Werders Gegner Schalke in der Analyse

Probleme über Probleme

Schalke 04 galt im Winter als Champions-League-Kandidat. Mittlerweile stellen die Knappen die mit weitem Abstand formschwächste Mannschaft der Liga. Was ist bloß mit dem aktuellen Werder-Gegner passiert?
30.05.2020, 11:58
Lesedauer: 6 Min
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Von Stefan Rommel
Probleme über Probleme

Schalkes Coach David Wagner steht unter besonderer Beobachtung.

dpa

Das sind Schalkes Stärken

Im besten Fall geht das so beim FC Schalke 04: Hohes Pressing, Attacken am gegnerischen Strafraum, schnelles, konzentriertes Gegenpressing mit allen Spielern, hohe Ballgewinne, überfallartige Umschaltaktionen. Deshalb wurde David Wagner vor der Saison zum neuen Trainer gemacht. Und Wagner lieferte tolle erste zwei, drei Monate, die Lust auf mehr machten und die Erwartungen schürten.

Schalke hatte sich schnell zu einer der besten Pressingmannschaften der Liga entwickelt, mit klassischen Kettenmechanismen, sehr intensiver Laufarbeit und vielen Zweikämpfen. Den Gegner stressen, ihm keine Luft lassen, oft in Zweikämpfe verwickeln: Das war und ist die Losung gegen den Ball. Das Zentrum gilt es dabei über die Maßen zu schützen. Wagner lässt entweder klassisch im 4-4-2 oder einem 4-2-3-1 spielen, zuletzt gab es auch immer mal wieder die Dreierkette im flachen 3-4-3 zu sehen, man konzentrierte sich auf die massive Besetzung der Mitte mit zwei Sechsern oder zwei Spielern im Halbraum plus einem Sechser dahinter. Der Gegner soll früh auf die Flügel gelenkt werden und nur dort aufbauen dürfen, danach greifen die gelernten Abläufe: Der jeweils ballnahe Spieler baut Druck auf, dahinter wird jeweils eine Position zum Ball durchgeschoben.

Nach Ballgewinnen soll es dann schnell und vor allen Dingen schnörkellos nach vorne gehen. Entweder über schnelle Verlagerungen aus der umkämpften und von Schalke überladenen Pressingsituation heraus oder aber mit einem direkten Zuspiel in die Spitze. Dann soll über die Klatsch-Steil-Elemente des meist robust Mittelstürmers und der nachstoßenden Mittelfeldspieler Tempo erzeugt werden.

Dazu entwickelt die Mannschaft auch eine ordentliche Gefahr bei Standards, was den vielen großgewachsenen Spielern geschuldet ist, die in der Luft durchsetzungsstark sind - mit und gegen den Ball.

Das sind Schalkes Schwächen

Zur besseren Einordnung der Lage auf Schalke vielleicht mal ein theoretisches Modell: Nach der Hinserie lag Schalke punktgleich mit Borussia Dortmund auf Rang fünf, in 17 Spielen gab es nur drei Niederlagen. 29 Tore hat die Mannschaft damals erzielt, nur der BVB, Gladbach, die Bayern und Leipzig schafften mehr. 21 Gegentore standen dem gegenüber, was der viertbeste Wert der Liga war. An den faktischen Zahlen gemessen war Schalke ein Spitzenteam. Aber: Schon zu diesem Zeitpunkt war die Mannschaft weit über ihrem tatsächlichen Leistungsniveau angesiedelt.

Die xG-Werte, also die Zahl der erwartbaren Tore und Gegentore, wiesen sowohl mit als auch gegen den Ball andere Kennzahlen aus, nach dieser theoretischen Berechnung hätte sich Schalkes Torverhältnis von dem faktischen 29:21 in etwa in ein 22:27 verwandelt, konkret heruntergebrochen auf die zugrunde liegenden Partien wären das neun bis zehn Punkte mehr als erwartbar. Und damit wäre Schalke dann nicht mehr Fünfter, sondern Elfter oder Zwölfter gewesen. Derzeit, so hat es den Anschein, pegelt die Wahrscheinlichkeitsrechnung die Schalker Saison ganz gut ein.

In der Rückserie gelang der Mannschaft bis jetzt exakt ein Sieg, gleich zum Auftakt gegen Gladbach. Danach folgte eine beispiellose Talfahrt mit vier Remis und sechs Niederlagen, zuletzt drei am Stück nach der Coronapause. Das Torverhältnis in diesem Zeitraum lautet 3:24! Schlechter war Schalke zuletzt vor über 30 Jahren. Die Gründe dafür sind ebenso verschiedener wie grundlegender Natur.

Aus einer der besten Pressing- und Gegenpressingmannschaften der Liga ist eine überaus verwundbare Defensive geworden. Die in den meisten Spielen der Hinserie noch gut funktionierenden Abläufe im Spiel gegen den Ball, das saubere Verschieben, das Doppeln, die gegenseitige Unterstützung, die Kommunikation, der Biss, die Opferbereitschaft: Das ist alles wie vom Erdboden verschluckt. Der einst orchestrierte Plan wirkt nicht nur in den letztlich spielentscheidenden Szenen wie zufällig zusammengewürfelte Versatzstücke, wobei auch der Trainer seine vorher stringente Linie immer mehr aufweicht.

Das aggressive und hohe Anlaufen des Gegners wird wie gegen Dortmund - wo das absolut nachvollziehbar ist - oder zuletzt in Düsseldorf einem tiefen Mittelfeldpressing geopfert, das phasenweise an die Partie eines Regionalligisten gegen einen Bundesligisten in der ersten DFB-Pokal-Hauptrunde erinnerte. Wagners Vorgabe, aus einer tieferen Position heraus zunächst kompakt zu verteidigen und über schnelle Umschaltmomente erfolgreich zu sein, floppte in beiden Partien grandios. Aus einer tiefen Position wurde ganz schnell Passivität und die ist früher oder später der Tod einer jeden Defensivstrategie.

Noch frappierender als die defensiven Mängel sind aber jene im Offensivspiel. Schalke hatte schon in der Hinserie Probleme mit tiefstehenden Gegnern, diese auseinanderzuspielen und zu Torchancen zu kommen. Derzeit stehen lediglich 17 Tore aus dem freien Spiel, der drittschlechteste Wert der Liga. Auch hier sind die Gründe dafür eindeutig: Es entsteht keinerlei Kreativität im Mittelfeld, die offenkundigen strukturellen Probleme im Spielaufbau und -vortrag bis ins letzte Drittel sind deshalb nicht von einem oder mehreren Einzelkönnern aufzufangen.

Schalke entwickelt das nötige Tempo fast nur noch in seinen Umschaltmomenten und durch einen der wenigen schnellen Spieler wie Rabbi Matondo. Die restlichen Angreifer sind eher langsam und schwerfällig. Den Angreifern fehlt es schlicht an Geschwindigkeit, um selbst zum Tor zu ziehen - was letztlich die Frage aufwirft, warum die Spielausrichtung dann so extrem konterlastig sein muss? Eine mögliche Antwort ist wohl in der Kaderzusammenstellung zu finden.

Schalke hat den einen oder anderen Ausnahmespieler, Amine Harit oder Suat Serdar, auch Weston McKennie, Ozan Kabak oder Alexander Nübel haben großes Potenzial. Drumherum hat sich aber auch viel fußballerische Mittelklasse versammelt. Und wenn dann von den wichtigen Figuren mehrere ausfallen, wie Nübel in Ungnade fallen oder auf allen möglichen Positionen eingesetzt werden (McKennie), dann bleibt von dem Wenigen an individueller Klasse kaum noch etwas übrig. Und wenn dann auch noch in Harit und Serdar die beiden wichtigsten und nicht zufällig auch torgefährlichsten Spieler verletzt fehlen, kommt das Offensivspiel vollends zum Erliegen. Anders kann man die Vorstellungen zuletzt jedenfalls nicht einordnen.

Wie ungemein anfällig die Mannschaft etwa für ein hohes, aggressives Pressing des Gegners ist, hat das Heimspiel gegen Augsburg gezeigt. Mit einfachsten Mitteln bekam eine eher durchschnittliche Bundesligamannschaft den FC Schalke voll in den Griff und verteidigte mit einer frühen Führung im Rücken gegen eine mittellose Schalker Mannschaft den Sieg locker ins Ziel.

Fast stellvertretend für das Schalker Dilemma steht die Debatte um die Torhüterposition. Hinter der klaren Nummer eins und dem Kapitän der Mannschaft, Alexander Nübel, sollte Markus Schubert langsam herangeführt werden. Schubert ist ein talentierter U-Nationaltorhüter, der zuvor bei Dynamo Dresden in der zweiten Liga etwas mehr als eine Saison lang Stammkeeper war. Mit der (durchaus erwartbaren) Entscheidung Nübels für einen Weggang nach dieser Saison begannen nicht nur die endlosen Diskussionen, sondern geriet auch Trainer Wagner in die Enge. Es entwickelte sich ein Hin und Her mit der Folge, dass Nübel völlig verunsichert seine Chance nicht nutzen konnte und nun wieder auf der Bank sitzt - und Schubert mit der Größe der Verantwortung offenbar nicht besonders gut klar kommt. Kurzum: Schalke hat ein veritables Torwartproblem. Und das ist in jeglicher Hinsicht hausgemacht.

Das ist der Schlüsselspieler

Die vielen Verletzungen wichtiger Spieler verstärken die negativen Effekte natürlich dramatisch, gerade Serdars Ausfall trifft Schalke richtig hart. Ohne den verbannten Nübel, ohne den Kopf im Mittelfeld (Serdar) und den besten Kreativspieler Harit bleiben nicht mehr viele Köpfe der Mannschaft, die nun vorangehen sollen und das auch können. Daniel Caligiuri ist einer davon. Der war mal rechter Außenverteidiger, spielt nun aber entweder im offensiven Mittelfeld oder sogar als linker Flügelangreifer. Ob Caligiuri aber auch eine Mannschaft durch eine sehr schwere Phase führen kann? Vielleicht im Zusammenspiel mit Weston McKennie. Der ist zwar erst 21 Jahre alt, zeigt in einer total verunsicherten Mannschaft aber wenigstens noch Biss und strahlt Aggressivität aus und ist als Allzweckwaffe überall wertvoll. Das kaschiert zwar nicht die spielerischen Mängel, ist aber wenigstens ein Signal an den Rest einer darbenden Mannschaft.

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