Werders Offensive bleibt erschreckend harmlos Keine Besserung in Sicht

Werders Niederlage in Leipzig kam nicht überraschend. Ernüchternd war jedoch, wie ungefährlich sich die Bremer Offensive erneut präsentierte. Florian Kohfeldt rechnet nicht damit, dass sich das schnell ändert.
13.12.2020, 15:57
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Keine Besserung in Sicht
Von Christoph Bähr

Als Florian Kohfeldt nach dem Leipzig-Spiel zum x-ten Mal über den Strafstoß und seine emotionale Reaktion samt späterer Entschuldigung beim Schiedsrichter gesprochen hatte, reichte es dem Werder-Trainer. „Genug mit dem Elfmeter. Ich muss mich um wichtigere Dinge kümmern, am Dienstag kommt Dortmund, und wir brauchen einen ordentlichen Plan.“ Der SV Werder erlebt gerade seine erste englische Woche der laufenden Saison. Leipzig, Dortmund, Mainz in der Liga und Hannover im Pokal innerhalb von elf Tagen – es geht Schlag auf Schlag, und das kommt Kohfeldt gerade ganz gelegen. Die 0:2-Niederlage gegen Leipzig hatte er eine knappe Stunde nach dem Abpfiff praktisch schon abgehakt: „Das Spiel wird kein großes Thema mehr sein. Wir haben immerhin gegen einen Champions-League-Halbfinalisten gespielt. Man muss die Relationen beachten.“

Keine Frage, gegen Leipzig war wenig Überraschendes passiert. Werder war dem Spitzenteam klar unterlegen, wer hätte etwas anderes erwartet? Trotzdem kam Kohfeldt nicht umhin, noch einmal seine Sicht der Partie zu schildern. Und der Trainer hatte das Geschehen auf dem Platz anders wahrgenommen als viele Zuschauer: „Bis zum Elfmeter haben es die Jungs hervorragend gemacht. Der Plan war, hoch anzulaufen. Das machen in Leipzig die Wenigsten. Nach dem 0:1 haben wir bis zur Halbzeit nicht mehr so gut verteidigt. Nach der Pause war es dann ein offenes Spiel.“ Wer nicht so nachsichtig analysierte wie Kohfeldt, konnte zu dem Schluss kommen, dass Werder nach guten ersten Minuten kaum noch etwas gelang und die Leipziger nach diversen englischen Wochen in der zweiten Hälfte ihre Kräfte schonten.

Keine einzige Torchance

Leipzigs Torwart Peter Gulacsi wurde nicht ein einziges Mal ernsthaft geprüft. Werder war wieder einmal erschreckend harmlos. Klar, dieses Mal ging es gegen die beste Abwehr der Bundesliga. Doch auch gegen Gegner wie Bielefeld, Köln oder Stuttgart kreierten die Bremer kaum Chancen. „Das Spiel im letzten Drittel war nicht gut“, musste Kohfeldt in Leipzig eingestehen. Dass mit Niclas Füllkrug, Milot Rashica und Davie Selke drei Offensivspieler verletzt fehlten, sei auch keine Entschuldigung dafür. „Die, die da waren, hätten die Möglichkeit gehabt, viele Szenen besser auszuspielen“, hielt Werders Trainer fest.

Lesen Sie auch

Die Probleme im eigenen Ballbesitz begleiten Werder durch die bisherige Saison. Die defensive Stabilität war zunächst der große Pluspunkt, doch zuletzt führten wieder vermehrt individuelle Fehler zu Gegentoren, etwa gegen Stuttgart und Leipzig. Acht Spiele hintereinander ohne Sieg und drei Niederlagen in Serie waren die Folge. Die Stimmung im Umfeld ist dementsprechend schlecht. Die Angst vor einer weiteren Saison tief im Abstiegssumpf ist groß, nur die Werder-Verantwortlichen weigern sich weiterhin standhaft, Parallelen zur vergangenen Spielzeit zu erkennen. „Die Ausgangslage der Mannschaft ist eine ganz andere als vor einem Jahr. Wir sind jetzt nicht am Boden zerstört, in dem Sinne, dass alle Träume geplatzt sind“, sagte Kohfeldt und betonte mit Blick auf die Tabelle: „Der Abstand nach unten wird bei vier Punkten bleiben nach diesem Spieltag. Das muss man zur Kenntnis nehmen.“

Das Problem mit der Königsdisziplin

Wenn Werder nicht bald mal wieder punktet, könnte das Polster auf die Abstiegsränge allerdings schon bis Weihnachten verschwunden sein. „Diese Mannschaft wird Punkte sammeln“, versprach Kohfeldt, um dann hinzuzufügen: „Aber wir müssen besser werden. Leider gehen wir kleine Schritte. Die Spieleröffnung wird besser. Das Pressing ist gut bis sehr gut. Das Gegenpressing ist top. Das andere ist halt die Königsdisziplin im Fußball, dafür werden wir noch etwas Zeit brauchen.“ Mit der Königsdisziplin meinte er das Herausspielen von Torchancen. Eine schnelle Steigerung in diesem Bereich erwartet Kohfeldt demnach nicht, zumal Füllkrug, Rashica und Selke noch länger ausfallen.

Zwangsläufig stellt sich da die Frage, wie Werder in den zwei ausstehenden Ligaspielen vor Weihnachten noch punkten will. Kohfeldt setzt vor allem auf die Leidenschaft und hielt ein Plädoyer für seine Spieler: „Diese Mannschaft wird sich entwickeln. Die trainieren mit aller Inbrunst und wahnsinnig gut. Die schmeißen in jedem Spiel ihr Herz auf den Platz, das kann ihnen keiner absprechen.“ In der Tat stimmte die Einstellung bislang immer, doch das allein reichte eben nicht aus, um zu punkten. „Ich hätte mir natürlich gewünscht, dass wir in den Spielen gegen Bayern, Wolfsburg und Stuttgart mehr holen“, sagte Kohfeldt. „Unter gewissen Umständen wäre in jedem Spiel auch mehr möglich gewesen. Aber dass es auch so laufen kann, wie es jetzt gelaufen ist, war mit einzukalkulieren, wenn man es realistisch betrachtet. Stuttgart einmal ausgenommen, sind die Voraussetzungen bei den Mannschaften, gegen die wir zuletzt gespielt haben, einfach andere.“

Lesen Sie auch

Dass Bayern, Leipzig und auch Wolfsburg finanziell inzwischen in einer anderen Liga spielen als Werder, steht außer Frage. Trotzdem schaut manch ein Bremer Fan etwas neidisch auf Mannschaften wie den VfB Stuttgart oder Union Berlin, die aus ihren Möglichkeiten derzeit das Optimale herausholen. Stuttgart schlug nicht nur Werder, sondern nun auch Dortmund, und zwar gleich mit 5:1. Der BVB entließ daraufhin am Sonntag Trainer Lucien Favre. Der bisherige Co-Trainer Edin Terzic trägt nun die sportliche Verantwortung beim Spiel gegen Werder. Kohfeldt hatte kurz nach dem Abpfiff in Leipzig von der Dortmunder Pleite erfahren und sagte daraufhin: „Das ist ein sehr überraschendes Ergebnis." Überraschen lassen muss sich nun auch Werder, denn Terzic ist ein unbeschriebenes Blatt. Das erschwert die Spielvorbereitung für Kohfeldt und sein Trainerteam zusätzlich.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+