Taktikanalyse zum 1:2 gegen Schalke Werder pflegt seine Ergebniskrise

Werder verliert ein Spiel gegen einen schlagbaren Gegner. Eine Erkenntnis reift immer mehr: Man kann es derzeit nur mit der ersten Elf richten. Die ist nach dem Schalke-Spiel noch weiter dezimiert.
17.09.2017, 12:09
Lesedauer: 6 Min
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Von Stefan Rommel

In einem insgesamt ausgeglichenen Spiel entscheiden drei Standardsituationen über Sieg und Niederlage. Werder spielte wie in den ersten Spielen solide, in der ersten Halbzeit sogar überdurchschnittlich gut. Die Mannschaft stellte sich in einigen Szenen aber ungeschickt an und brachte sich unnötig um wenigstens einen Punkt.

Werder-Trainer Alexander Nouri nominierte nicht nur denselben Kader wie in der Vorwoche in Berlin, also erneut ohne Johannes Eggestein und Aron Johannsson, sondern auch dieselbe Startelf. Die Dreierkette bildeten wie immer Robert Bauer, Lamine Sane und Milos Veljkovic (von rechts nach links), davor Maximilian Eggestein als Sechser, flankiert von Thomas Delaney und Florianz Kainz. Theo Gebre Selassie (rechts) und Ludwig Augustinsson (links) spielten auf den Außenbahnen und im Sturm Max Kruse und Fin Bartels. Werder demnach wie immer in der gewohnten 3-1-4-2-Grundordnung.

Schalke vollzog zwei durchaus interessante Wechsel im Vergleich zum Stuttgart-Spiel: Für Nabil Bentaleb begann der etatmäßige Innenverteidiger Benjamin Stambouli auf der Doppel-Sechs, Thilo Kehrer rückte dafür in die Innenverteidigung. Und der bullige Guido Burgstaller kam als klarer Stoßstürmer an Stelle von Max Meyer im Angriff zum Zug. Coach Domenico Tedesco präferierte erneut das 3-4-3 für seine Mannschaft.

Sehr ähnliches Pressing

Beide Mannschaften wählten im Pressing zwei nahezu identische Varianten. Werder presste gegen Schalkes Dreieraufbau nicht nur mit Kruse und Bartels, sondern zog auch Kainz immer wieder aus seiner Achterposition höher, um Naldo zuzustellen. Vereinzelt übernahm auch Delaney den Job des dritten Angreifers im Pressing. Wie schon in Berlin setzte Werder häufig auf klare Zuteilungen der Gegenspieler.

Schalke setzte im Spiel gegen den Ball auch auf die drei auf einer Linie agierenden Angreifer, die sich wie die Bremer an jeweils einem Gegenspieler orientierten und so einen ruhigen, kontrollierten Spielaufbau verhindern sollten.

Beide Mannschaften mussten also vermehrt mit langen Bällen ihrer Torhüter oder Innenverteidiger das Mittelfeld überbrücken - wobei sich Werder in den Folgeaktionen deutlich aggressiver und besser gestaffelt zeigte.

Bremen nutzte in diesen Momenten die wenig kompakten Anordnungen der Schalker und sammelte jede Menge zweite Bälle ein. Die etwas zu großen Abstände der Spieler und Ketten untereinander machten es den Gästen auch schwer, in den vielen hart umkämpften Zweikämpfen mit dem richtigen Timing zu bestehen. Die Zweikampfquote, an und für sich ein durchaus diskutabler Wert, hatte in diesem Fall aber durchaus Aussagenkraft: Nach rund 20 Minuten hatte Werder zwei Drittel aller Duelle gewonnen. Die meisten davon spielten sich im Mittelfeld ab.

Effizienz und Schusseligkeit

Zu diesem Zeitpunkt hatte Werder bereits seinen wichtigsten Offensivspieler verloren. Nach einem harten Tackling von Thilo Kehrer war die Partie (und unter Umständen auch die Hinrunde) für Kruse beendet. Ishak Belfodil kam deshalb deutlich früher als geplant zu seinem Einsatz. Kruses Ausfall veränderte die Statik im Bremer Spiel nur in Nuancen, die aber im Laufe der Partie doch immer augenscheinlicher wurden.

Im Anschluss an Kruses Auswechslung erzielte Sane per Abstauber die Führung, Werders erste in dieser Saison überhaupt. Aber anstatt aus einer komfortablen Situation ruhig weiterzuspielen, verursachten Sane und Keeper Jiri Pavlenka mit einem Missverständnis einen unnötigen Eckball, den Pavlenka nicht sauber geklärt bekam und dann Veljkovic auf besonders kuriose Weise im eigenen Tor unterbrachte.

Werders neu entdeckte Effizienz mit dem ersten Tor bei der ersten Großchance machte eine Schusseligkeit vergleichbar mit jener beim Gegentreffer in Berlin keine zwei Minuten später quasi wieder zunichte. Ohne Niklas Moisander, Zlatko Junuzovic und Kruse spielte Werder die erste Halbzeit fast am Limit zu Ende, eine große Konterchance wurde durch einen unsauberen Pass des erneut schwachen Bartels aber leichtfertig vergeben.

Werder hatte ein leichtes Übergewicht, wirkte griffiger als der Gegner. Trotzdem tat sich die Mannschaft schwer, aus dem Spiel heraus Chancen zu kreieren. Schalke bot eigentlich genug Ansatzpunkte, wirkte im Pressing nicht zusammenhängend genug, verteidigte lasch mit der Angriffsreihe, die dazu auch noch den Kampf um die zweiten Bälle fast ausschließlich den Kollegen überließ.

Hier machte sich Stamboulis körperliche Präsenz bemerkbar, der aufräumte, so gut es ging und Schalke in dieser durchaus schwierigen Phase bis zur Pause ein wenig Stabilität verlieh. Im Spiel mit dem Ball zeigten die Gäste zwar gute Ansätze, spielten ihre Angriffe aber technisch nicht sauber aus. Amine Harit rückte von der Außenbahn immer wieder weit ins Zentrum ein, um dort Überzahl zu schaffen und vor allen Dingen Räume zu öffnen für Daniel Caligiuri.

Da Veljkovic seinem Gegenspieler Harit weit und aufmerksam folgte, ging der erste Teil des Plans auch auf - der zweite aber so gut wie nie. Caligiuri konnte seine Geschwindigkeitsvorteile gegen Augustinsson kaum mal gewinnbringend einsetzen. Tedesco reagierte auf die Probleme im Aufbau, wechselte zur Pause und stellte damit wieder das gewohnte Schalker Mittelfeld her: Für den verwarnten Stambouli kam Bentaleb.

Tedesco reagiert entschlossen

Schalke konnte jetzt das Bremer Pressing mit Bentalebs Unterstützung besser auflösen, kombinierte mehr mit kurzen Flachpässen durch das Mittelfeld und brachte Leon Goretzka immer wieder in höheren Positionen ins Spiel. Auch das Nach-vorne-Verteidigen funktionierte besser, Schalke hatte deshalb nicht mehr so viel Stress und Unruhe vor dem eigenen Strafraum. Werder wurde so klarer vom Tor ferngehalten - und hatte trotzdem die besseren Chancen. Belfodil zeigte, dass er sich in engen Räumen trotz seiner Körpergröße durchaus wohl fühlt und kam mit einigen Dribblings bis zur Grundlinie. Eine der Hereingaben verpasste Kainz, der wenig später mit einem abgefälschten Schuss knapp scheiterte.

Das Spiel wurde im Lauf der zweiten Halbzeit immer umkämpfter, als Tedesco als Erster reagierte. Franco di Santo ersetzte schon nach einer Stunde Yevhen Konoplyanka. Das verlieh Schalkes Pressing und auch dem Gegenpressing nochmal frischen Wind und beschäftige die Bremer Innenverteidigung nun auch zusehends in der Luft. Sein Gegenüber Nouri ließ seinen einzig verbliebenen Offensivspieler Izet Hajrovic vorerst auf der Bank.

Tedesco verstärkte das Signal an seine Mannschaft mit der Einwechslung von Rückkehrer Breel Embolo zehn Minuten vor dem Ende für Harit. Schalke hatte jetzt drei nominelle Mittelstürmer auf dem Platz und eine entsprechende Präsenz - bei Werder dagegen machte sich bei Kainz und Belfodil doch immer mehr Müdigkeit bemerkbar. Schalke variierte seine Angriffe besser, gab seine Linkslastigkeit immer mehr auf, versuchte es dank Goretzka verstärkt durchs Zentrum.

So wurde auch der Siegtreffer eingeleitet, als Goretzka übers Zentrum kombinierte und mit einem abgefälschten Schuss scheiterte. Die anschließende Ecke versenkte der Schalker dann aber, weil Werder in der Zuordnung fünf Meter vor dem Tor schlief. Das dritte Tor nach einem Standard entschied die Partie.

Zu viele Ausfälle

Werder blieb sich und seiner Linie insofern treu, dass die Mannschaft über weite Strecken der Partie auch gegen Schalke gut strukturierten Defensivfußball bot, sich aber durch Fehler, die auf diesem Niveau in der Häufigkeit nicht passieren dürfen, selbst bestrafte. Dass Werder schon wieder nicht unbedingt die schlechtere Mannschaft war, trotzdem aber mit leeren Händen dasteht, ist einerseits eine Erkenntnis, die Mut macht. Auf der anderen Seite tun Niederlagen dieser Art aber eben auch besonders weh.

Was Sorgen bereitet, ist der Ausfall von Kruse. Belfodil wird wohl kein klarer Ersatz sein, das haben die 70 Minuten gegen Schalke angedeutet. Kruses Fähigkeiten, sich vom Gegner wegzustehlen und mit weiträumigen Bewegungen Räume für die Mitspieler zu schaffen, dürfte Belfodil nicht eins-zu-eins ersetzen können.

Der Algerier dreht sich mehr selbst in enge Situationen rein, dribbelt mit dem Ball am Fuß. Das kann auf eine andere Art positive Wirkung zeigen. Kruses Übersicht, dessen Spielverlagerungen und das Timing, nach Ballgewinnen sofort in die richtigen Zonen zu laufen und anspielbar zu sein, wird Belfodil aber erst noch verinnerlichen müssen.

Schalke-Coach Tedesco hat erneut gezeigt, dass er eigene Entscheidungen revidieren, entschieden in den Spielverlauf eingreifen und durchaus mutig wechseln kann. Schalke konnte ein ausgeglichenes Spiel langsam immer weiter auf seine Seite ziehen und hatte am Ende das Glück nach einem Standard. Werder hat diese personellen Möglichkeiten in der Qualität nicht. Da muss es im Prinzip eine erste Elf richten. Der fehlen jetzt aber gleich drei wichtige Spieler und einige andere sind immer noch auf der Suche nach ihrer Normalform. So viele Ausfälle sind über 90 Minuten offenbar nicht stabil zu kompensieren.

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