Ulrike Hiller rückt nach Werder reagiert auf Vorwürfe gegen Aufsichtsrats-Kandidaten

Werder ändert die Kandidatenliste für die Wahl zum Aufsichtsrat: Oliver Harms wird nach den Vorwürfen gegen ihn von der Liste gestrichen, Ulrike Hiller rückt nach.
03.09.2021, 13:15
Lesedauer: 4 Min
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Von Carsten Sander

Es ist ein beispielloser Vorgang in der Geschichte des SV Werder Bremen: Nachdem Oliver R. Harms schon offiziell auf die Liste der Kandidaten für die Wahl des Aufsichtsrates gesetzt worden war, strich der Wahlausschuss den 53-Jährigen zwei Tage vor der Mitgliederversammlung wieder von den Wahlzetteln. Das gab Peter Eilers, der Vorsitzende des Wahlausschusses, am Freitagmittag bekannt.

Den Anstoß dafür hatte ein Beitrag der Ultra-Gruppierung "Infamous Youth" gegeben. Bewerber Harms wurde darin eine politische Orientierung nachgesagt, die nicht den Werten des SV Werder entspräche. Kurzum: Die links-gerichteten Ultras unterstellen Harms rechte Tendenzen. Weil in der Folge mehrere in die gleiche Richtung deutende Hinweise beim Verein und beim Wahlausschuss eingingen, wurde Harms am Donnerstagabend erneut angehört und am Freitag die Rolle rückwärts vollzogen. Harms wird nicht mehr zur Wahl zugelassen. Für ihn rückt Ulrike Hiller in den Kreis der sieben Bewerber nach. Mit ihr gehört erstmals eine Frau zum Kreis der Anwärter auf einen Platz im Werder-Aufsichtsrat.

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Dass dies nicht schon mit Bekanntgabe der zur Wahl zugelassenen Bewerber so war, wurde dem Wahlausschuss als Fehler vorgehalten. Als weitaus größeres Versäumnis ist es jedoch zu sehen, dass der Wahlausschuss bei der Überprüfung und Anhörung der Kandidaten in Oliver R. Harms eine Person durchgewunken hat, die heftigen Widerstand im Umfeld des Klubs provozierte.

Der Dachverband Bremer Fan-Clubs distanzierte sich von Harms‘ Kandidatur. "Infamous Youth" hatte zuvor versucht, die Nähe des Bewerbers zu rechtem Gedankengut aufzuzeigen und schreckte damit alle auf. In einer Mitteilung des Vereins erklärt Eilers nun: „Aufgrund der medialen Berichterstattung in den vergangenen Tagen erreichten uns neben den veröffentlichten Vorwürfen weitere Hinweise zu Aktivitäten des Kandidaten aus unterschiedlichen Quellen. In dem Gespräch konnte Herr Harms leider nicht ausreichend darlegen, dass diese aufgetauchten Zweifel an seiner Eignung vollkommen unbegründet sind. Deshalb haben wir uns dafür entschieden, ihn von der Liste zu streichen.“

In einer am Donnerstagabend verschickten Stellungnahme griff Harms seinerseits die Ultra-Gruppierung „Infamous Youth“ an, nennt die Fans „Heckenschützen, die im Verborgenen bleiben“. Ein weiteres Zitat: „Die feigen, anonymen Verfasser des Infamous-Youth-Artikels diffamieren andere Menschen, halten sich selbst aber für die Vorkämpfer von Demokratie und Vielfalt, wobei ihre Methoden zutiefst antidemokratisch, intolerant und antipluralistisch sind.“

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Zwar regt er an, einen von "Infamous Youth" als Indiz für seine angeblich extreme Ausrichtung angeführten E-Mail-Verkehr in Gänze zu veröffentlichen („Wird dann das Kartenhaus der Anschuldigungen der Infamous Youth standhalten?“), auf eine Verteidigung seiner Person verzichtet Harms aber ausdrücklich: „Ich lehne es ab, mich einem öffentlichen Reinigungsritual zu unterziehen und einer „Gesinnung“ abzuschwören, die mir von Unbekannten grundlos unterstellt wird.“ Er sei „kein Mitglied irgendeiner Partei“.

Mit eigenen Suggestivfragen lenkt er das Thema auf seine öffentlich geäußerte kritische Haltung gegenüber der aktuellen Geschäftsführung. „Kann es sein, dass die Angst vor Veränderungen so groß ist, dass in dieser heißen Phase des Wahlkampfes zu jedem Mittel gegriffen werden muss?“, fragt Harms. Und: „Kann es sein, dass Infamous Youth instrumentalisiert wird und sich vor den Karren von anderen Interessengruppen spannen lässt?“ Welche das sein könnten? Harms nennt keine Namen. Stattdessen noch diese Frage: „Haben die Verantwortlichen jetzt Angst, für das Missmanagement der Vergangenheit vom neuen Aufsichtsrat zur Verantwortung gezogen werden?“ Harms fordert die für die Fan-Arbeit verantwortliche Werder-Führung zudem auf, die Identität derer, von denen er sich mittels einer „unlauteren Kampagne“ diffamiert fühlt, zu ermitteln: „Dies kann kein großes Problem sein. Oder gibt es etwa Profiteure von dieser Negativ-Kampagne gegen einen Kandidaten, der in den letzten Tagen sehr viel Zuspruch erfuhr und noch immer erfährt?“

Es sind Fragen wie diese, mit denen Harms eine Verschwörung gegen ihn andeutet, ohne Fakten zu nennen.

Durch die Löschung seines Namens von der Kandidatenliste hat Harms keine Chance mehr auf einen Platz im Aufsichtsrat. Der Wahlausschuss hat die Gefahr abgewendet, dass das Thema die Mitgliederversammlung am Sonntag sprengen wird. Die Aufregung hätte sich der Wahlausschuss allerdings sparen können, wenn die Kommunikationswege innerhalb des Gremiums funktioniert hätten. Was nicht der Fall war. Ein Mitglied war von Werder-Präsident Hubertus Hess-Grunewald bereits im Juni über die gegen Oliver Harms gerichteten Vorwürfe informiert worden, gab diese jedoch nicht intern weiter. Eilers dazu: „Ein entscheidender Hinweis, der Zweifel begründet hätte, ging zwar bei einem Mitglied des Wahlausschusses ein, fand aber nicht den Weg in unsere ursprüngliche Beurteilung. Die Gründe dafür haben wir intern geklärt.“ Nun drückt der Wahlausschuss sein Bedauern über „die Umstände der Entscheidung“ aus, verdeutlicht aber auch, dass es „keinen Spielraum“ dafür gibt, „dass bei einem Verein wie Werder Bremen alle wählbaren Kandidatinnen zu 100 Prozent hinter der gesellschaftlichen, menschenfreundlichen Haltung des Vereins stehen müssen. Es ist auch unsere Verantwortung, Kandidatinnen nochmals zu prüfen, wenn es entsprechende Bedenken gibt.“

Damit ist die Angelegenheit für Werder erledigt. Ein juristisches Nachspiel könnte es dennoch geben. Oliver R. Harms hat den Beitrag der "Infamous Youth" an die Polizei weitergeleitet – an das "Dezernat 63, politisch motivierte Straftaten", schreibt er.

Ulrike Hiller, die auf der ursprünglichen Wahlliste als erste Nachrückerin notiert war, darf sich nun am Sonntag den Mitgliedern zur Wahl stellen. „Ich bin überrascht, aber auch sehr erfreut“, sagte die 56-Jährige gegenüber unserer Deichstube: „Ich würde mich freuen, wenn der Aufsichtsrat durch mich diverser wird.“ 

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