Toprak darf endlich wichtig sein

Nur Corona nervt noch

Zuletzt stand Ömer Toprak wieder in der Startelf bei Werder, nach vielen Verletzungen kehrt allmählich der gewohnte Alltag ins Leben des 31-Jährigen zurück – wenn da der Verzicht auf die Familie nicht wäre.
12.11.2020, 17:39
Lesedauer: 4 Min
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Nur Corona nervt noch
Von Malte Bürger
Nur Corona nervt noch

Ömer Toprak ist drauf und dran, sportlich die ersehnte Rolle zu übernehmen. Coronabedingt fehlt ihm allerdings derzeit die Familie.

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Als Abwehrspieler wird man manchmal ziemlich allein gelassen. Dann müssen plötzlich Situationen als Einzelkämpfer gemeistert werden, die schon gemeinsam schwierig durchzustehen sind. Richtig problematisch wird es jedoch, wenn aus seltenen Momenten der Einsamkeit ein Dauerzustand wird. Ömer Toprak kennt dieses Gefühl – nicht nur als Fußballer, sondern auch vom Leben abseits des Platzes.

Der Innenverteidiger hat viel zu viel Zeit allein verbracht. Das weiß er, das wissen sie bei Werder. In den vergangenen 14 Monaten musste er häufiger in die Reha als ihm lieb war. „Das letzte Jahr war wirklich sehr schwierig mit drei großen Verletzungen. Das kannte ich so vorher auch nicht“, sagt Toprak im November 2020, in dem er nun endgültig darauf hofft, eine langfristige Hilfe für Werder sein zu können. Er ist wieder drin im Geschehen, arbeitet dafür, dass die Kraft bald für 90 Minuten reicht. Und dafür, dass er nicht wieder allein trainieren muss. Oder schlimmer noch: Allein mit einer Verletzung den Tag rumkriegen muss.

Schwierigkeiten mit der Disziplin

So wie im Frühjahr. Beim Pokalspiel in Frankfurt hatte er gezeigt, was er kann – um dann in der Schlussphase böse gefoult zu werden und monatelang auszufallen. „Und dann kam auch noch Corona dazu“, erinnert sich Toprak. Seither hat sich sein Alltag komplett verändert, auch im Privatleben gibt es nun viel zu viel Einsamkeit. „Meine Familie ist am Bodensee und in der Türkei“, sagt der 31-Jährige. „Seit es Corona gibt, habe ich sie nicht so häufig gesehen.“

Ömer Toprak will sich trotzdem nicht beklagen. In einer Phase, in der das Virus an einigen Bundesliga-Standorten für Turbulenzen sorgt und Zweifel an einer regulären Fortsetzung des Spielbetriebs wieder wachsen, darf er mit seinen Teamkollegen der Arbeit nachgehen. „Wir halten uns wirklich diszipliniert an die Regeln, man sieht die Spieler eigentlich nur noch mit der Maske: in den Katakomben, bei den Behandlungen“, sagt er. „Es ist schwierig, so diszipliniert zu sein, aber wir wollen unbedingt trainieren und spielen, da müssen wir dieses Opfer einfach bringen.“

Klare, offene Meinung

Für ihn selbst gilt das mit dem Trainieren und dem Spielen vielleicht am allermeisten. Bislang konnte er lediglich in Ansätzen zeigen, warum Werder bereit war, die vorherige Leihe mit einer millionenschweren Kaufverpflichtung zu verknüpfen. Auch zuletzt hatte er auffällige Momente, in denen Toprak verdeutlichte, warum ihn Florian Kohfeldt eigentlich als Stammgast seiner Startelf einstuft. „Es ist keine Frage der Qualität bei Ömer. Wenn wir nur über Fußball reden, würde ich ihn sofort immer spielen lassen wollen“, sagte Werders Coach einmal. Nun ist die Hoffnung zurück, dass auch der Körper hält. „Ich habe nach der Wadenverletzung jedes Teamtraining mitgemacht, habe mich bei den Einheiten sehr wohlgefühlt und keine Wehwehchen gehabt“, sagt Toprak, der aber trotz seiner Bremer Verletzungsmisere nicht noch penibler in sich hineinhört. „Ich achte schon meine ganze Laufbahn auf meinen Körper“, sagt er. „Jeder kennt meine Geschichte und weiß, dass ich mit 19 Jahren einen Unfall hatte und die Karriere eigentlich vorbei war.“ Doch Toprak kam zurück. Was ist da also schon eine Muskelblessur?

„Jede Verletzung nervt“, weiß auch Clemens Fritz, Werders Leiter Profifußball. „Das sind Rückschläge, aber damit muss man leben. Auch Ömer hat direkt wieder diesen Blick nach vorne.“ Für sich, für das gesamte Team. „Wir wussten die ganze Zeit, dass er einen tollen Charakter hat. In der Vorsaison hatte er mit vielen Verletzungen zu kämpfen, sodass es schwierig mit dem Thema Verantwortung war. Da erlebe ich ihn aber aktuell sehr aktiv“, sagt Fritz. „Er hat eine klare Meinung, die er auch offen äußert.“

Leiden gegen die Bayern

Eigentlich bringt Ömer Toprak also alles mit, um ein echter Führungsspieler zu sein. Dafür muss er aber nicht nur richtig gesund sein, sondern auch seinen Startelfplatz aus dem Köln-Spiel verteidigen. „Darüber mache ich mir, ehrlich gesagt, keine Gedanken. Wir sind im Fußball-Business, in dem das Leistungsprinzip gilt“, betont Toprak. „Ich versuche, jedes Training mitzumachen und fit zu sein – und dann will ich natürlich auch jedes Spiel spielen. Keine Frage.“

Seit der 27-malige türkische Nationalspieler zurück ist, haben die Bremer viermal in Folge unentschieden gespielt. Schön ging es dabei nicht immer auf dem Feld zu, was zuletzt allerlei Kritiker auf den Plan rief. Ömer Toprak kann den Wirbel nach zehn Zählern und neun Gegentreffern aus sieben Spielen nicht so recht nachvollziehen. „Man kann offensiven, attraktiven Fußball spielen, aber am Ende nichts haben. Oder man steht stabil und sammelt Punkte“, sagt er. „Auch wir wollen alle offensiven Fußball spielen, alle am liebsten den Ball haben und so viele Tore wie möglich schießen. Das ist nur eben nicht so einfach. Ich weiß, dass man das gerade sehr häufig hört, aber es ist nun einmal ein Prozess hier. Sicherlich gibt es auch Spiele, aus denen wir mehr hätten mitnehmen können, aber wenn man weiß, wo wir herkommen, dann nehmen wir jeden Punkt mit – auch wenn wir vielleicht nicht so gut gespielt haben.“

Die Sorge vieler Fans ist, dass sich dieses Hamstern demnächst erst einmal erledigt haben wird. Zu namhaft ist ein Großteil der Gegner, den Anfang macht ein Auswärtsspiel beim FC Bayern München in der kommenden Woche. Bereits nach der Köln-Partie hatte Ömer Toprak gemutmaßt, dass Werder dort leiden werde, was im ersten Reflex auf einen sehr unangenehmen Tag schließen ließ. Nun ordnete er seine Aussage ein. „Die Bayern spielen so dominant, da kann es auch mal passieren, dass wir fünf Minuten lang den Ball nicht berühren. Da müssen wir viel laufen, die Räume eng machen und versuchen, die Zweikämpfe zu gewinnen“, meint Toprak. Explizit gesagt hat er es nicht, doch ihm war anzumerken, dass es auch hier – wenn überhaupt – nur auf einem Weg gehen kann: gemeinsam statt einsam.

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