niclas Füllkrug soll er auf dem Platz so etwas wie eine Achse bilden.

Alte Idee im neuen Gewand

Nur ist diese Struktur mal wieder ziemlich zerrüttet. Füllkrug ist verletzt, Moisander spielt nur noch selten und Eggestein auf einer Position, die ihn vieler Stärken beraubt. Auch deshalb hat es Kohfeldt zuletzt mit einer alten Idee im neuen Gewand versucht.

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Der Trainer entschied sich auch in der Schlussphase der letzten Saison immer mal wieder für zwei zentrale defensive Mittelfeldspieler, stellte Davy Klaassen an die Seite von Eggestein. Das erste Experiment dieser Saison mit Zugang Patrick Erras im Pokal in Jena brachte nicht den gewünschten Effekt, Klaassen hat sich in der Zwischenzeit verabschiedet. Der Plan C mit Christian Groß neben Eggestein erzielte zuletzt ein paar erwünschte Effekte und ging besonders in den ersten 25, 30 Minuten auf: Hoffenheim hatte trotz dreier Pressingspitzen erhebliche Probleme im Anlaufen, während Werder einen seiner Schlüsselspieler wieder besser einbinden konnte.

Das Tempo mitnehmen

„Wir haben ja gesagt, dass wir flexibel sein müssen. Maxi nimmt diese Rolle wirklich wunderbar an“, lobte Clemens Fritz, Werders Leiter Profifußball. Eggesteins Ausweichen in die Halbräume brachte ihn in eine offenere Stellung mit Blickrichtung ins Spielfeld hinein und eine Linie höher als das als „klassischer Sechser“ so oft der Fall war. In eine Position also, in der er einen Ball auch mal einfach durchlaufen lassen und so das Tempo mitnehmen kann, so etwas wie seine ganz spezielle Eggestein-Bewegung. Das mag wie eine Marginalie erscheinen, für sein Spiel und den Wert für das Team sind diese kleinen Anpassungen aber wichtig. „Wir haben beim Aufbauspiel gegen Hoffenheim sehr mutig agiert“, sagte Fritz. „Es gab sicherlich auch Phasen, in denen es nicht so gut war. Ich denke aber, dass wir einen Schritt nach vorne gemacht haben.“

In Ermangelung eines echten Zehners, eines zweiten Achters und eines Sechsers wird Eggestein theoretisch überall gebraucht. Als Kontrollinstanz in der Defensive, als Treiber in der Offensive, als Passspieler, Torschütze und als Führungsfigur für die ganzen Kollegen, die ebenfalls teilweise arge Anpassungsprobleme zeigen. Das Manko ist ganz banal: Egal auf welcher Position Eggestein spielt – er wird auf einer anderen fehlen.

Eggestein hat sich in den letzten Jahren auch deshalb zum Stammspieler entwickelt, weil er die passenden Nebenleute hatte: alte Haudegen, neben denen der Jungspund wachsen und lernen konnte. Echte Komplementärfarben, die mit ihren Qualitäten seine Stärken deutlich zur Geltung brachten. Die ihn schlicht besser machen konnten. Nun ist Eggestein, immer noch erst 23 Jahre jung, der letzte Verbliebene der Mittelfeldreihe Sahin/Bargfrede-Klaassen-Eggestein-Kruse und schwer mit großen Aufgaben beschäftigt: Er ist lediglich der kleinste gemeinsame Nenner für seine aktuelle Position, eine Ideallösung ist nicht in Sicht. Dabei sollte Eggestein eigentlich die anderen besser machen. Das könnte in einer Mannschaft auf der Suche nach sich selbst aber noch eine Weile dauern.

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