Mboms Jugendtrainer erzählt

Schon früh ein Anführer

Manuel Mbom ist bislang die positive Überraschung der Werder-Saison. Was ist der 20-Jährige für ein Typ? Thomas Rusch war Mboms Jugendtrainer beim Bovender SV und spricht über dessen besondere Eigenschaften.
19.11.2020, 11:14
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Schon früh ein Anführer
Von Christoph Bähr
Schon früh ein Anführer

Als Kind hatte es Manuel Mbom seinem Coach beim Bovender SV angekündigt, nun hat er in ­dieser Saison tatsächlich den Sprung in die Bundesliga geschafft.

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Thomas Rusch erinnert sich noch genau daran, wie er vor etwas mehr als zehn Jahren mit seinen Jugendkickern plauderte und eine Frage stellte, die man Kindern eben so stellt. „Was wollt ihr später einmal werden?“ Acht und neun Jahre alt waren die Jungen, die Rusch mit großen Augen anblickten und dann fast alle Polizist oder Feuerwehrmann antworteten. Nur einer sagte: „Ich will Fußballprofi werden.“ Rusch erzählt: „Der hat das nicht einfach so dahingesagt, der meinte das wirklich. Das war zu merken, und das hat sich bei mir eingebrannt.“ Der Junge, den er meint, ist Manuel Mbom. Sechs Jahre lang, von der G- bis zur D-Jugend, trainierte Rusch den heutigen Werder-Profi beim Bovender SV. Jetzt hat Mbom seinen Kindheitstraum verwirklicht.

Seit er Ende September sein Bundesliga-Debüt gab, ist die Aufregung groß in Bovenden, einer 14 500-Einwohner-Gemeinde in der Nähe von Göttingen. „Wir sind unendlich stolz und werden diesem besonderen Tag einen ehrenden Platz in der Vereinshistorie widmen“, ließ der Bovender SV verlauten und feierte Mbom als „ersten Bovender in der Bundesliga“. Der 20-Jährige ist die positive Überraschung der bisherigen Werder-Saison und hat sich mit viel Einsatz in der Startelf festgebissen. Natürlich hat sich auch Thomas Rusch, der es eigentlich mit Borussia Mönchengladbach hält, die Werder-Spiele seines ehemaligen Schützlings im Fernsehen angesehen. „Schon als er in der Bremer U 23 und auf Leihbasis in Uerdingen gespielt hat, habe ich immer mal Spiele im Stream angeschaut, wenn es möglich war. Die Bundesliga-Spiele habe ich jetzt alle gesehen und mich sehr gefreut, dass Manuel so riesige Schritte in seiner Entwicklung gemacht hat.“

Die erfolgreiche Nachwuchsmannschaft des Bovender SV mit Trainer Thomas Rusch und Manuel Mbom.

Die erfolgreiche Nachwuchsmannschaft des Bovender SV mit Trainer Thomas Rusch und Manuel Mbom.

Foto: FR

Vieles, was er von Mbom in der Bundesliga sieht, kennt Rusch von früher. „Vor allem seine läuferische und physische Stärke. Er steht auch mal mit einem Gegenspieler Nase an Nase, hat überhaupt keine Angst. Das war damals schon so. Er hat sich früh gegen körperlich stärkere Gegenspieler durchgesetzt. Wir hatten einen sehr guten Jahrgang und haben auch mal gegen ältere Mannschaften gespielt. Da hat Manuel nie zurückgezogen. Er hatte keine Angst und hat das auch verbal gezeigt. Der diskutiert sofort mit und grätscht rein. Er ist einfach so ein Typ.“ In der Bundesliga zieht Mbom ebenfalls nicht zurück, hat schon vier Gelbe Karten gesammelt. Der Mittelfeldspieler, der momentan vor allem auf der rechten oder linken Außenbahn zum Einsatz kommt, ist jemand, der dazwischen haut. Das wissen sie bei Werder durchaus zu schätzen in einer Mannschaft, der in der vergangenen Saison oft vorgeworfen wurde, zu brav zu sein.

Nur auf dem Platz aggressiv

Diese Aggressivität zeige Manuel Mbom aber nur auf dem Platz, betont Rusch. „Privat ist er ein ausgeglichener Typ. Und er ist überhaupt nicht abgehoben. Das hat ihm auch das Elternhaus mit auf den Weg gegeben.“ Der frühere Jugendtrainer und Mbom schreiben sich bis heute regelmäßig Nachrichten. Thomas Ruschs Sohn Maurice trifft sich zudem mit dem Werder-Profi, wenn der Bovenden mal wieder einen Heimatbesuch abstattet. Beide spielten damals zusammen für den Bovender SV. Das Team um Mbom fand sich 2006 zusammen. Euphorisiert von der Weltmeisterschaft in Deutschland stand in jenem Sommer eine Horde Jungs vor Thomas Rusch und wollte im Verein kicken. „Das war eine tolle Truppe. Die sind auch alle zusammen zur Grundschule gegangen“, erzählt Rusch, der heute die Bezirksliga-Herren des SCW Göttingen trainiert. „Und wir haben alles gewonnen, was es auf der Ebene zu gewinnen gab: Kreismeisterschaften in der Halle und auf dem Feld. Solche Jahrgänge hat man nicht oft.“

Das Trikot ist gewöhnungsbedürftig, aber das Foto ist eben auch rund zehn Jahre alt: Manuel Mbom als Jugendspieler.

Das Trikot ist gewöhnungsbedürftig, aber das Foto ist eben auch rund zehn Jahre alt: Manuel Mbom als Jugendspieler.

Foto: Thomas Rusch

Der unumstrittene Anführer dieses Ausnahmejahrgangs war Manuel Mbom. Bei Youtube gibt es immer noch ein Video aus dem Jahr 2011 zu sehen, auf dem Kapitän Mbom nach der gewonnenen Kreismeisterschaft die berühmte „Humba“ anstimmt – nicht ganz buchstabiersicher, aber dafür mit viel Inbrunst. „Seit er neun oder zehn Jahre alt war, war er immer einer, der vorangegangen ist. Irgendwann haben wir ihn dann auch zum Kapitän gemacht, die Jungs wollten das so“, erinnert sich sein Jugendtrainer. „Wenn Manuel auf dem Platz stand, haben die anderen sich an ihm hochgezogen. Er hat Führungsaufgaben übernommen und für die anderen mitgearbeitet, dafür war er sich nie zu schade.“

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Bemerkenswert: Mbom konnte zwar schon früh gut mit dem Ball umgehen, doch laut Rusch gab es in der Bovender Mannschaft durchaus Spieler, die technisch noch einen Tick besser waren. „Manuels große Pluspunkte waren aber seine Physis und vor allen Dingen dieser unbändige Ehrgeiz. Er hat Extra-Laufeinheiten gemacht, während andere vor der Playstation gehockt haben.“ Seine Laufstärke hat sich Mbom bis heute bewahrt, sein Trainer Florian Kohfeldt schätzt diese sehr.

Von Werder entdeckt

Dass der Junge aus Bovenden besondere Qualitäten besitzt, fiel früh auf. Er wurde zum Stützpunkt-Training des Deutschen Fußball-Bundes eingeladen. „Bei den Stützpunktturnieren waren dann auch die Scouts der Bundesliga-Vereine“, erzählt Rusch. „Als Manuel zehn Jahre alt war, wurde er nach Bremen eingeladen. Ich bin mit ihm und seiner Mutter dorthin zum Training gefahren. Werder hat eine Sichtungsmannschaft aufgebaut. Alle paar Monate wurde Manuel nach Bremen eingeladen, um zu sehen, wie er sich weiterentwickelt.“ Was sie bei Werder sahen, beeindruckte die Nachwuchstrainer. Also entschieden sie sich dafür, eine Ausnahme zu machen: Als erster und einziger Spieler zog Manuel Mbom schon mit 13 Jahren ins Internat in der Ostkurve des Weserstadions ein. Normalerweise erhalten Talente frühestens mit 14 Jahren einen Platz.

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Was folgte, war eine Geschichte, wie sie sich die Werder-Verantwortlichen nicht besser hätten erträumen können. Manuel Mbom wurde Leistungsträger in den Jugendmannschaften, Junioren-Nationalspieler, bekam 2017 die silberne Fritz-Walter-Medaille als einer der besten Spieler seines Jahrgangs und schaffte nun den Sprung in die Bundesliga. Ganz geradlinig verlief die Karriere allerdings nicht. Für ein Jahr wurde er an den Drittligisten KFC Uerdingen verliehen, um Spielpraxis zu sammeln. „Da hatte ich schon auch meine Zweifel, ob er es noch packt“, gibt Thomas Rusch zu. Aber Manuel Mbom kam im vergangenen Sommer gestärkt aus Uerdingen zurück nach Bremen, wurde Stammspieler, U21-Nationalspieler und schaffte endgültig das, was er seinem Jugendtrainer damals angekündigt hatte: Er hat sich als Fußballprofi durchgesetzt.

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