23-Jähriger möchte Vorbild sein Werder-Profi Schmidt: „Sie konnten nachts nicht schlafen wegen mir“

Niklas Schmidt wurde bei Werder erst ausgemustert, dann Stammspieler, und jetzt wurde sein Vertrag verlängert. In einer Medienrunde erzählt er, wie er diese Achterbahnfahrt der Gefühle erlebt hat.
04.10.2021, 18:35
Lesedauer: 3 Min
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Von Björn Knips

Er ist die Überraschung des SV Werder Bremen in dieser Saison: Niklas Schmidt. Erst ausgemustert, dann Stammspieler, nun die Vertragsverlängerung – der 23-Jährige kann sein Glück selbst kaum fassen. In einer Medienrunde gibt Schmidt einen durchaus tiefen Einblick in seine Gefühlswelt, präsentiert sich als ein gereifter Profi, der gerne ein Vorbild sein möchte.

Niklas Schmidt über...

... seinen Ostkurven-Jubel:

Plötzlich befand sich Schmidt auf dem Zaun vor der Ostkurve, in der Hand ein Megaphon. Die Fans tobten nach dem fulminanten 3:0-Sieg gegen Heidenheim. „Sie haben immer wieder meinen Namen gerufen – und dann haben meine Kollegen gesagt, dass ich es einfach machen soll“, erinnert sich Schmidt und gesteht: „Es war immer ein Traum von mir, dort oben zu stehen.“ Dazu muss man wissen: Nicht weit von der Ostkurve entfernt ist Schmidt als Fußballer groß geworden, hat im Internat im Weserstadion gewohnt. „Die Fans haben mir gesagt, was ich singen soll. Sorry, ich kann es jetzt nicht wiederholen, dafür fehlt mir das Adrenalin“, entschuldigt sich Schmidt und grinst.

... seine Vertragsverlängerung:

„Die Unterschrift war ein großes Erlebnis für mich“, sagt Schmidt und strahlt über das ganze Gesicht: „Dass es so läuft, hätte doch niemand gedacht – ich auch nicht.“ Sportchef Frank Baumann hatte Schmidt vor dem Start der Vorbereitung schon aussortiert, nach der Leihe zum VfL Osnabrück sollte der Mittelfeldspieler nicht mehr zurückkehren. Dann durfte Schmidt doch mittrainieren – und hatte dabei offenbar einen guten Plan: „Ich bin mit wenig Kopf in die Sache gegangen.“ Von Trainer Markus Anfang habe er schnell Rückendeckung verspürt. „Plötzlich bist du drin in der Mannschaft, dann interessieren sich auch die anderen Spieler für dich.“ Schmidt wurde Stammspieler, saß aber ausgerechnet gegen Heidenheim auf der Bank. Wie unpassend eigentlich, schließlich hatte er kurz zuvor seinen Vertrag verlängert, was dann am Tag nach dem Spiel öffentlich gemacht wurde. „Das war alles okay“, sagt Schmidt: „Der Trainer hat mit mir gesprochen und gesagt, dass ich etwas müde wirke.“ Ab der 74. Minute durfte Schmidt dann ran und am Ende auch groß mitfeiern. Mit dem neuen Vertrag in der Tasche machte das natürlich doppelt so viel Spaß. Doch Schmidt ist keiner, der nur an sich denkt. „Die Unterschrift geht zu 80 Prozent auf das Konto meiner Familie. Ich bin so stolz auf meine Familie und meine Freunde. Ich hatte so viele Dellen in meiner jungen Karriere, aber sie haben mir immer Halt gegeben. Dafür bin ich unendlich dankbar.“

... seine Veränderungen:

Da gibt es die menschliche und die körperliche Seite. „Ich hatte eine Zeit mit ein paar Kilos zu viel drauf“, erinnert sich Schmidt. Da hätten ihm dann Freunde geholfen. Seit fast zwei Jahren ernährt er sich vegetarisch, inzwischen sogar fast nur noch vegan. Das ist nicht zu übersehen. „Ich fühle mich pudelwohl in meinem Körper. Ich bin fit, kann viel mehr Sprints ziehen und mehr laufen.“ Doch es geht eben nicht allein um Fußball. „Nicht nur mir, sondern vor allem auch meiner Mutter ist es sehr wichtig, wie ich mich menschlich weiterentwickeln kann. Da habe ich einen Riesensprung gemacht. Früher war mir vieles einfach egal.“

... schwere Zeiten in Bremen:

Schmidt galt als das Supertalent, lebte aber nicht immer entsprechend. Es gab Geschichten in den Medien über einen etwas übergewichtigen Schmidt, der seine Profi-Chance damit wegwirft. „Der eine macht sich dann einen großen Kopf, der andere steckt es locker weg. Ich war so ein Mittelding“, erinnert sich Schmidt. Er habe sich Hilfe im sportpsychologischen Bereich geholt, die Ausleihen zum SV Wehen Wiesbaden und zum VfL Osnabrück hätten auch geholfen – durch den Input anderer Leute. Werder macht er überhaupt keinen Vorwurf, ihn möglicherweise nicht genügend unterstützt zu haben. „Die haben sich eher zu viel einen Kopf um mich gemacht, konnten nachts nicht schlafen wegen mir. Ich habe es damals eben nicht ernst genommen. Irgendwann hat es ja dann bei mir zum Glück klick gemacht.“

... seine Vorbildfunktion:

Wer so viele Höhen und Tiefen wie Niklas Schmidt erlebt hat, der darf auch Ratschläge geben – und da liefert der 23-Jährige durchaus ab: „Ich konnte zeigen: Egal, wie die Situation ist, ob der Trainer auf dich steht oder nicht, ob der Verein hinter dir steht oder nicht – wenn du deine Leistung bringst, dann kannst du dich überall reinspielen. Du musst einfach dein Bestes geben und gucken, was passiert. Das versuche ich, gerade den jüngeren Spielern mitzugeben. Da möchte ich ein kleines Vorbild sein.“

... die Zukunft:

„Wir haben eine supergeile Mannschaft“, betont Schmidt, doch einen Blick in die Zukunft wagt er nicht: „Ich bin selbst gespannt, was passiert.“ Konstanz ist das Stichwort. Die nötige Qualität habe das Team, findet Schmidt und zieht einen interessanten Vergleich: „Als Fußballer habe ich eine hohe Qualität, aber das allein reicht nicht.“ Harte Arbeit gehöre genauso dazu. Die Reaktion der Mannschaft nach der 0:3-Pleite in Dresden sei da ein gutes Zeichen gewesen. „Wir sind hart mit uns ins Gericht gegangen. Deswegen kam der Sieg gegen Heidenheim für mich nicht überraschend.“ So positiv könne es gerne weitergehen.

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