Wie Werder seinen neuen Kader plant

Entwicklungshilfe mit Charakterköpfen

Die finanzielle Situation ist alles andere als rosig, über viel Geld für den Transfermarkt verfügt Werder bislang nicht. Trotzdem muss und soll sich der Kader ändern, konkrete Vorstellungen gibt es bereits.
12.07.2020, 17:03
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Entwicklungshilfe mit Charakterköpfen
Von Malte Bürger
Entwicklungshilfe mit Charakterköpfen

Niclas Füllkrug gehört zu den Spielern, die auch mal lauter werden - davon wünscht sich Trainer Florian Kohfeldt noch ein paar mehr.

gumzmedia/nordphoto

Einfach mal durchatmen, endgültig alles sacken lassen. Bei Werder hat die Zeit der Ruhe nach dem Sturm begonnen. Florian Kohfeldt gönnt sich ein paar Tage Urlaub, auch seine Spieler sind auf Reisen gegangen, um auf andere Gedanken zu kommen. Die zermürbende Saison, die mit dem Klassenerhalt immerhin noch ein akzeptables Ende fand, hat Spuren hinterlassen. Und es sind Spuren, die maßgeblichen Einfluss auf das haben werden, was da demnächst kommen wird. Denn Trainer Kohfeldt und Sportchef Frank Baumann haben im Grunde kaum Zeit zum Abschalten. Auch wenn die Bundesliga erst Mitte September beginnt, sind sie gefordert, die Kaderplanung in einem verrückten Corona-Sommer voranzutreiben.

„Im letzten Jahr war unser Ziel – abgesehen vom Abgang von Max Kruse –, alle Stammspieler zu halten und die Mannschaft punktuell dahingehend zu verstärken, dass wir auf vielen Positionen mit einem nachgewiesenen mindestens soliden Bundesliganiveau doppelt besetzt sind“, sagt Kohfeldt. „Wäre dieser Kader zusammengeblieben, dann hätte die Trainerarbeit nicht mehr darin bestanden, zu erklären, wie wir Fußball spielen wollen, weil viele schon ganz lange da waren. Wir hätten so an Feinheiten arbeiten können.“ Bekanntlich gelang das überhaupt nicht. Die vielen Verletzungen durchkreuzten sämtliche Pläne, es wurde mehr geflickschustert als nachhaltig gewoben. „Ich gehe davon aus, dass wir nach wie vor eine sehr gute Grundqualität im Kader haben werden. Aber wir werden natürlich auch Positionen mit jungen und entwicklungsfähigen Spielern besetzen. Und darauf freue ich mich“, sagt Werders Cheftrainer und fügt direkt ein Beispiel an. „Ein Felix Agu hat in Osnabrück auf sich aufmerksam gemacht. Ihm jetzt zu erklären, wie wir spielen wollen, ihn besser zu machen und mit ihm zu arbeiten, das sind ganz spannende Herausforderungen.“ Ähnlich wird es sich mit Talenten wie Romano Schmid oder Johan Mina verhalten.

Erst einnehmen, dann ausgeben

Noch vor einem Jahr wollte Werder hoch hinaus, statt um Europa geht es jetzt erst einmal wieder um die Entwicklungshilfe. „Nach dieser Saison, die wir gespielt haben, ist es wichtig, dass wir demütig in die neue Saison gehen“, sagt Frank Baumann. „Trotzdem wollen wir es uns nicht nehmen lassen, auch wieder ambitioniert zu agieren und zu handeln. Ob wir ein Ziel ausgeben und wie das aussehen wird, werden wir in Ruhe in den nächsten Wochen besprechen.“ Es dürfte entscheidend davon abhängen, welches Gesicht der Kader am Ende tatsächlich hat. Geschäftsführer Klaus Filbry bezifferte den Verlust jüngst auf rund 30 Millionen Euro, Sportchef Baumann betonte, dass „kein Spieler unverkäuflich“ sei. Milot Rashica gilt als sicherer Wechselkandidat, zusätzliche Einnahmen ließen sich am wahrscheinlichsten durch Abgänge von weiteren Stammspielern wie Davy Klassen, Maximilian Eggestein, Ludwig Augustinsson oder Jiri Pavlenka erzielen. Sicher ist: Nur wenn Geld reinkommt, wird Werder wirklich auf dem Transfermarkt Ausrufezeichen setzen können. Auch weil es bereits bestehende Kaufverpflichtungen für Leonardo Bittencourt und Ömer Toprak gibt.

Wie so häufig werden die Bremer ein hohes Maß an Kreativität beweisen müssen. Oder sie bauen darauf, dass das vorhandene Personal unter veränderten Vorzeichen vielleicht doch noch die Fantasien des Vorsommers erfüllt. „Meine Meinung über einige Spieler und deren Potenzial, das sie in der vergangenen Saison definitiv nicht abgerufen haben, hat sich nicht grundsätzlich verändert“, sagt Florian Kohfeldt. „Es gibt eine Menge Spieler in dieser Mannschaft, die ich sehr gerne haben wollte und von denen ich weiterhin überzeugt bin.“ Dennoch wünscht er sich punktuelle Verstärkungen. „Ich glaube, dass eine gesunde Veränderung im Kader – die nicht bedeutet, dass ich nur noch einen Spieler wiedererkenne, wenn ich aus dem Urlaub komme – neue Reizpunkte setzen kann. In der Trainingsarbeit und im Umgang untereinander.“

Gern schnell, aber lieber gut

In den Vorjahren hat Werder bei der Suche nach neuen Spielern nicht selten auf Zeit gespielt. Frank Baumann ist ein wahrer Experte auf dem Gebiet der späten Transfers. Aufgrund der Coronapause ist dieses Mal nicht der 31. August der entscheidende Stichtag, sondern sogar erst der 5. Oktober. „Da habe ich Geburtstag“, sagt Kohfeldt lächelnd. „Das ist ein guter Moment für Geschenke.“ Auch der 37-Jährige hätte natürlich gern früher Klarheit, doch auch er weiß um Werders finanzielle Situation. „Man darf jetzt nicht die Erwartung haben, dass in zwei Wochen der komplette Kader steht. Das kann außer Bayern München kein Verein der Bundesliga realisieren“, sagt Kohfeldt. „Wir müssen in einem Transfermarkt, den keiner vorher kannte und jetzt kennt, die für uns besten Möglichkeiten abpassen. Und ich bin sehr optimistisch, dass Frank das hinbekommt. Natürlich möchte jeder Trainer den vollen Kader zum ersten Trainingstag zusammenhaben, deshalb darf es gern so schnell wie möglich sein. Aber wichtiger ist: so gut wie möglich.“

Neben der fußballerischen Qualität wird ein entscheidender Faktor der Kandidaten-Auslese die Persönlichkeit der Spieler sein. „Viele Ideen, die wir hatten, sind nicht aufgegangen“, gibt Frank Baumann zu. So habe es zwar „viele Führungsspieler“, aber auch „wenig Dominanz“ gegeben. In der Tat brachte erst die Leihe von Kevin Vogt wieder eine charakterliche Zutat in die Mannschaft, die vorher lange nicht zu sehen war. „Es war vor der Saison so, dass wir wussten, dass uns mit Max Kruse jemand verlässt, der sehr respektvoll, aber auch sehr klar seine Meinung – auch gegenüber dem Trainer – geäußert hat. Und das wurde von mir auch so eingefordert“, sagt Kohfeldt. „Wir hatten zwei Führungsspieler im Kader, die diese Rolle von ihrem Naturell her übernehmen können und sollten. Das waren Niclas Füllkrug und der häufig unterschätzte Kevin Möhwald.“ Ihr Werdegang ist bekannt, beide Profis fielen mit Knieverletzungen monatelang aus. Somit war auch dieser Plan dahin. Erst auf der Zielgeraden der Saison sorgte die Füllkrug-Rückkehr für zusätzliches Feuer.

Echte Typen gesucht

Diese Energie möchte Florian Kohfeldt nach dem Urlaub wieder dauerhaft spüren. „Ich bin nach wie vor ein junger Trainer und es ist wichtig, dass ich eine Beziehung zu den Spielern schaffe, dass sie sich trauen, sehr offen, klar und kritisch mit mir zu reden“, sagt er. „Das hat uns in dieser Saison vielleicht manchmal gefehlt. Das muss man so sagen. Trotzdem glaube ich, dass wir diese Typen im Kader haben und sich der eine oder andere Spieler neben den beiden Genannten auch noch dahin entwickeln kann. Trotzdem ist es ein Aspekt, den wir in unseren Planungen berücksichtigen müssen. Ohne Frage.“ Und vermutlich passiert das auch schon jetzt, in der ganz kurzen Zeit des Durchschnaufens.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+