3:2-Sieg im Pokal gegen Dortmund

Werder schafft das Wunder

Es war wieder einer dieser magischen Abende: Werder ist im Achtelfinale des DFB-Pokals über sich hinaus gewachsen, hat ein komplett anderes Gesicht als in der Liga gezeigt und Borussia Dortmund ausgeschaltet.
04.02.2020, 22:40
Lesedauer: 4 Min
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Von Malte Bürger und Christoph Bähr
Werder schafft das Wunder

Davie Selke brachte Werder in Führung und war auch sonst äußerst umtriebig.

nordphoto

Es hat schon glücklichere Gesichter gegeben, wenn Werder vor einem Pokal-Abend im Weserstadion stand. Doch dieses Mal war die Sorge vielerorts groß, etliche Bremer Fans fürchteten eine deutliche Niederlage gegen Borussia Dortmund. Unmittelbar vor dem Anpfiff war sie dann aber doch wieder da, diese ganz besondere Flutlicht-Atmosphäre. Und das lag an der Ostkurve. Mit einer endspielreifen Choreografie gab es einen beeindruckenden Heißmacher, Florian Kohfeldt hatte Ähnliches kurz zuvor an den TV-Mikrofonen versucht. „Wir wollen weiterkommen, alles andere wäre Blödsinn“, betonte er. „Es bringt nichts, wenn ich nur sagen würde, wir wollen hier gut aussehen.“

Auch dieses Mal veränderte der Chefcoach wieder das Gesicht der Bremer Mannschaft - und zwar auf gleich drei Positionen. So kehrte Marco Friedl in die Startelf zurück, nachdem er zuletzt in der Liga noch wegen einer Gelbsperre gefehlt hatte. Auch in der Dreierkette gab es einen erneuten Tausch: Ömer Toprak, der im Vorfeld der Saison vom BVB ausgeliehen worden war, durfte nicht etwa direkt gegen seine alten Kollegen ran, sondern nahm erst einmal auf der Bank Platz. Stattdessen verteidigte der wiedergenesene Milos Veljkovic neben Kevin Vogt und Abwehrchef Niklas Moisander.

Führungstreffer durch Selke

Im Mittelfeld gab es derweil eine kleine Überraschung. Der zuletzt schwächelnde Yuya Osako erhielt von Beginn an das Vertrauen seines Trainers, während mit Nuri Sahin ein weiterer Spieler mit Dortmunder Vergangenheit nur zuschauen durfte. Bei den Gästen blieb unterdessen Top-Einkauf Erling Haaland erst einmal außen vor, auch im Tor ließ Trainer Lucien Favre rotieren und stellte Marwin Hitz anstelle von Stammkeeper Roman Bürki auf.

Und Werder fand gut in die Partie. Aus einer kompakten Ordnung heraus gelang es, für eine gewisse Ballsicherheit zu sorgen. Auch erste zarte Offensivaktionen gab es. So setzte Davy Klaassen einen Schuss knapp über das Tor (11.), nachdem Davie Selke und Maximilian Eggestein während der Entstehung der Szene noch ein wenig umständlich agiert hatten. Nur fünf Minuten später passierte dann tatsächlich das, was viele Zuschauer im Vorfeld nicht für möglich gehalten hatten - Werder ging in Führung. Die Bremer setzten energisch nach, einen Schuss von Milot Rashica konnte Hitz noch entschärfen, beim Nachschuss von Selke war er dann machtlos (16.). Nicht nur Florian Kohfeldt riss in diesem Moment seine Arme energisch in die Luft und brüllte seinen ganzen Frust der vergangenen Wochen in den Bremer Abendhimmel.

Traumtor von Bittencourt

Die bis dato recht lässigen Dortmunder erhöhten in der Folge das Tempo. Werder lehnte sich jedoch nicht zurück, sondern versuchte auch weiterhin früh zu stören und scheute anders als so oft in der jüngeren Vergangenheit keinen Zweikampf. Trotzdem wurde die Borussia gefährlich, so musste erst Friedl auf der Linie klären, unmittelbar danach parierte Jiri Pavlenka einen Fallrückzieher von Mats Hummels (24.). Die Abwehr, sie hielt sich schadlos.

Wer sich noch immer nicht verwundert die Augen rieb, tat dies spätestens nach einer halben Stunde. Es folgte nämlich der große Auftritt von Leonardo Bittencourt. Nach einer abgewehrten Ecke kam der 26-Jährige zentral vor dem Strafraum an den Ball und setzte diesen per Dropkick unhaltbar in den Winkel (30.). Werder führte tatsächlich mit 2:0 - und der Traum vom nächsten Wunder von der Weser nahm zarte Formen an. Das Stadion kochte, als hätte es alles bislang Dagewesene nie gegeben. Feiertag statt Totenmesse. Kurz vor der Pause hätte Selke gar die nächste Partyrakete zünden müssen, doch er übersah bei einem Konter nicht nur den besser postierten Rashica, sondern scheiterte auch an Hitz (44.).

Rashica kontert perfekt

Nach ihrer schwachen ersten Hälfte reagierten die Gäste, Lucien Favre schickte Haaland nach dem Seitenwechsel auf den Platz. Der 19-Jährige, der in der Liga zuletzt nach Belieben getroffen hat, sollte die Wende bringen. Bei Werder kam kurz darauf Josh Sargent für Selke, der sich bei seiner vorherigen Großchance verletzt hatte und nicht mehr rund lief. Die Dortmunder waren jetzt deutlich präsenter, wenngleich nicht auf Anhieb jeder Pass saß. Aber sie beschäftigten die Bremer nun mehr, die ihrerseits aufgrund sich immer häufiger einschleichender Ungenauigkeiten Probleme hatten, für Entlastung zu sorgen. Da Pavlenka aber auch gegen Nico Schulz zur Stelle war (58.), stand weiterhin die Null. Vorerst.

Wenig später war es dann nämlich doch passiert. Julian Brandt spielte sich fein durch die Abwehr und bediente Haaland, der mit seinem Treffer aus kurzer Distanz die Aufholjagd endgültig einläutete (67.). Keine 120 Sekunden später musste Pavlenka dann gegen den eingewechselten Giovanni Reyna eine Topreaktion zeigen, um den Ausgleich zu verhindern. Werder hätte nun leicht wanken, vielleicht sogar fallen können. Doch das wäre das Abstiegskampf-Werder gewesen. Das Pokal-Werder tickte an diesem Abend anders. Milot Rashica gab nach einem perfekten Konter die richtige Antwort und traf mit einem schönen Schuss ins lange Eck zum 3:1 (70.).

Hektische Schlussphase

Der BVB hätte quasi im Gegenzug fast zurückgeschlagen, doch Haaland, der Pavlenka bereits umkurvt hatte, zielte neben das Tor (73.). Die Uhr tickte für einige Minuten für Werder, doch der Weg blieb ein weiter. Und er wurde nochmal richtig lang. Mit einem wundervollen Schlenzer schaffte Dortmunds Reyna erneut den Anschluss (79.) und gab so den Startschuss für eine noch nervenaufreibendere Schlussphase. Werder hatte direkt Glück, dass Jadon Sancho einen Traumpass von Haaland im Strafraum nicht unter Kontrolle bekam (80.).

Dann kochten die Emotionen hoch, weil Niklas Moisander sich im Strafraum eine kleine handgreifliche Auseinandersetzung mit Reyna lieferte. Nach der folgenden Rudelbildung schritt Schiedsrichter Guido Winkmann an die Seitenlinie zum Monitor und schaute sich die Szene noch einmal an - und zeigte beiden Streithähnen die Gelbe Karte. Ein möglicher Elfmeterpfiff blieb zum Bremer Glück jedoch aus.

Die Borussen schüttelten sich danach kurz und drängten direkt wieder auf den Ausgleich, so packte Pavlenka bei einem gefährlichen Versuch von Marco Reus sicher zu (87.). Dann segelte ein Brandt-Freistoß unmittelbar vor der fünfminütigen Nachspielzeit in den Strafraum, in dessen Folge Axel Witsel jedoch über das Tor schoss (90.). Auch Haaland probierte es noch einmal per Kopf, doch wieder warf sich Pavlenka in den Weg (90.+3). Und dann war es geschafft. Werder hatte tatsächlich so etwas wie das nächste Wunder von der Weser hingelegt.

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