Werder-Präsident Hess-Grunewald im Interview "Ich klebe nicht an meinem Stuhl"

Hubertus Hess-Grunewald ist eine der zentralen Figuren bei der Mitgliederversammlung. Im Interview kritisiert er unter anderem die Kandidatenauswahl für den Aufsichtsrat.
03.09.2021, 08:28
Lesedauer: 5 Min
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Von Björn Knips

Welchen vier Aufsichtsratskandidaten werden Sie am Sonntag Ihre Stimmen geben, Hubertus Hess-Grunewald?

Das weiß ich noch nicht. Ich werde mich erst am Sonntag nach der persönlichen Vorstellung der Kandidaten entscheiden.

Sind Sie mit der Kandidatenliste des Wahlausschusses zufrieden?

Nein, ich habe erhebliche Kritik an der Kandidatenauswahl. Dass keine Frau auf der Liste steht, das treibt mich und meine Kollegen im geschäftsführenden Präsidium um. Da finden sich unsere weiblichen Mitglieder nicht wieder, auch nicht die vielen Sympathisantinnen des Clubs. Wir haben als Präsidium in der Vergangenheit gegenüber Vertretern des Wahlausschusses immer sehr deutlich gemacht, dass es uns wichtig wäre, weibliche Kompetenz auf der Liste wiederzufinden.

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Waren aus Ihrer Sicht Bewerberinnen mit einer ausreichenden Qualifikation dabei?

Wenn der Wahlausschuss das Gefühl hat, dass es keine geeignete Kandidatin gibt, dann hätte man noch mal auf die Suche gehen müssen. Da hätte man sich mit den anderen Gremien im Verein besser abstimmen können. Bei aller satzungsmäßigen Unabhängigkeit des Wahlausschusses, die ich für sehr wichtig halte, muss ein besserer Austausch möglich sein.

Fehlt Ihnen nicht auch die Fußball-Expertise bei mindestens einem Kandidaten?

Ja, aber der Wahlausschuss sagt, dass ihn andere Kandidaten mehr überzeugt haben, da akzeptiere ich seine Unabhängigkeit. Bei der Frage der Frauen bin ich anderer Meinung.

Für Aufregung hat nun auch gesorgt, dass der Wahlausschuss den Kandidaten Oliver R. Harms nicht zu seiner gerade für Werder offenbar problematischen politischen Ausrichtung gefragt hat. Muss die Zusammensetzung, Funktion und Arbeit dieses Gremiums nicht vom Verein her ganz neu diskutiert werden?

Wir werden uns den ganzen Prozess ganz sicher noch einmal anschauen. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir uns hier im ehrenamtlichen System befinden. Gerade diesmal war es ein enormer zeitlicher Aufwand. Der Wahlausschuss hat mit über 30 möglichen Kandidaten gesprochen. Da muss man sicher über professionelle Unterstützung nachdenken. Wir müssen uns fragen, ob dieser Prozess noch in unsere Zeit passt. Ich werde mich dafür einsetzen, dass wir in Zukunft neue Wege beschreiten.

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Ehemalige Führungskräfte wie Manfred Müller, Klaus-Dieter Fischer und Willi Lemke haben gefordert, dass der Verein keinen Vertreter mehr in die Geschäftsführung entsendet.

Dagegen wird sich das Präsidium vehement zur Wehr setzen, denn es würde eine Schwächung des Vereins als alleiniger Gesellschafter bedeuten. Aber es wurde vom Präsidium eine Satzungskommission eingesetzt, die sich grundsätzlich mit dem Thema beschäftigen soll. Dazu wird auch Manfred Müller gehören. Worüber wir diskutieren können, ist die Frage, ob der Präsident auch weiterhin Geschäftsführer sein darf.

Es geht dabei ganz konkret um Ihren Job.

Das weiß ich. Ich sehe die Argumente gegen diese Regelung und nehme sie ernst. Wir müssen in die Mitgliedschaft und in das ehrenamtliche System hineinhorchen, um zu erfahren, wie dort die Meinung über unser aktuelles Konstrukt ist. Wie kann der Verein seine Interessen in der Kapitalgesellschaft am besten vertreten? Ich sehe das nicht als persönliche Kritik, ich klebe nicht an meinem Stuhl. Wir müssen die beste Lösung für Werder finden. Und ich werde das aktiv begleiten.

Geht es tatsächlich um die Struktur oder doch eher um die Person Hess-Grunewald?

Das ist immer eine Frage des Blickwinkels. Es gibt einige Leute, die mich aus persönlichen Gründen weghaben wollen – oder weil sie glauben, dass ich kein guter Präsident bin. Meine Motive sind andere. Mir ist immer wichtig, dass wir ein geeintes Werder sind und dafür eine gute, zeitgemäße Struktur finden. Und wenn sich daraus Änderungswünsche ergeben, dann lasst sie uns umsetzen.

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Würden Sie als Präsident ohne hauptamtlichen und damit bezahlten Geschäftsführer-Posten noch zur Verfügung stehen?

Es käme auf die gesamte neue Struktur an. Ob der Präsident dann vielleicht im Aufsichtsrat ist oder nicht.

Auf der Mitgliederversammlung am Sonntag wird das noch nicht entschieden. Trotzdem wird es so spannend wie nie, oder?

Durchaus. Das Interesse ist sehr groß. Wir haben bereits 800 Anmeldungen, davon sind 600 Mitglieder stimmberechtigt.

Hätten Sie zu diesem besonderen Zeitpunkt und erstmals unter Freiluft im Weserstadion nicht noch mehr Teilnehmer erwartet?

Es war ganz schwer vorherzusagen. Sonst hatten wir 300 oder 350 Teilnehmer, also sind es schon deutlich mehr. Bis Sonntag kann die Zahl ja noch wachsen.

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Erwarten Sie eine unruhige Versammlung?

Auf jeden Fall eine lange, ich gehe von fünf bis sechs Stunden aus. Wir haben viele Themen: den Abstieg, die wirtschaftliche Situation, die Strukturkommission, die Aufsichtsratswahl, Satzungsänderungen und noch mehr. Ich würde mir wünschen, dass wir das so konstruktiv-kritisch, wie wir das bei Werder kennen, auch in einer so großen Kulisse hinbekommen. Diese besondere Versammlung verlangt viel Disziplin von uns allen.

Es gibt viel Unruhe rund um den Verein. Wer kann Werder jetzt einen?

Wir waren es bei Werder gewohnt, immer eine innere Geschlossenheit zu haben. Das war unsere große Stärke. Damit haben wir 2020 auch die Klasse gehalten. Doch diese Geschlossenheit ist uns durch die wirtschaftliche Situation und den Abstieg ein Stück weit verloren gegangen. Diese Geschlossenheit bekommen wir nur zurück, wenn im Umfeld wieder die Überzeugung greift, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Das lässt sich dann an den Ergebnissen auf dem Platz und den wirtschaftlichen Kennzahlen ablesen. Erst dann wird sich alles wieder etwas beruhigen.

Es gab immer Persönlichkeiten, die Werder zusammengehalten haben - zum Beispiel Franz Böhmert, Jürgen L. Born, Klaus-Dieter Fischer oder zuletzt Marco Bode. Wer übernimmt diese Rolle nun?

Mit Marco verlieren wir ein markantes Gesicht. Das müssen wir im Kollektiv auffangen. Ich habe immer gesagt, dass ich mich als Präsident als Teamplayer sehe. Wir schaffen das nur zusammen.

Viele glauben das nicht, üben harsche Kritik – vor allem auch an der Geschäftsführung mit Ihnen, Klaus Filbry und speziell Frank Baumann als Sportchef.

Das ist nach einem Abstieg auch klar, das müssen wir aushalten können. Aber ich kann bei manchen Kritikern nicht erkennen, was sie denn letztlich positives erreichen wollen. Mir fehlt das Konstruktive, wie man es besser machen kann. Immer nur zu sagen, der oder der muss weg, das reicht mir nicht.

Muss der von Ihnen angesprochene Weg Werder im nächsten Sommer sofort wieder in die Bundesliga führen?

Was heißt muss? Natürlich haben wir die sportliche Ambition, wieder aufsteigen zu wollen. Aber die Mannschaft hat sich enorm verändert, muss sich erst mal etablieren. Die erfahrenen Säulen und die vielen jungen Spieler müssen jetzt zusammenwachsen als Team. Unser Ziel muss es sein, aufsteigen zu wollen. Aber ob wir es schaffen, weiß ich nicht. Und es geht auch nicht alles unter, wenn es nicht gelingen würde.

Zur Person

Hubertus Hess-Grunewald (60)

ist seit 2014 Präsident und Mitglied der Geschäftsführung von Werder Bremen. Er ist Fachanwalt für Arbeitsrecht und seit 1970 Mitglied im Verein.

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