Rechtlicher Klärungsbedarf bei Corona-Klausel

Das Risiko mit der Absicherung

Als Werder die sogenannte Pandemie-Klausel in Verträgen öffentlich machte, gab es bundesweit ein großes Echo. Mehrere Klubs gehen inzwischen einen ähnlichen Weg, doch juristisch gibt es noch Klärungsbedarf.
05.09.2020, 09:17
Lesedauer: 4 Min
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Von Malte Bürger
Das Risiko mit der Absicherung

Werders Aufsichtsratsvorsitzender Marco Bode wünscht sich eine einheitliche Lösung.

nordphoto

Wie genau der Weg aussieht, der den Fußball aus der Corona-Krise führt, ist nicht abzusehen. Zu viele Kurven, plötzliche Umleitungen und nebelverhangene Teilstücke verhindern eine freie Sicht. Da Stillstand jedoch nur schwer mit einer gewünschten Vorwärtsbewegung zu vereinbaren ist, ist das Ausharren im Elend eine eher schlechte Option. Bei Werder geht der Blick deshalb trotz aller Unannehmlichkeiten längst nach vorne, die Sicherheitsleine soll und muss jetzt nur etwas dicker beim Gang ins Ungewisse sein. Ein wichtiges Element ist dabei die sogenannte Pandemie-Klausel, mit der die Bremer nicht nur sich selbst finanziell schützen möchten, sondern in der Bundesliga auch kräftig aufhorchen ließen.

Das bundesweite Echo war groß, als Werder seine Planungen öffentlich machte und bestätigte, dass mit Patrick Erras und Luc Ihorst, der aktuell an den Zweitligisten VfL Osnabrück ausgeliehen ist, bereits zwei Bremer Profis einen angepassten Kontrakt besitzen, in dem ein Zusatz dafür sorgt, dass im Falle eines unvorhergesehenen Ereignisses mit enormen wirtschaftlichen Folgen für den Verein automatisch auch die Einnahmen der Spieler sinken.

Andere Vereine folgen Bremer Beispiel

Einige andere Klubs sind inzwischen einen ähnlichen Weg gegangen, der ebenfalls arg gebeutelte FC Schalke 04 zum Beispiel. „Es ist etwas ganz Normales, dass man sagt: Wenn wesentliche Einnahmen wegbrechen, kann das Auswirkungen auf die Vergütung haben. Das ist kaufmännisch sinnvoll“, sagte der dortige Sportvorstand Jochen Schneider der Deutschen Presse-Agentur. Er bezeichnete das Vorgehen als „Schutzmechanismus für den Verein, der nicht nur die Lizenzspieler, sondern auch die U23 und den Staff betrifft.“

Nicht nur in Gelsenkirchen finden sich zusätzliche Klauseln in den neuen Arbeitspapieren wieder. Auch beim Aufsteiger Arminia Bielefeld gibt es sie, beim 1. FC Köln oder bei Eintracht Frankfurt soll man sich ebenfalls damit beschäftigen, wenn es um Transfers oder Verlängerungen geht. Werder wagt also keinen Alleingang, die Zahl der Begleiter ist dennoch überschaubar. Eine einheitliche Lösung gibt es bislang nicht, vielmehr bastelt jeder Klub nach bestem Wissen und Gewissen an einem eigenen Modell, um die finanziellen Herausforderungen zu meistern.

Bode bezweifelt Freiwilligkeit

Werders Aufsichtsratsvorsitzender Marco Bode hätte jedenfalls nichts dagegen, wenn die gesamte Liga einheitlich der Bremer Idee folgen würde: „Corona hat gezeigt, was passieren kann. Das hatte so niemand erwartet. Bei neuen Verträgen werden sich sicherlich viele Klubs mit solchen Klauseln beschäftigen“, sagte er erst vor zwei Wochen im Gespräch mit dem WESER-KURIER. Doch Bode weiß auch um die Probleme. „Einheitliche Lösungen wären sicher gut, aber ich glaube nicht daran, dass sie freiwillig entstehen. Dafür ist die Situation in den Vereinen zu unterschiedlich. Wenn Konzerne hinter Klubs stehen, dann können sie ganz anders mit Verlusten in einem Jahr umgehen.“

Soll heißen: Werder hat eine komplett andere Ausgangslage als etwa Bayer Leverkusen, die TSG Hoffenheim, der VfL Wolfsburg oder auch RB Leipzig. Trotzdem gehören beispielsweise die Sachsen zum Kreis derer, die bereits auf Pandemie-Klauseln bei Neuverträgen setzen – und dies am liebsten nicht nur in kleiner Runde tun würden. „Grundsätzlich müssen wir uns Gedanken machen, wenn sich die Situation nicht verbessert, wenn wir über einen längeren Zeitraum nur begrenzte Kapazitäten haben oder die dritte, vierte, fünfte Welle. Das ist sicher ein Thema, mit dem wir uns aber idealerweise auch als Liga gesamt befassen sollten“, sagte kürzlich Oliver Mintzlaff, Vorstandschef der Leipziger.

Ein ligaweiter Flickenteppich

Bis dahin bleibt es bei einem ligaweiten Flickenteppich, um der Lage Herr zu werden. Auch wenn alle Vereine eine Absicherung gegen finanzielle Ausfälle wollen, heißt das noch lange nicht, dass deshalb alle in die gleiche Richtung laufen. Der Gehaltsverzicht der Spieler ist zwar vielerorts ein Thema, allein aus rechtlichen Gründen spielt der Aspekt der Freiwilligkeit aber eine wesentliche Rolle. Und da handelt jeder Klub ganz individuell. In Leipzig oder auch bei Borussia Dortmund verzichten die Profis etwa noch bis zum Jahresende auf Teile ihres Lohns, an anderer Stelle – so auch in Bremen – muss erst wieder neu mit der Mannschaft verhandelt werden. Ein alles andere als einfaches Unterfangen.

„Es gab schon Gespräche darüber und wird noch weitere Gespräche geben“, sagte Clemens Fritz unter der Woche dem WESER-KURIER. „Das ist ein Thema, das nicht in ein paar Minuten abzuhandeln ist.“ Damit es zumindest künftig schneller geht, gibt es nun die Pandemie-Klauseln. Und für Pionier Patrick Erras war die Unterschrift nicht einmal schmerzhaft. „Das war für mich kein großes Thema, ich fand das selbstverständlich. Das war eigentlich nur eine Kleinigkeit in unseren Gesprächen“, sagte er. Dennoch ist es nicht unwahrscheinlich, dass der eine oder andere Berater noch einmal etwas intensiver verhandelt. Nicht nur bei Vereinswechseln, auch Vertragsverlängerungen können sich so leicht in die Länge ziehen.

Juristischer Klärungsbedarf

Zumal sich Werder und Co. bislang in einer Art juristischen Grauzone bewegen. „Die diskutierten Gehaltskürzungsklauseln sind nicht ohne Risiko für die Vereine“, sagte etwa der Arbeitsrechtler und Sportrechtsexperte Daniel Hennig. „Abschließende Rechtssprechung hierzu besteht nicht. Und das Betriebs- und Wirtschaftsrisiko trägt immer der Arbeitgeber.“ Werders Justiziare Tarek Brauer und Henning Hofmann sind in diesem Fall also noch mehr als sonst gefordert. „Insbesondere muss sich ergeben: Wann erfolgt eine Gehaltskürzung? Wie hoch ist die Gehaltskürzung? Auf welche Gehaltsbestandteile bezieht sie sich?“, sagt Hennig. „Im Übrigen darf die Klausel die Interessen des Spielers nicht unangemessen benachteiligen.“

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