Werder will in München überraschen

Das alte Lied von der Sieglosserie

Im Grunde deutet alles auf eine weitere Niederlage für Werder gegen die Bayern hin, doch die Bremer wollen sich nicht kampflos geschlagen geben. Florian Kohfeldt und Clemens Fritz glauben an eine Überraschung.
16.11.2020, 17:32
Lesedauer: 3 Min
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Das alte Lied von der Sieglosserie
Von Malte Bürger

Florian Kohfeldt blickte für einen Moment in die Runde, als er kurz und bündig abriss, was er in der neuen Woche denn so alles vorhabe. Und nachdem er Trainingstage, Taktikblöcke und eine regenerative Einheit erwähnt hatte, lächelte er und ließ folgenden bemerkenswerten Halbsatz in der Aufzählung folgen: „Freitag ist dann der Abflug nach München – und Samstag heißt es: ungeschlagen bleiben.“ Noch bevor auch nur ein Journalist zur Nachfrage ansetzen konnte, ergriff Werders Coach dann doch lieber noch einmal das Wort: „Das ist ein Wunsch, keine Ansage.“

Es wäre auch reichlich kühn gewesen, wenn Kohfeldt es anders gemeint hätte. Die vergangenen 22 Spiele gegen die Bayern hat Werder schließlich allesamt verloren, kein anderer Klub in der Bundesliga hat eine derart lange Negativserie gegen den Rekordmeister vorzuweisen. Und eine Fortsetzung erscheint wesentlich wahrscheinlicher als ein Husarenstreich der Bremer. Florian Kohfeldt hat allerdings keine Lust darauf, dieses Spiel schon im Vorfeld abzuhaken. „Wir haben keine Angst“, sagt der 38-Jährige, zu dessen Job es nun einmal auch gehört, zarte Zuversicht zu verbreiten. So ungleich das Duell auch sein mag. „Das ist für uns eine schöne Herausforderung. Lasst es uns in München doch einfach mal probieren, ich habe richtig Lust darauf.“

„Eine Woche wie jede andere“

Einer, der ziemlich genau weiß, wie sich Niederlagen gegen den Branchenprimus anfühlen, ist Clemens Fritz. Werders heutiger Leiter Profifußball war als Spieler auf dem Feld dabei, als die Sieglosserie wuchs und wuchs. Im Laufe seiner Karriere hat Fritz es 16 Mal in der Bundesliga gegen die Bayern probiert, elfmal gab es eine Niederlage. Viermal reichte es zu einem Unentschieden und, ja, einmal zu einem Sieg. Im Oktober 2006 war das, als die Münchener im Weserstadion mit 3:1 abgefidelt wurden. Neben Fritz gehörten so illustre Namen wie Diego, Miroslav Klose oder Per Mertesacker zur Bremer Aufstellung. Lang ist's her. Letztmals gewann Werder im September 2008 den Nord-Süd-Vergleich – spektakulär mit 5:2 in der Allianz Arena. Ausgerechnet bei dieser Gala fehlte Fritz wegen einer fiebrigen Erkältung.

Am Wochenende gibt es nun also den nächsten Anlauf. Ein besonderes Kribbeln verspürt Fritz aber nicht. „Es ist eine Woche wie jede andere“, sagte er am Montag. „Mit Sicherheit wissen wir um die Schwere des Spiels und die Qualität der Bayern, trotzdem ist auch dieses Mal gefordert, was wir uns Woche für Woche vornehmen. Nämlich dass wir mutig und mannschaftlich geschlossen agieren und eine intensive Spielweise an den Tag legen.“ Es ist offenkundig, dass dies die Mindestvoraussetzung für die Gäste sein dürfte – sonst könnte es ein ungemütlicher Nachmittag werden. Mal wieder.

Nur keine Schockstarre

Werders früherer Innenverteidiger Sebastian Prödl war es, der vor einigen Jahren einen passenden Vergleich fand: „München ist wie ein Zahnarztbesuch. Muss jeder mal hin. Kann ziemlich wehtun. Kann aber auch glimpflich ausgehen.“ Zur Belohnung gab es die Auszeichnung zum Fußballspruch 2015, an Aktualität hat er aus Bremer Sicht bis heute nicht verloren. Dabei würde Clemens Fritz zu gern selbst im übertragenden Sinne für Schmerzen sorgen. „Man muss schon einen sehr guten Tag erwischen, um den Bayern wehzutun. Aber warum sollten wir ihn am Samstag eigentlich nicht erwischen?“, fragte er provokativ. „Wir wollen nicht nach München fahren und vorher schon in Schockstarre verfallen. Das ist der Fehler, den man auf keinen Fall machen darf. Wir sollten an unsere Stärke glauben und das Beste raushauen, was an diesem Tag möglich ist.“

Die Vorzeichen sprechen eindeutig für den Tabellenführer, der in dieser Bundesliga-Saison lediglich am zweiten Spieltag nicht gewann. Seinerzeit gab es ein unerwartetes 1:4 gegen die TSG Hoffenheim, auch die Bayern sind also schlag- oder zumindest überrumpelbar. Sogar dann, wenn niemand damit rechnet. „Wir reden über die Bayern, wir reden über die Serie. Wer traut uns eigentlich etwas zu in München?“, meinte Clemens Fritz, der auf ein „niemand“ als Antwort zwar verzichtete, doch auch so hatte jeder verstanden, was er damit hatte sagen wollen. „Wir können also befreit und mutig aufspielen. Es glaubt eh keiner an uns, wir können nur überraschen. Aber wir glauben an diese Überraschung.“

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