Nach dem Gewinn des Liga-total-Cups Werder steckt in einem Dilemma

Bremen. Nach dem Sieg beim Liga-total-Cup wandelt Werder auf einem schmalen Grat: Einerseits erfordert der eigene Anspruch die Europapokal-Qualifikation, andererseits fehlt vielen der jungen Spieler Erfahrung und Routine.
07.08.2012, 05:00
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Werder steckt in einem Dilemma
Von Thorsten Waterkamp

Donaueschingen. Ihre große Blumenvase haben sie mitgenommen in den Flieger und den Mannschaftsbus. Als so gerade noch handliches, vor allem aber fragiles Gepäckstück. Im Zeugwartraum des "Öschberghofes" hat die kristallene Siegertrophäe des Liga-total-Cups für eine Woche ihre Heimat gefunden, und dort liegt sie nun, bis es zurück nach Bremen geht.

Und dort? Was tun mit dem gut einen halben Meter hohen Ding? Vor allem gelassen umgehen, meint der Klub – und so verschickten die Grün-Weißen noch in der Nacht zu Montag, nur ein paar Stunden nach dem letzten Elfmeter von Sebastian Prödl, eine Bedienungsanleitung für den Umgang mit dem Turniersieg in Hamburg. Überschrift: "Zwischen Weltpokal und Schülerturnier – die richtige Titeleinordnung."

Die Quintessenz war eindeutig: Hübsches Erlebnis, aber mehr auch nicht. Auch wenn Werder bei dem Turnier erst gegen den Vizemeister Bayern und dann gegen den Doublesieger Dortmund gewonnen hatte. Angesichts der Überlegungen im Vorfeld des zweitägigen Elbausflugs, was Werder denn überhaupt im Kreis dieser Großen zu suchen hätte, war das allerdings eine Bilanz mit einer gewissen Außenwirkung.

Plötzlich ist Werder in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit wieder mehr als die zuletzt bis an die Grenzen der Erträglichkeit zitierten Wundertüte. Mehr – aber was? Doch ein Klub, der internationale Ambitionen hegen darf?

"Es gibt keinen Grund, jetzt schon Ziele zu formulieren", wiegelt Klaus Allofs ab. Werders Chef hält sich alle Türen offen, dabei ist das Ziel schon längst ausgedrückt worden – vom Trainer höchstselbst. "Natürlich wird es so sein, dass wir die internationalen Plätze anstreben werden", hatte Thomas Schaaf am 5.Juli in der Pressekonferenz zum Trainingsstart gesagt.

So ist Werder in der hausinternen Sprachregelung weiterhin ein Klub für höhere Weihen, wie es auch Kapitän Clemens Fritz gestern – mit der üblichen Formulierung für solche Fälle – feststellte: "Werder hat den Anspruch, international zu spielen." Das Bild vom Europa-Verein wird damit aufrecht erhalten, ohne sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Vielleicht befürchten sie bei Werder, dass etwas anderes den Fans nur schwer vermittelbar wäre – das Wissen um die Erfolge der jüngeren Vergangenheit ist frisch.

Till Schüssler macht sich diese Sorgen nicht. "Es macht im Moment nicht den Anschein, als ob die Fans abheben und von Titelträumen reden", sagt Werders Fanbeauftragter nach dem unverhofften Erfolgserlebnis von Hamburg – auch wenn er selbst nicht verhehlen kann, "schon Richtung Europa League zu schielen".

Es ist ein Dilemma, in dem der Anhang, aber auch die Vereinsführung stecken. Einerseits gibt es ein Anspruchsdenken, andererseits den durchaus realistischen Blick auf die Situation. Und der zeigt: In Bremen gibt es einen Umbruch, wie es ihn in 48 Jahren Bremer Erstliga-Zugehörigkeit noch nicht gegeben hat.

Sind die Kameras abgeschaltet und die Notizblöcke verstaut, klingt deshalb große Vorsicht durch, auch eine Art bange Ahnung. Es könne schnell zu viel der Erwartung werden unter den Fans, "wenn wir ein paar Spiele gewinnen", sagte unlängst ein Profi. Champions League? Europa League? Gedanklich ist der Sprung zurück nach Europa nur ein kleiner.

Tatsächlich aber dürften auch an der Weser Wunder etwas länger dauern als ein paar Wochen oder Monate. Die Entwicklung dieser neuen Mannschaft, der Umbruch, das ist eine perspektivische Angelegenheit. "Das dauert zwei, drei Jahre", mutmaßen Beteiligte. Ein einstelliger Tabellenplatz am Saisonende gilt daher als akzeptables Ziel, wenn denn die Leistung stimmt.

Mit dem eigenen Anspruch an Europa aber wird daraus eine Gratwanderung. Das weiß auch Clemens Fritz: International zu spielen, ergänzte er am Montag seine Perspektiven, "wäre schon realistisch. Das kann aber auch ganz schnell in die andere Richtung gehen".

Das ist kein Pessismismus, sondern darf als realistische Einschätzung für die Leistungsfähigkeit der jungen und in weiten Teilen unerfahrenen Mannschaft gelten.

Beispiel Sebastian Mielitz: Werders neue Nummer eins gilt als talentiert, er hat seine Fähigkeiten einige Male als Ersatz von Tim Wiese unter Beweis gestellt. Doch sein Vorgänger hat einen Einwand, der eben bei der fehlenden Routine ansetzt: Er wolle die Leistung von "Miele" nicht schmälern, gibt Wiese zu bedenken, doch sei sie in der Vergangenheit mit dem sicheren Wissen möglich gewesen, nach einigen Partien in seinen Schatten zurückkehren zu können. "Wenn er demnächst allein im Tor steht, kann er das nicht mehr – das ist eine ganz andere Drucksituation."

In Hamburg musste sich Mielitz – wie im übrigen auch sein Vertreter Raphael Wolf – nicht verstecken. Beide Bremer Torleute parierten in den Elfmeterschießen gegen Bayern und Dortmund jeweils zwei Strafstöße, womit sie die Turniersieg überhaupt erst möglich machten.

Clemens Fritz allerdings wäre es lieber gewesen, wenn das vergangene Wochenende bereits das erste im Ligabetrieb gewesen wäre. Dann tritt Werder beim Doublesieger Borussia Dortmund an, dann geht es nicht um eine Kristallvase, sondern um Bundesligapunkte. "Wir haben ein sehr, sehr schwieriges Anfangsprogramm", weiß Fritz, "und wir haben eine sehr, sehr junge Mannschaft. Lasst uns erst mal starten. Und dann sehen wir weiter."

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