Kollektiver Aussetzer mit Folgen? Mehr als nur ein schlechter Tag

Mit ein paar Worten hätten die Werder-Verantwortlichen das Geschehene wegwischen können, doch danach war ihnen nach dem 0:4 gegen Hoffenheim nicht zumute. Stattdessen gab es viel Selbstkritik und Warnungen.
22.02.2021, 20:08
Lesedauer: 3 Min
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Von Björn Knips

Damit hatte beim SV Werder Bremen wahrlich keiner gerechnet – und die Beteiligten standen nach der 0:4-Klatsche von Hoffenheim schon ein bisschen unter Schock. Eine gewisse Ratlosigkeit machte sich breit, wie plötzlich all das verschwunden sein konnte, was die Mannschaft in den Wochen zuvor so stark gemacht hatte. Immerhin war die Reaktion professionell: Es wurden keine Ausreden gesucht, sondern jede Menge Selbstkritik geübt – und eine klare Forderung vom Trainer formuliert, um im letzten Saisondrittel nicht doch noch in den Abstiegsstrudel zu geraten.

„Wir müssen jetzt eine Reaktion zeigen“, sagte Florian Kohfeldt und blickte dabei auf das nächste Spiel am Freitag: „Ob wir dann gegen Eintracht Frankfurt, die aktuelle Top-Mannschaft der Liga, gewinnen können, weiß ich nicht. Aber auf jeden Fall müssen wir anders spielen.“ Ansonsten dürfte es nämlich ziemlich schwierig werden, überhaupt noch mal zu punkten – oder wie es Kapitän Theodor Gebre Selassie kurz nach dem Schlusspfiff am Sonntag formulierte: „Mit so einer Leistung wie heute wird es gegen jeden Gegner extrem kompliziert.“

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Werder hatte beim gefühlten Frühlingsbeginn vom Arbeits- in den Freizeitmodus geschaltet, wollte schönen Fußball blühen lassen, anstatt erstmal gegen ersatzgeschwächte und von einer harten Europa-League-Woche geschlauchte Hoffenheimer den Rasen umzupflügen. „Wir standen auf dem Platz. Es war alles langsam, kein Zugriff, keine Aggressivität, keine Mentalität – und zwar kollektiv. Ich muss mich ja fast bei denen entschuldigen, die ich ausgewechselt habe, denn wir hätten uns heute alle auswechseln können“, haderte Kohfeldt und nahm sich dabei selbst in die Pflicht: „Wir alle, inklusive mir, denn ich bin Teil dieser Gruppe, haben heute einen sehr schlechten Tag gehabt.“

Nach vorne ging praktisch gar nichts. Ein harmloser Kopfball-Aufsetzer von Ömer Toprak, ein geblockter Schuss von Milot Rashica und ein gerade noch gestoppter Niclas Füllkrug – das war es auch schon an Chancen, wenn sie diesen Namen überhaupt verdient hatten. Ganz neu ist dieses Problem freilich nicht. Werder tut sich in dieser Saison sehr schwer damit, gefährlich vor das gegnerische Tor zu kommen. Das ist zum großen Teil auch der wesentlich defensiveren Ausrichtung geschuldet, um stabil durch die Spiele und die Saison zu kommen. Bislang ging der Plan zumindest so oft auf, dass auf dem Punktekonto genügend Zähler stehen, um nicht unten reinzurutschen.

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Doch wehe, die Defensive patzt so wie gegen Hoffenheim. Toprak und Marco Friedl waren im Abwehrzentrum völlig von der Rolle, aber auch davor wurde nicht energisch genug agiert. Ihlas Bebou (26.), Christoph Baumgartner (44.), Munas Dabbur (49.) und Georginio Rutter (90.) hatten viel zu leichtes Spiel, einen hochverdienten 4:0-Erfolg für die Kraichgauer herauszuschießen. Es war kaum zu glauben, dass Hoffenheimer erst durch diesen Erfolg den Tabellennachbarn überholen konnte, so groß hatte sich die Qualität beider Teams an diesem Sonntagabend unterschieden.

„Wir haben heute einfach gesehen, wo wir stehen, wenn wir nicht in allen Belangen ans Limit kommen. Das war eine realistische Einordnung unserer Leistungsfähigkeit“, meinte Kohfeldt und stellte seinem Kader damit wahrlich kein gutes Zeugnis aus. Es war einmal mehr der deutliche Hinweis darauf, dass mit dieser verjüngten Mannschaft eigentlich nicht mehr als der Klassenerhalt drin sei. Und selbst das wird trotz der guten Ausgangsposition nach 21 Spielen als Tabellen-Zwölfter mit fünf Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz und sechs auf den ersten Abstiegsplatz kein Selbstläufer. Obwohl Werder sogar noch ein Nachholspiel in der Hinterhand hat, aber das könnte in zwei Wochen gegen Arminia Bielefeld schon zur reinen Nervensache werden, wenn sich die Bremer in den nächsten Spielen genauso präsentieren wie gegen Hoffenheim.

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Doch genau dagegen geht Kohfeldt energisch an. Der Coach hat eine harte Analyse angekündigt – mit vielen Einzelgesprächen. Er will herausbekommen, warum die Stimmung auf dem Platz nicht passte, obwohl sie zuvor absolut in Ordnung gewesen sei. „Ich hatte nicht das Gefühl, dass wir auf einer Kaffeefahrt sind, es hat sich nicht abgezeichnet“, betonte Kohfeldt. Der 38-Jährige nimmt bei der Aufarbeitung auch die Mannschaft in die Pflicht: „Die Spieler müssen jetzt auch untereinander reden.“ Ein mögliches Ergebnis sei dabei übrigens inakzeptabel: „Ein langwieriges Problem entsteht aus so einem Spiel, wenn wir uns jetzt sagen würden: ,Das war nur einmal.’ Nein, nein, das darf dabei nicht rauskommen!“

Zwei Mal hatte es so eine Situation in dieser Saison schon gegeben – nach dem 1:4 zum Auftakt gegen Hertha BSC und zum Jahresstart nach dem 0:2 gegen Union Berlin. Danach gab es einen Sieg auf Schalke und ein Remis in Leverkusen. „Wir haben gezeigt, dass wir nach Rückschlägen zurückkommen können“, meinte Sportchef Frank Baumann, warnte aber zugleich: „Wir müssen das immer wieder neu beweisen. Es ist kein Gesetz, dass wir nach Rückschlägen positiv zurückkommen.“

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