Werder nach der Derby-Pleite

Herz und Punkte auf dem Platz gelassen

Die Enttäuschung der Werder-Spieler war nach der Derby-Pleite gegen den HSV groß. Doch Trainer Anfang zeigte sich mit der Leistung weitgehend zufrieden.
20.09.2021, 06:27
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Von Carsten Sander

Die Bremer Spieler waren längst in der Kabine verschwunden, dachten dort in tiefer Enttäuschung über ein zwar sehr würdiges, aber eben doch verlorenes Nordderby nach, während auf dem Platz das Team des Hamburger SV immer noch seinen 2:0 (2:0)-Sieg in der ersten Zweitliga-Auflage dieses Fußball-Klassikers feierte. Die Spieler tanzten vor den Fans, übten sich in Triumphposen und fotografierten sich dabei gegenseitig. Aufnahmen für Seite eins des Karriere-Albums. Und später, als Werder-Trainer Markus Anfang versuchte, die turbulent-mitreißenden 90 Minuten eines Spiels, das so manch traditionsarmes und langweiliges Erstliga-Match locker in den Schatten gestellt hatte, in Worte zu fassen, zog in seinem Rücken eine Gruppe HSV-Profis mit einer laut dröhnen Musikbox vorbei. Party-Stimmung beim Gegner und ein neidisch-leidvoller Blick bei Anfang: „Ja, wenn du gewinnst...“

Wenn du gewinnst, dann gehört die Welt dir. So durfte sich der HSV fühlen, der den Erzrivalen durch Tore von Robert Glatzel (2.) und Moritz Heyer (45.) in der Tabelle überflügelte und nun Sechster ist. Die Bremer rutschten von Rang drei auf Platz acht ab und wussten genau: Das hätte nicht sein müssen. Nach einer verschlafenen Anfangsphase und einem frühen Platzverweis für Ersatz-Kapitän Christian Groß (31./übernahm die Spielführerbinde vom verletzten Ömer Toprak) ging der Bundesliga-Absteiger zwar mit einer schweren Hypothek in die zweite Halbzeit, zeigte dann aber, was in ihm steckt. „Wir haben“, sagte Mittelstürmer Marvin Ducksch mit viel Pathos, „uns in der Pause alle in den Arm genommen, angeschaut und gesagt: Wir wollen unser Herz auf dem Platz lassen – und das haben wir dann auch getan.“

Spätestens nach der Ampelkarte für HSV-Kapitän Sebastian Schonlau (52.) stürmte fast nur noch Werder, traf aber trotz bester Chancen nicht ins Tor. Der Blick auf die Match-Statistik löste bei Anfang, für den die Chancenverwertung zum Dauerthema wird, jedoch nicht nur Frust aus. Ein bisschen Zufriedenheit war auch dabei. „Ich glaube wir hatten am Ende 19:5 Torschüsse – und unter unseren 19 Versuchen waren sechs hundertprozentige Chancen.“ Zwei davon hatte der eingewechselte Niclas Füllkrug, der Rest ging auf die Konten von Ducksch, Romano Schmid, Lars Lukas Mai und Milos Veljkovic. Anfang: „Es ist ärgerlich, dass wir daraus kein Tor machen. Aber wie wir Druck gemacht haben, das war schon richtig gut.“

Dass Werder noch vor der Pause erst einem Elfmeter nach Foul an Ducksch und dann einem Freistoßtreffer des Torjägers die Anerkennung verweigert worden war (Mitchell Weiser hatte sich regelwidrig in die Hamburger Mauer gemogelt), gehörte zwar auch zur Geschichte der Partie, doch die Niederlage auf diese zwei Szenen zu schieben, wäre Anfang angesichts der Vielzahl der eigenen Chancen zu billig gewesen. „Das sind Teile gewesen, aber der größte Teil waren wir. Wir haben es in den ersten 25 Minuten nicht gut gemacht und haben in der Schlussphase kein Tor geschossen. Wir können deshalb niemand anderen für das Ergebnis verantwortlich machen als uns selbst“, sagte er.

Als „herben Rückschlag“ wertete Werder-Keeper Michael Zetterer die Derby-Niederlage, die natürlich deutlich schwerer wiegt als jedes andere verlorene Spiel. Eine Pleite gegen den HSV, noch dazu im eigenen Stadion – etwas Schlimmeres gibt es nicht für all jene, die es mit dem SV Werder halten. „Wir alle sind sehr enttäuscht“, meinte Zetterer: „Wir wollten unbedingt gewinnen – für die Fans, für die Stadt, für den Verein und für uns als Team.“

Die Frage bleibt nun, welche Langzeitwirkung die Pleite bei den Spielern erzeugt. Vor der Partie hatte Coach Anfang betont, dass ein Derby-Sieg „unheimlich viel Kraft“ geben kann. Und nun? Tritt nun das Gegenteil ein? Anfang glaubt nicht daran: „Diese Bedenken hätte ich, wenn wir ein schlechtes Spiel gemacht hätten, wenn wir uns aufgegeben hätten. Aber die Mannschaft hat sich ja nicht abschlachten lassen, ganz im Gegenteil. Was wir gesehen haben, war eine leidenschaftliche Mannschaft, die gnadenlos nach vorne gespielt hat, die sich dafür aber auch hätte belohnen müssen.“

Anfang setzt nun, die eigene These von der Kraft eines Derby-Sieges ins Gegenteil verkehrend, auf die Kraft des 0:2. „Manchmal helfen dir Niederlagen für die Zukunft sogar mehr als Siege“, sagte er und erklärte: „Wenn die Jungs aus diesem Spiel die Erkenntnis ziehen, dass du über 90 Minuten so auftreten musst wie wir in der zweiten Halbzeit, und das auch in die kommenden Spiele transportieren, dann wird uns dieses Erlebnis helfen.“

Dass die Fans die Partie ähnlich einordneten wie der Trainer, hatte sich nach dem Schlusspfiff gezeigt. Während der HSV vor der Westkurve seine Gewinner-Show startete, quittierten die Ostkurve die Derby-Pleite nicht etwa mit Pfiffen, sondern schickte die Werder-Profis sogar mit Applaus und Aufmunterung in die Kabine. Anfang: „Die Zuschauer haben gespürt, dass die Mannschaft unbedingt wollte. Und wenn man die gesamten 90 Minuten nimmt, dann wäre ein Unentschieden auch verdient gewesen.“

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