Heimpleite gegen Düsseldorf in der Analyse

Werder schlägt sich selbst

Werder zeigt gegen Fortuna Düsseldorf in den meisten Teilbereichen eine gute Leistung, steht sich aber mit zu vielen individuellen Fehlern und reinstem Chancenwucher am Ende selbst im Weg.
18.08.2019, 15:32
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Von Stefan Rommel
Werder schlägt sich selbst
nordphoto

Auf zehn Positionen wählte Werder-Trainer Florian Kohfeldt für das Heimspiel gegen Düsseldorf die zu erwartende Startelf, doch eine Überraschung gab es: Anstelle des in der Vorbereitung starken Josh Sargent bekam Johannes Eggestein seine Chance. Vor Jiri Pavlenka verteidigten Theo Gebre Selassie, Ömer Toprak in seinem ersten Pflichtspiel für Werder, Niklas Moisander und Marco Friedl in der Viererkette. Nuri Sahin übernahm die Sechs, Maximilian Eggestein und Davy Klaassen wie gewohnt die Halbpositionen. Johannes Eggestein und Milot Rashica waren Werders Flügelangreifer, Yuya Osako Spielmacher und Zentrumsstürmer in einer Person.

Gegner Düsseldorf mussten nach einigen Abgängen und Verletzungen ordentlich umbauen: Coach Friedhelm Funkel berief mit Torhüter Zack Steffen sowie den Mittelfeldspielern Lewis Baker und Erik Thommy drei Zugänge in die Startelf.

Von Beginn an entwickelte sich das erwartete Spiel: Werder wollte und hatte den Ball, die Fortuna baute ihren Riegel zumeist mit zwei Viererketten und den beiden Pressingspitzen Rouwen Hennings und Kenan Karaman ab der Mittellinie auf. Lediglich wenn Werder-Torwart Pavlenka beim Torabstoß einen Verteidiger anspielte, rückten die Gäste höher ins Feld und versuchten mit Mannorientierungen das Bremer Aufbauspiel zu erschweren. Weder die vereinzelten hohen Pressingsversuche noch das deutlich tiefere Mittelfeldpressing funktionierten allerdings zu Beginn.

Ungewohnter Spielaufbau

Werder spielte ein wenig anders an als gewohnt: Gebre Selassie stand extrem hoch und war aus dem Spielaufbau fast komplett raus. Toprak, Moisander als eine Art Libero und Friedl bildeten die Dreierkette im tiefen Aufbau. Friedl war dabei der dynamische Teil, der mal als dritter Innenverteidiger agierte und dann wieder als „normaler“, etwas höher postierter Außenverteidiger. Das hatte zur Folge, dass Düsseldorf phasenweise mit einer Fünferkette in der letzten Linie agierte, weil Suttner durch Gebre Selassie nach hinten gedrückt wurde. Suttners tiefere Rolle gab Maximilian Eggestein viel Raum auf der rechten Seite, den Werder in der Anfangsphase sehr gut zu nutzen wusste.

Die Bremer kontrollierten die Halbräume und spielten von dort immer wieder Pässe zwischen die Düsseldorfer Ketten. Die drei Bremer Angreifer plus die beiden Achter agierten dabei sehr flexibel, immer mal wieder rückte ein anderer Spieler ein und machte sich anspielbar. Besonders mit Osako hatte Düsseldorf Probleme: Die Innenverteidiger rückten selten raus, um den Raum in ihrem Rücken nicht preiszugeben, die Sechser reagierten nicht schnell genug auf Osakos Bewegungen. Da zudem das Bremer Gegenpressing in dieser frühen Phase der Partie fast perfekt funktionierte, weil die Außenverteidiger gut einrückten und Sahin nachrückte, schnürte Werder den Gegner am eigenen Strafraum ein.

Nach rund 20 Minuten stellte sich Düsseldorf jedoch besser auf den Bremer Aufbau ein. Die beiden Angreifer deckten Sahin gut zu. Da Werders linke Seite mit dem tieferen und im Aufrücken auch eher zögerlichen Friedl kaum bespielt wurde, trat Rashica mit seinen Dribblings zur Mitte nur selten in Erscheinung und die Bremer Angriffe über rechts waren vorhersehbar.

Zwar gelang es den Gästen, mit den abkippenden Alfredo Morales oder Baker im eigenen Aufbau gegen Werders 4-4-2-Pressing etwas mehr Ruhe reinzubekommen, ins letzte Drittel schaffte es die Fortuna aber so gut wie gar nicht. Rouwen Hennings und auch der im Freilaufverhalten schlaue Kenan Karaman hatten kaum Ballaktionen. Da auch Werder kaum noch das nötige Balltempo hatte, die Pässe nicht scharf und präzise genug gespielt wurden, sackte das Niveau der Partie merklich ab. Umso überraschender fiel die Düsseldorfer Führung, als Werder bei einem Klärungsversuch erst Pech hatte und sich im Zentrum Toprak und Gebre Selassie dann recht ungeschickt anstellten.

Eggestein klärt überhastet

Nach zwei, drei kleinen Düsseldorfer Fehlern in Folge kam Werder unmittelbar nach dem Wechsel zurück ins Spiel und hatte die große Chance, die Partie nun wieder geordnet und von vorne weg zu spielen: dominant, aber geduldig. Doch keine fünf Minuten nach dem Ausgleich klärte Maximilian Eggestein nach einem abgefangenen Düsseldorfer Konter mit einem überhasteten Befreiungsschlag, statt in Überzahl den Ball ruhig aus der Gefahrenzone zu kombinieren. Friedl schlief bei Thommys Einlaufen und Karaman traf mit dem zweiten Düsseldorfer Torschuss zur erneuten Führung.

Werder änderte nach dem erneuten Rückstand zunächst nichts, spielte weiter bevorzugt über die rechte Seite mit den beiden Eggesteins und hatte drei gute Chancen zum Ausgleich. Der nächste individuelle Fehler folgte aber kurze Zeit später. Gebre Selassie ließ sich bei einem Standard blocken, Gegenspieler Ayhan traf per Kopf. Der vierte Düsseldorfer Torschuss bedeutete den dritten Bremer Gegentreffer. Kohfeldt reagierte sofort, brachte Niclas Füllkrug für den angeschlagenen Rashica und stellte auf eine Raute im Mittelfeld um, mit Osako auf der Zehn sowie Johannes Eggestein und Füllkrug als Angriffsspitzen.

Nach der nächsten Großchance von Klaassen baute Funkel mit Marcel Sobottka (für Karaman) eine zusätzliche Absicherung im Zentrum ein und stellte auf 4-1-4-1 um. Werder suchte mit Füllkrug in der Spitze nun immer öfter auch den hohen Chipball, um an den gegnerischen Strafraum zu kommen. Füllkrug verlängerte oder legte diese Bälle in der Luft gut ab, Johannes Eggestein und Klaassen starteten dabei immer wieder in die Tiefe. Werder hatte eine hohe Präsenz am Düsseldorfer Strafraum und weitere Chancen, aber Füllkrug und Osako scheiterten aber am starken Steffen.

20 Minuten vor dem Ende kam Claudio Pizarro für Friedl, Kohfeldt beorderte den Peruaner neben Füllkrug in den Angriff, Maximilian Eggestein übernahm wie schon im Pokalspiel die linke Verteidigerposition. Eggestein schob auch über links gut an, aber Werder kam trotz drückender Überlegenheit kaum noch in den gegnerischen Strafraum. Im Gegenzug hatte Düsseldorf sogar die besseren Chancen auf den vierten Treffer. Mit Sargent für Toprak stellte Kohfeldt dann noch einmal personell um. Er zog Gebre Selassie in die Innenverteidigung, Johannes Eggestein auf die Rechtsverteidigerposition und stellte Sargent davor. Düsseldorfs tiefe Defensive stand aber recht gut, erst in der Schlussphase scheiterte Füllkrug per Kopf und mit einem Linksschuss an Steffen und an der Latte.

Abgezockte Düsseldorfer

Werder war in fast allen Parametern des Spiels besser als der Gegner, erspielte sich fast ein Dutzend klarer Torchancen, die Konterabsicherung war gegen einen konterstarken Gegner gut, das Gegenpressing funktionierte und die Fortuna hatte letztlich nur fünf Torchancen - erzielte damit aber drei Tore. Düsseldorf war brutal effizient und im entscheidenden Moment abgezockter als die Bremer. Als die Partie nach der Pause unentschieden stand, schien sie langam zugunsten von Werder zu kippen, doch das zweite Gegentor, nach zwei individuellen Fehlern, war der Knackpunkt.

Was trotz der Niederlage positiv stimmt: Werder hat sich auf alle erdenklichen Arten Torchancen erspielt und mit Füllkrug dürfte ein reiner Keilstürmer bald bereit sein für einen Einsatz von Beginn an. Das sind veritable Unterschiede zum Beginn der vergangenen Saison, als sich die Mannschaft weder genug Chancen erspielte, noch die Option mit einem Mittelstürmer in der Hinterhand hatte.

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