Motivationstrainer Jörg Löhr im Interview

„Ich habe keine Zweifel am Klassenerhalt“

Werder greift im Saisonendspurt in die Trickkiste und will auch mit der Hilfe von Motivationscoach Jörg Löhr die Liga halten. Im Interview erzählt der frühere Handball-Profi, wie das Projekt gelingen soll.
13.05.2020, 10:59
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„Ich habe keine Zweifel am Klassenerhalt“
Von Malte Bürger
„Ich habe keine Zweifel am Klassenerhalt“

Motivationscoach Jörg Löhr half Werder bereits 2011 im Abstiegskampf - nun will er erneut mit anpacken.

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Werders Sportchef Frank Baumann hat erklärt, dass er sich durch Ihre Arbeit zusätzliche „Impulse“ wünscht. Wie genau sollen diese aussehen?

Ich habe seit 17 Jahren das Privileg, mit Bundesligisten aus verschiedenen Sportarten oder auch der Handball-Nationalmannschaft zusammenzuarbeiten. Aus diesem Erfahrungsschatz, meiner täglichen Arbeit als Persönlichkeits- und Managementtrainer und durch die Tatsache, dass ich selbst 14 Jahre als Profihandballer hinter mir habe, glaube ich, dort Impulse geben zu können. Im Spitzensport haben wir die grobe Einteilung, dass ein Drittel die Physis ausmacht, ein Drittel die Technik und Taktik, während ein weiteres Drittel die Psyche ist. Im Bereich des mentalen Trainings gibt es Möglichkeiten, um das Selbstvertrauen zu stärken und den Spielern eine Unterstützung zu geben. Darin sehe ich meine Aufgabe.

Gewähren Sie uns einen kurzen Einblick in Ihre Arbeit. Mit einer kernigen Ansprache und einem Motivationsvideo für die Spieler wird es doch wohl nicht getan sein, richtig?

Cheftrainer Florian Kohfeldt teilt mir mit, was ihm wichtig ist und meine Aufgabe ist es dann, ihn dabei bestmöglich zu unterstützen oder einfach auch nur mal als Gesprächspartner zur Verfügung zu stehen. In diesen ganzen Ablauf spielt aber auch Psychologe Mathias Kleine-Möllhoff hinein, der permanent bei der Mannschaft ist und mit dem ich mich regelmäßig austausche. Die Aufgabe ist beim Blick auf die Tabelle herausfordernd, bei acht Punkten Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz muss wirklich alles passen.

Werder hat noch zehn Saisonspiele bis Ende Juni vor der Brust. Ist das ein Zeitraum, in dem sich wirklich noch etwas bewirken lässt oder können diese wenigen Wochen eigentlich gar nicht ausreichen, um plötzlich längerfristig erfolgreich zu sein?

Zunächst einmal: Es ist möglich. Natürlich spielen viele andere Faktoren auch eine Rolle, aber man kann etwas bewegen. Spitzensport findet auf einem derart hohen Level statt, dass es um Kleinigkeiten geht. Dabei sind die mentalen Komponenten ganz entscheidend. Wir haben mit den Geisterspielen zudem noch einmal eine ganz andere Herausforderung, die für jeden Spieler hinzukommt. Rein rational weiß jeder, was da auf ihn zukommt. Dann aber tatsächlich auf den Platz zu gehen, keine Zuschauer zu sehen und zu spüren, dafür aber alle Äußerungen der Mitspieler, des Trainers, der Gegner und des Schiedsrichters wahrzunehmen, damit muss man erst einmal umgehen. Darauf muss die Mannschaft vorbereitet werden. Es darf im Stadion nichts passieren, was den Spieler überrascht oder verunsichert.

Ist Ihr Engagement einzig und allein auf die Mannschaft beschränkt oder gilt es auch für die Arbeit von Trainer Florian Kohfeldt?

Florian ist selbst, so wie ich ihn kennengelernt habe, sehr tief in diesem Thema drin. Und das ist sehr angenehm. Er ist ohnehin ein Trainer, den ich aufgrund seiner modernen Ansätze wahnsinnig schätze. Florian ist jemand, der 24 Stunden in Sachen Werder Bremen tickt und somit seinen Fokus nicht in eine andere Richtung laufen lässt. Ich sehe daher nicht, dass er speziell Unterstützung braucht. Ich empfinde unsere Zusammenarbeit eher so, dass er meine Ressourcen zieht, um der Mannschaft eine zusätzliche Unterstützung zu geben.

Nun hat sich durch die Coronakrise auch der Fußballalltag enorm verändert, es gibt weitreichende Kontaktbeschränkungen. Werden Sie daher aus der Ferne mit den Bremern arbeiten oder ist die Nähe für Ihre Aufgabe im Grunde unabdingbar?

Wenn wir wirklich etwas bewegen wollen, dann ist ein persönliches Arbeiten mit der Mannschaft unabdingbar.

Stellen Sie sich dann auch auf besondere Hygienemaßnahmen und Kontaktbeschränkungen ein?

Auch ich werde alle Auflagen erfüllen, die uns allen die Bundesregierung und auch das DFL-Konzept vorgegeben haben. Dass man sich nun nicht mehr umarmt oder abklatscht, ist nichts, was meine tägliche Arbeit beeinflusst. Das ist bei meinen Managervorträgen nicht anders. Werder Bremen hat ohnehin in absoluter Vorbildfunktion alle Vorgaben umgesetzt und sich bis in die kleinste Nuance daran gehalten.

Bereits 2011 waren Sie für Werder im Einsatz, als das Team in der Rückrunde auf einem Abstiegsplatz stand, es dann aber noch ein wenig nach oben ging. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

Das war eine tolle Zeit. Mit dem damaligen Trainer Thomas Schaaf war es ein unheimlich angenehmes, fast schon freundschaftliches Miteinander. Dann gab es noch den damaligen Manager Klaus Allofs und mit Spielern wie Torsten Frings oder Per Mertesacker tolle Persönlichkeiten. Damals hat es mich sehr gefreut, immer wieder mit der Mannschaft zusammenzuarbeiten, weil es ihr auch gut getan hat. Von Teamseite war es zudem gern gesehen, dass ich helfe. Und wenn man dann am Ende die Ziele erreicht, steht das natürlich auch unter einem wundervollen Stern.

Sie haben auch schon mit anderen Bundesligisten zusammengearbeitet. Inwiefern unterscheidet sich ein Motivationskonzept für eine Mannschaft aus dem Tabellenkeller von dem eines Klubs aus den Topregionen?

Es ist immer eine individuelle Herangehensweise. Es gibt jetzt nicht ein einziges Konzept, das passt. Es ist immer davon abhängig, wie die Harmonie in der Mannschaft ist und ob es Hierarchieprobleme gibt. Daher ist es stets ganz wichtig, dass ich vorher ein gutes Briefing über die aktuelle Situation bekomme. Nur dann kann ich wirkungsvoll helfen.

Sind Sie eine Art Feuerwehrmann, ein Retter in der Not?

Ich glaube, dass es selbstverständlich ist, dass Vereinsverantwortliche in einer schwierigen Situation darüber nachdenken, wo es noch Dinge gibt, die helfen können. Da ich das Glück habe, dass bei meinen Stationen am Ende fast immer die Ziele erreicht wurden, kann man mit meiner Person vielleicht die Wahrscheinlichkeit auf den Klassenerhalt erhöhen. Ein Cheftrainer wie Florian Kohfeldt hat so viele Aufgaben und man meint, dass er immer alles selbst machen müsse. Doch nur, weil er beispielsweise das Konditionstraining abgibt, heißt das ja nicht automatisch, dass er davon keine Ahnung hat. Wie ein Unternehmer hat auch er die Aufgabe, die besten Ressourcen zu ziehen, um die Wahrscheinlichkeit auf Erfolg zu erhöhen.

Druck ist ein entscheidender Faktor im Sport. Profifußballer haben eigene Ziele, die sie verfolgen, aber es gibt zeitgleich auch die Interessen des Vereins und der Fans, die möglichst optimal erfüllt werden sollen. Wie lassen sich derart viele Elemente mit Konfliktpotenzial möglichst gewinnbringend bündeln?

Zunächst einmal muss man aus Spielersicht verstehen, dass Werder Bremen jetzt gerade der Verein ist, bei dem man angestellt ist und der oberste Priorität hat. Es ist völlig legitim, dass Spieler – so wie viele Angestellte in Firmen auch – eigene Ziele besitzen. Der eigene Marktwert ist allerdings auch extrem abhängig davon, wie gut die gesamte Mannschaft abschneidet. Es ist für jeden, der absteigt, ein enormer Verlust an Image, Ego und Finanzen.

Wie ist Ihr bisheriger Eindruck: Gibt es im wahrsten Sinne des Wortes eine Abstiegsangst innerhalb der Mannschaft?

Alles andere wäre nicht menschlich. Wenn man auf einem Abstiegsplatz steht, macht man sich natürlich seine Gedanken. Es gibt dafür aber auch Erklärungen, die Mannschaft hat beispielsweise unglaubliches Verletzungspech gehabt. Bei allem Druck im Abstiegskampf ergibt sich aber genau daraus auch der Reiz, jetzt wieder den Blick auf das Wesentliche zu richten, um sich aus der Situation zu befreien. Wenn das gelingt, ist das etwas, was für das Selbstvertrauen jedes einzelnen Spielers und seines eigenen Werdegangs ganz entscheidend ist.

Welche Rolle spielt es für Ihre Arbeit, dass Sie selbst Handballprofi waren?

Es hilft tatsächlich, wenn die Jungs wissen, dass da einer steht, der 94 Länderspiele gemacht hat und Drucksituationen kennt. Ich wiederum weiß, wie es sich anfühlt, auf einem Abstiegsplatz zu stehen und zu hoffen, dass man den Klassenerhalt noch hinbekommt. In Verbindung mit dem psychologischen Know-how, das ich mir in den vergangenen 25 Jahren angeeignet habe, ergibt das einen ganz guten, wirkungsvollen Cocktail.

Sind ausschließlich Vorträge vor der gesamten Mannschaft geplant oder wird es auch Einzelgespräche geben?

Das ist völlig offen und liegt in der Entscheidung von Florian Kohfeldt. Mit Mathias Kleine-Möllhoff ist ja auch jemand da, der rund um die Uhr für derartige Gespräche zur Verfügung steht. Das kann ich aufgrund meines Alltags gar nicht schaffen, denn wenn nicht gerade Coronazeit ist, habe ich eigentlich 150 Veranstaltungen im Jahr. Wenn Florian mich aber nun bitten würde, beispielsweise nochmal extra mit der Gruppe der Führungsspieler zu sprechen, dann würde ich das natürlich tun. Und wenn ich bei einem einzelnen Spieler helfen kann, mache ich das auch sehr gern.

Sie kommen aus Augsburg – und damit aus der Stadt eines direkten Konkurrenten von Werder, selbst wenn der Punkteabstand noch recht groß ist. Gibt es trotzdem bedenken, dass Sie jetzt ausgerechnet dem Klub, bei dem Sie auch Mitglied sind, schaden?

Rein theoretisch kann das natürlich passieren. Auf der anderen Seite bin ich selbstständiger Unternehmer, und wenn dann ein Verein wie Werder Bremen anfragt und mich die Aufgabe reizt, dann bin ich mit kompletten 100 Prozent auch dabei. Das ändert trotzdem nichts daran, dass ich dem FC Augsburg von ganzem Herzen die Daumen drücke. Aktuell gibt es einen großen Vorsprung auf die Abstiegszone, und mit Heiko Herrlich als Trainer muss ich mir da auch keine Gedanken machen.

Aus Bremer Sicht ist es natürlich am wichtigsten, wenn Werder die Liga hält. Wäre der geglückte Klassenerhalt auch für sie der Moment, an dem Sie sagen würden, dass Sie erfolgreich waren?

Ja. Es gibt dieses eine Ziel – und das heißt, dass Werder nächstes Jahr in der ersten Liga spielt. Das ist die Aufgabe, für die wir alle antreten. Ich persönlich verfolge noch einen weiteren Aspekt, der dem Gesamtziel aber weit untergeordnet ist. Wann immer ich mit Mannschaften im Spitzensport zusammenarbeite, möchte ich den Spielern auch etwas mitgeben, von dem sie hinterher sagen, dass es sie weitergebracht hat und wertvoll für sie war. Vorrang hat aber der Klassenerhalt.

Und Sie sind fest davon überzeugt, dass Werder das schafft?

Ich habe keine Zweifel. Ich sehe einige Rahmenbedingungen, die sehr gut sind. Wie ich von Florian Kohfeldt erfahren hab, besitzen die Spieler jetzt eine hervorragende Physis. Er genießt zudem die komplette Rückendeckung der Mannschaft und des Vereins, da gibt es keinerlei Störfeuer. Das ist enorm wichtig. Und mit den Geisterspielen haben wir zudem eine Situation, die sicherlich herausfordernd ist, aus der man aber auch gestärkt hervorgehen kann. Man kann sich Selbstvertrauen erarbeiten, auf dem Platz anders agieren und so vielleicht das eine oder andere Pünktchen holen, das sonst nicht machbar gewesen wäre.

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