Im Interview Felix Agu: „Der Glaube hat mich nie verlassen“

Im Interview mit unserer Deichstube spricht Werder-Profi Felix Agu über Werders Chance auf den Wiederaufstieg, Ole Werner und das beste Sturmduo der Liga.
09.12.2021, 18:11
Lesedauer: 8 Min
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Von Marius Winkelmann

Felix Agu hat ein Strahlen im Gesicht – und das hat einen Grund: Nach Startschwierigkeiten in die Saison hat sich der 22-Jährige beim SV Werder Bremen inzwischen auf seiner favorisierten rechten Abwehrseite festgespielt: „Dort fühle ich mich am wohlsten.“ Seine sportlich verkorkste Bremer Premieren-Spielzeit, die im Abstieg mündete, ist abgehakt. Nun will er mit Werder schnellstmöglich in die Bundesliga zurückzukehren. Dafür habe die Mannschaft „absolut die Qualität“, sagt Agu im Interview mit unserer Deichstube, in dem er auch über den neuen Trainer Ole Werner, die Chaos-Wochen nach dem Impfpass-Skandal um Ex-Coach Markus Anfang und das aus seiner Sicht beste Sturmduo der Liga spricht.

Felix Agu, was glauben Sie, wer ist schneller als Sie bei Werder?

(überlegt kurz und lacht) Der Einzige, bei dem ich damit einverstanden wäre, dass er sagt, er ist schneller als ich, ist Abed (Abdenego Nankishi, d. Red.). Alle anderen würde ich gerne herausfordern, wenn sie das behaupten würden.

Laut Statistik sind es aber Eren Dinkci mit 35,27 km/h und Romano Schmid mit 34,43 km/h. Sie liegen mit 33,7 km/h "nur" auf Platz drei im Team. Überrascht?

Nein. Das sind natürlich schon schnelle Spieler. Aber es kommt auch immer darauf an, was für Läufe man im Spiel hat. Da kommt man manchmal einfach nicht in die Position, dass man sehr weite Wege hat, um Fahrt aufzunehmen. Aber ich sage: Ich bin trotzdem schneller als die beiden (lacht).

Schnell ging es bei Werder zuletzt nicht nur auf dem Rasen zu. Sie hatten vier Trainer innerhalb von zwei Wochen. Wer war da eigentlich die Konstante?

Es war natürlich eine schwere Zeit für uns. Aber ich glaube, es hat uns als Mannschaft noch enger zusammengebracht. Für mich war einfach dieser Teamgeist, dieser Teamgedanke die Konstante. Es war ganz wichtig, dass wir zu uns gesagt haben: „Wenn alles drumherum sehr wild ist, bleiben wir intern ruhig und geschlossen." Wir wollten uns diesem ganzen Hin und Her nicht hingeben.

Dieses Hin und Her wurde verursacht durch Ihren Ex-Trainer Markus Anfang, der im Verdacht steht, einen gefälschten Impfausweis benutzt zu haben. Wie sauer sind Sie auf ihn?

Ich war auf jeden Fall sehr überrascht, wie alle anderen auch. Noch ist aber nichts entschieden. Es ist ein laufendes Verfahren. Deshalb muss man das Ergebnis jetzt erst einmal abwarten. Aber ich wusste und weiß nicht so wirklich, wie ich damit umgehen soll. Dann kam auch schon schnell das nächste Spiel, und ich habe versucht, das Thema ein bisschen beiseite zu schieben.

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Seit knapp zwei Wochen ist nun Ole Werner der neue Chefcoach. Was ist er für ein Typ? Wie nehmen Sie ihn bisher wahr?

Er ist ein sehr ruhiger Typ. Aber man hat sehr schnell sein Fußball-Fachwissen erkannt. Er ist ein junger Trainer, der weiß, wie man mit den Spielern umgehen muss. Mein erster Eindruck von ihm ist durchweg positiv.

Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass Sie es mit Werner schaffen, wieder zu den Aufstiegsplätzen aufzuschließen?

Der Glaube hat mich nie verlassen, weil ich von der Qualität in unserem Kader überzeugt bin. Ich bin mir sicher, dass der Trainer die richtigen Schlüsse zieht und an den nötigen kleinen Stellschrauben drehen kann, um uns jetzt weiter in dieser positiven Spur zu halten. Wir wollen bis zur Winterpause so viele Punkte wie möglich sammeln, um nach oben weiter Druck ausüben zu können.

Zu Saisonbeginn nahmen Sie eine etwas ungewohnte Rolle ein und mussten auf den offensiven Außenbahnen ran. Das wirkte mitunter so, als fühlten Sie sich nicht ganz wohl dabei. Wie schwer war das für Sie?

Es ist schon relativ schwer von der Rechts- auf die Linksverteidiger-Position umzuswitchen. Aber das Ganze noch einmal eine Position weiter vorne zu spielen, und das nicht in einer Fünferkette, wo man Offensive und Defensive so ein bisschen vereint, das war schon nicht leicht. Vor allem, weil ich die gesamte Vorbereitung eigentlich als Außenverteidiger trainiert hatte.

Ihr Mitspieler Romano Schmid hat unter der Woche gesagt, dass er zuletzt häufig auf einer Position eingesetzt wurde, die nicht sein Ding ist. Erging es Ihnen in den ersten Spielen ähnlich?

Nicht falsch verstehen: Ich war natürlich glücklich, dass ich überhaupt gespielt habe. Einsatzzeit steht immer über allem, aber ich habe mich nicht so in den Abläufen wiedergefunden, hatte nicht mein gewohntes Spiel. Als ich dann irgendwann auf meine angetraute Position zurückgekehrt bin, kam auch das Gefühl zurück, dass mein Spiel automatisch sicherer wurde. Dass meine gewohnten Abläufe, die ich über Jahre hinweg drin habe, wieder mehr zum Tragen kamen. In der Fünferkette auf der rechten Seite fühle ich mich einfach am wohlsten.

Warum? Weil Sie da mehr Platz vor sich haben?

In einer Fünferkette hat man den Vorteil, wenn man zum Beispiel gegen eine Viererkette spielt, dass man als Außenverteidiger nicht direkt von dem gegnerischen Außenverteidiger aufgenommen wird, wie das beim Flügelstürmer der Fall wäre. Hinzu kommt, dass man auch nicht klassisch von dem gegnerischen Flügelspieler verteidigt wird, sondern sich immer so ein bisschen dazwischen bewegt. Dadurch ergeben sich mehr Räume. Wie beispielsweise zuletzt gegen Aue, wo mein Gegenspieler nicht genau wusste, ob er zu Leo (Leonardo Bittencourt, d. Red.) oder zu mir gehen soll. Dadurch haben wir viel Platz über außen bekommen. Das Schöne an der Position ist, dass ich defensiv klassisch als Außenverteidiger spielen, mich in der Offensive aber permanent einschalten und in die gegnerische Box gehen kann.

Abgesehen von ganz wenigen Spielen kamen Sie in der laufenden Spielzeit immer zum Einsatz, sind auf dem Weg zum Stammspieler. Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer aktuellen Situation?

Bis auf die Spiele, in denen ich verletzt gefehlt habe, bin ich in jeder Partie eingesetzt worden. Was das angeht, befinde ich mich auf einem guten Weg. Jetzt versuche ich, mich auf dem Platz noch mehr einzubringen und durch gute Aktionen zum Beispiel noch mehr Chancen zu kreieren.

Sie haben gegen Aue gerade Ihre zweite Torvorlage der Saison gegeben. Zufrieden mit diesem Wert, oder ist er zu niedrig für Ihre Ansprüche?

In dem Spiel hätte ich sicherlich die eine oder andere Vorlage oder Torschussvorlage mehr geben können. Den Abschluss kann man als Vorlagengeber aber nicht immer kontrollieren. Was man in der Hand hat, ist, dass man das Zuspiel so gut wie möglich an den Mann bringt. Generell wäre in dieser Saison sicher noch mehr für mich möglich gewesen, aber auf dem Aue-Spiel können wir weiter aufbauen. Wir sind ja immer wieder in aussichtsreiche Situationen gekommen.

Mit dem Sturmduo Niclas Füllkrug und Marvin Ducksch haben Sie nun auf jeden Fall die richtigen Abnehmer. In der neuen Formation und mit dem aktuellen Personal wirkte das Ganze zuletzt eingespielter als zuvor.

Das stimmt. Mit Fülle und Duckschi haben wir natürlich einen überragenden Sturm. Gefühlt den besten der Liga. Vor allem auch in der Form, in der Fülle gerade ist. Und wir haben auch alle schon gesehen, wozu Duckschi im Stande ist. Der Trainer hat sich jetzt natürlich erstmal angeguckt, was wir für Spieler im Kader haben, was am besten zusammenpasst und womit wir in der Vergangenheit am besten gefahren sind. Dazu hat er noch an seinen kleinen Stellschrauben gedreht. Ob wir dann irgendwann nach der Winterpause wieder zur Viererkette zurückkehren, kann ich nicht beantworten. Aber wir fahren mit der jetzigen Formation ganz gut.

Die Hinrunde ist fast beendet. Haben Sie die „beste 2. Liga aller Zeiten" so erwartet?

Mir war klar, dass es nicht einfach wird. Es sind so viele namhafte Clubs in der Liga. Und wenn dann noch Vereine wie jetzt Regensburg, die man nicht unbedingt so weit oben erwartet hat, auch gut performen, ist es natürlich nicht selbstverständlich, da vorneweg zu marschieren. Es hat ein bisschen gebraucht, bis die Mannschaft sich an das Ganze gewöhnt. Aber jetzt ist es an der Zeit, dass wir mal eine Serie hinlegen.

Das Thema Corona ist bei Werder gerade aktueller denn je. Am Dienstag ist Lars Lukas Mai positiv getestet worden. Mitchell Weiser musste ebenfalls in Quarantäne. In der vergangenen Woche waren in Nicolai Rapp, Fabio Chiarodia, Niklas Schmidt, Eren Dinkci und Co-Trainer Danijel Zenkovic bereits fünf weitere Akteure positiv getestet worden. Wie sehr beschäftigt das die Mannschaft?

Das ist natürlich nicht einfach. Man trainiert die ganze Woche, man fühlt sich eigentlich gut und auf einmal gibt’s am nächsten Morgen eine Testreihe, in der Spieler positiv getestet werden. Dann brechen wichtige Spieler weg, die wir auf dem Platz gut gebrauchen könnten. Es ist auch nicht leicht, sich von Tag zu Tag immer wieder neu darauf einzustellen. Aber so ist das nun einmal. Wir müssen damit erst einmal leben. In erster Linie geht es darum, dass diejenigen, die sich infiziert haben, möglichst einen milden Verlauf haben und schnellstmöglich wieder gesund werden. Wir versuchen, das Virus so gut es geht, aus der Kabine rauszuhalten und uns so vorsichtig wie möglich zu verhalten.

Aber spukt es nicht die ganze Zeit im Hinterkopf herum, dass man sich erneut infizieren könnte? Sie selbst waren ja der erste Werder-Spieler, der im Oktober 2020 positiv getestet wurde.

Inzwischen hat man sich leider schon ein bisschen daran gewöhnt. Das geht ja jetzt schon fast zwei Jahre lang so. Ich habe es also nicht durchgehend im Kopf. Aber jedes Mal, wenn ein positiver Befund bei einem Mitspieler kommt, denkt man sich natürlich sofort: „Mist, habe ich mich bei ihm angesteckt? Wie sieht es die nächsten Tage aus? Kommt da vielleicht noch etwas? Wie muss ich mich jetzt verhalten?" Trotzdem ist es nicht so, dass wir in ständiger Angst in der Kabine leben.

Können Sie verstehen, dass sich einige Menschen nicht impfen lassen wollen?

Es ist eine persönliche Entscheidung. Um die Pandemie erfolgreich bekämpfen zu können, wäre es natürlich deutlich vorteilhafter, wenn sich noch mehr Leute impfen lassen würden. Aber ich glaube, es ist auch nicht der beste Weg, jetzt alle zu zwingen. Dann verschieben die Leute sich nur noch mehr in ein Lager, das stark gegen eine Impfung ist.

Im Sommer hieß es, dass Sie gerne in der Bundesliga bleiben würden. Trotz einiger Interessenten sind Sie aber mit Werder in die 2. Liga runtergegangen. Warum?

Ich war absolut enttäuscht, dass wir abgestiegen sind, weil ich mir erhofft hatte, noch ein Jahr in der Bundesliga zu spielen und da noch mehr Spielzeit zu bekommen. Gerade auch, weil Theo (Gebre Selassie, d. Red.) aufgehört hat. Aber nach dem Abstieg hat man gesehen, dass diese Liga keine übliche 2. Liga ist, mit den ganzen großen Namen, die da spielen. Es ist schon eine hohe Qualität vorhanden. Das Thema Einsatzzeit spielte auch eine große Rolle. Wer auf dem Platz steht, kann sich am besten weiterentwickeln. Nur so kann man Schritte vorwärts machen. Wenn man überhaupt versucht, dem Abstieg etwas Positives abzugewinnen, dann waren es sicher die größeren Chancen auf viel Einsatzzeit. Es gab Pros und Contras, aber es war jetzt nicht so, dass ich ungern mit Werder in die 2. Liga gegangen bin.

Könnten Sie sich auch vorstellen, bei Werder zu bleiben, wenn es mit dem Wiederaufstieg nicht klappt?

Vorstellen kann man es sich immer, aber man weiß natürlich nie, was kommt. Man kann es nie definitiv sagen. Es ist keine schlechte Adresse hier. Es ist kein normaler Zweitliga-Club, sondern ein Verein, der um den Aufstieg mitspielen sollte. Ich versuche jetzt, diese Spielzeit so gut wie möglich zu nutzen, um mich weiterzuentwickeln und der Mannschaft damit so gut wie möglich zu helfen.

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