Bei Werder wird einmal tief durchgeatmet

Schwer erleichtert

Der Sieg in Mainz war unheimlich wichtig, für Werder sieht es in der Tabelle wieder etwas angenehmer aus. Große Erleichterung macht die Runde, Florian Kohfeldt setzt auf die neu gewonnene Stabilität.
20.12.2020, 17:22
Lesedauer: 4 Min
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Schwer erleichtert
Von Malte Bürger

Binnen weniger Minuten hallten ohrenbetäubende Schreie durch das Mainzer Stadion. Beide Male kamen sie von dem Teil der Tribüne, auf dem es sich der Werder-Tross bequem gemacht hatte. Das erste Gebrüll hatte Eren Dinkci mit seinem späten Treffer verursacht, kurz darauf war der ersehnte Schlusspfiff von Guido Winkmann der Auslöser. Spieler sanken erleichtert und mit geballten Fäusten auf die Knie, Trainer Florian Kohfeldt schlug die Hände vors Gesicht und blickte für einen kurzen Moment andächtig in den Abendhimmel. Und alles vor einer Geräuschkulisse, als hätte ganz Bremen in diesem Moment mitgebrüllt.

In diesen wenigen Augenblicken entlud sich all das, was drauf und dran war, wieder ganz unangenehme Züge anzunehmen. „Es war eine gewisse Anspannung da, weil ich der Mannschaft vorher gesagt habe, dass dies eine Partie ist, die die Saison in eine gewisse Richtung lenken kann“, sagte Florian Kohfeldt. „Wir haben durch den Sieg jetzt noch nichts geschafft, aber wir sind zumindest in die richtige Richtung abgebogen.“

In der Tat ist es so, dass die Bremer nun etwas entspannter die Liga-Unterbrechung angehen können. „Die Bedeutung der Partie zeigt allein die Tabelle und der Vorsprung, den wir jetzt auf die Abstiegsplätze haben“, sagte Maximilian Eggestein. „Dass es bis zur letzten Minute dauert, ist typisch für unser Jahr. Für uns war es sehr wichtig, dass wir die Serie ohne Zähler beenden konnten“, meinte Theodor Gebre Selassie. Wo vorher noch der schnelle Absturz in den Tabellenkeller drohte, gibt es nun wieder ein etwas dickeres Polster. Vier Zähler sind es aktuell auf den Relegationsplatz, sogar deren acht auf den ersten Abstiegsrang, den die Mainzer innehaben. Normalerweise sind das zu diesem Zeitpunkt der Saison, nach gerade einmal 13 Spieltagen, nur kleine Rechenspiele - für Werder bedeuten sie dieses Mal aber mehr. Sie geben Anlass zu der Hoffnung, dass verhindert werden kann, was verhindert werden soll: das Hineingeraten in den Sog nach ganz unten.

Werder profitiert fraglos davon, dass es andere Mannschaften gibt, die noch ganz andere Probleme haben. Eine wichtige Erkenntnis ist allerdings auch, dass es den Bremern im bisherigen Verlauf der Hinrunde gelungen ist, die drei bis dato punkteärmsten Konkurrenten FC Schalke 04, Mainz 05 und Arminia Bielefeld auch selbst zu schlagen. „Das ist das, was ich in den vergangenen Wochen zum Ausdruck bringen wollte: Um sicher in der Liga zu bleiben, gibt es Spiele, die du einfach gewinnen musst“, sagte Florian Kohfeldt. „Wir haben eines nicht gewonnen – das war das Heimspiel gegen Köln. Stuttgart spielt momentan einfach eine zu gute Saison, um sie aktuell in diesen Kreis mit einzurechnen. Andererseits: Hätten wir damals gegen sie gewonnen, wären wir an ihnen vorbeigezogen. Und das ist jetzt nicht vollkommen unrealistisch gewesen.“

Vor ziemlich genau einem Jahr hatten die Bremer schon einmal 14 Punkte auf dem Konto, damals jedoch zum Ende der ersten Saisonhälfte. Wirklich erholt wurde sich davon nicht mehr. Nun sind die Vorzeichen andere. Noch stehen vier Partien aus, in denen die Mitstreiter weiter auf Distanz gehalten werden können. Plötzlich werden die 14 Punkte als Chance gesehen. Zumindest intern. An anderer Stelle gibt es genügend Kritiker, die weiterhin vor allem den Optimierungsbedarf sehen. Denn so schön die Eren-Dinkci-Geschichte auch ist, sie verdeckt, dass in den 90 vorherigen Minuten offensiv erneut ein ausgeprägter Torriecher fehlte. Trotz größter Bemühungen und einer spielerischen Überlegenheit.

Und doch wähnt Kohfeldt sich und seine Mannschaft auf dem richtigen, einem besseren Weg. „Wir haben eine deutlich stabilere Mentalität“, sagte er. „In Leipzig, wo der Gegner einfach zu stark war, gab es das einzige Spiel, in dem wir wirklich chancenlos waren. In allen anderen Partien hatten wir die Möglichkeit zu punkten. Das sollte so weitergehen, denn dann bin ich mir sicher, dass wir zum Hinrunden-Ende nicht nur 14 Punkte haben werden.“ Auf eine konkrete Zahl wollte er sich nicht festlegen. Nicht nach den Erfahrungen des Vorjahres, als ihm sämtliche Prognosen auf die Füße fielen. Stattdessen sagt der 38-Jährige: „Selbst wenn wir sie haben, geht es für uns weiter.“

Der Sieg in Mainz war zweifelsfrei wichtig für die Tabelle. Aber er war auch von enormer Bedeutung für die Psyche der Spieler. „Wir waren nicht verunsichert. Das ist etwas, was ich herausstellen will und was man auch in den letzten Spielen gesehen hat“, sagte Kohfeldt. „Aber jede Niederlage ist natürlich eine Herausforderung und muss verarbeitet werden. Ganz egal, wie sie zustande kommt. Deshalb war es wichtig, dass wir uns in solch einer Phase jetzt mal belohnt haben. Das nimmt uns das Gefühl, dass etwas gegen uns läuft.“

Mit einem Sieg im Pokal am Mittwoch könnte Werder einem brutalen Jahr nun sogar noch ein versöhnliches Ende verpassen. Und der eigenen Anhängerschaft womöglich ein aus sportlicher Sicht doch noch frohes Weihnachtsfest spendieren. „Das müssen die Fans natürlich selbst bewerten, das will ich mir nicht anmaßen“, sagte Florian Kohfeldt. „Aber für die Ausgangssituation, in der wir waren, würde ich die Saison vom Sommer bis jetzt als stabil bezeichnen. Sie war nicht überragend, dafür hätten wir zwischendurch noch einmal einen Dreier landen müssen.“ Am Wunsch nach einem vorgezogenen Weihnachtsgeschenk ändert das nichts. „Wir wollen jetzt in die dritte Runde kommen, das wäre dann ein wirklich gelungener Jahresabschluss“, sagte Kohfeldt. „Darauf richtet sich mein ganzer Fokus.“

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