Kommentierter Spielbericht

Zu kampflos und ängstlich für die Zweite Liga

Werder hat am achten Spieltag der Zweitliga-Saison gegen Aufsteiger Dynamo Dresden 0:3 (0:1) verloren. Über lange Strecken waren die Bremer offensiv- und zweikampfschwach.
26.09.2021, 12:35
Lesedauer: 5 Min
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Von Carsten Sander

Markus Anfang war nach der Partie hin- und hergerissen. Einerseits nervte den Coach die verdiente 0:3 (0:1)-Pleite bei Dynamo Dresden gewaltig und dabei vor allem der kampflose Auftritt seiner Mannschaft. Andererseits wollte Anfang auch nicht, dass nun alles schlecht geredet wird. Klartext statt Krise lautete sein Motto nach einer Niederlage, die deutliche Spuren hinterlassen dürfte. Denn durch zwei 3:0-Siege gegen die Aufsteiger Rostock und Ingolstadt war Werder nach dem Abstieg in der 2. Liga in die Spur gekommen, ausgerechnet beim dritten Neuling Dresden landete der Absteiger im Graben. Und es ist schwieriger denn je vorherzusehen, wohin die Reise für Werder in dieser Saison gehen wird. Nach jeweils drei Siegen und Niederlagen sowie zwei Unentschieden belegen die Bremer Rang zehn in der Tabelle, Auf- und Abstiegsplätze sind gleich weit entfernt. Das darf einen großen Klub wie Werder mit dem wertvollsten Kader der Liga nicht zufriedenstellen.

„Wir haben vor dem Nordderby drei Spiele zu null gespielt und waren auf einem guten Weg. Jetzt sind wir zwei Spiele weiter und befinden uns in der Krise? Das geht mir dann doch zu schnell. Wir müssen versuchen, für uns eine gute Mitte zu finden“, forderte Anfang nach der zweiten Niederlage in Folge. Doch im Vergleich zur 0:2-Pleite gegen den Hamburger SV hatte Werder in Dresden so ziemlich alles vermissen lassen, was es im Fußball braucht – speziell in der 2. Liga. „Meine Mannschaft hat durchweg ein ganz schlechtes Fußball-Spiel abgeliefert“, gestand Anfang und ging mit seinen Spielern hart ins Gericht: „Wir haben wahnsinnig viele Fehler gemacht. Wir haben uns in jedem Zweikampf abfertigen lassen. Ich hatte das Gefühl, dass wir ängstlich sind.“ Letzteres könne vielleicht mit den vielen jungen Spielern auf dem Platz zusammenhängen, mutmaßte Anfang. So feierte zum Beispiel in Ilia Gruev ein 21-Jähriger sein Startelf-Debüt – und das auf der wichtigen Position des Sechsers. Auch Romano Schmid (21), Eren Dinkci (19), Marco Friedl (23) und Niklas Schmidt (23) seien nicht viel älter. Doch Anfang fing diesen Erklärungsversuch selbst umgehend wieder ein: „Wir haben eine junge Mannschaft, aber wir können es nicht immer nur aufs Alter schieben. Das können die Jungs wesentlich besser, sie haben die Qualität."

Aber sie verließen sich auch zu sehr darauf, so der Eindruck. So probierten es Schmid und Schmidt gerne mal mit der Hacke, auch ein erfahrener Profi wie Mitchell Weiser streute ein paar eigenwillige Aktionen ein. Alle zusammen sorgten für Unverständnis und Zorn beim Trainer. „Wenn du merkst, dass im Spiel nicht alles hundertprozentig läuft, dann musst du dich auf die Basics konzentrieren und nicht kompliziert werden. Das hat mich geärgert, und das habe ich nicht nur während des Spiels sondern auch in der Halbzeitpause kundgetan“, verriet Anfang.

Der Gegentreffer zum 0:1 ging dann aber vor allem auf das Konto des schwachen und früh gelb-rot-gefährdeten Anthony Jung. Sein Fehlpass im Mittelfeld brachte Dresden in die Kontersituation, Königsdorffer traf zunächst nur die Latte, den Abpraller verwertete Daferner zur Dynamo-Führung (40.). Die Bremer Antwort waren Möglichkeiten für Ducksch (42.) und Dinkci (44.), doch am Ende der ersten Halbzeit standen nur drei Bremer Torschüsse (und der Ducksch-Versuch nach einem leichten Kontakt einen Elfmeter herauszuholen/35.) in der Bilanz – herzlich wenig für einen Bundesliga-Absteiger im Spiel bei einem Aufsteiger. 

Zur zweiten Halbzeit kam Lars Lukas Mai dann zwar doch zu seinem Dynamo-Feeling, ersetzte Jung, für den Friedl auf die linke Seite rückte. Werder wurde nun zwar deutlich aktiver und hatte durch Ducksch auch die erste Chance (47.), doch die grundlegenden Probleme blieben. Coach Anfang reagierte nach einer Stunde erneut, brachte in der Offensive Roger Assalé und Niclas Füllkrug für Eren Dinkci und Niklas Schmidt. Es sollte sich aber herausstellen, dass eine dieser Entscheidungen keine kluge war. Und es war nicht die, Füllkrug zu bringen.
Assalé dagegen machte schlimme Fehler – sowohl das 0:2 als auch das 0:3 gingen vor allem auf seine Kappe. Die Szenen: Beim 0:2 ließ Assalè Vorbereiter Antonis Aidonis einfach laufen, in der Mitte vollstreckte Daferner (66.), beim 0:3 kümmerte sich Assalé nicht um Schröter, der unbedrängt abschließen durfte (75.).

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Nach der Partie ging es weiter – im obligatorischen Kreis nach dem Abpfiff. Zwei Minuten redete der Coach auf seine Spieler und den Staff ein. „Ich muss es schonungslos aufdecken. Es bringt nichts, um den heißen Brei herumzureden. Wir müssen Klartext reden. Und Klartext reden heißt, die Fehler so anzusprechen, wie sie waren“, betonte der Coach. Und er sei noch nicht fertig, weitere Gespräche würden in den nächsten Tagen folgen, um am Freitag gegen Heidenheim wieder eine bessere Leistung abzurufen.

In Dresden hatte Werder von Beginn an viel zu zögerlich agiert. Überraschend, denn die Gastgeber waren mit der Bürde von drei Pleiten in Folge in die Partie gegangen. So entwickelte sich ein wenig ansehnliches Spiel. Die Fehlerquote war enorm, vor allem bei den Gästen, die dazu noch auf Abstand zu ihren Gegenspielern gingen. Und trotzdem waren die Bremer der Führung plötzlich sehr nah, weil sie in Marvin Ducksch einen erfahrenen Torjäger im Angriff haben. Doch nach dessen Fall im Strafraum entschied weder Schiedsrichter Robert Hartmann noch der Video-Assistent Benjamin Brand auf Strafstoß. Der leichte Fußkontakt mit Dresdens Chris Löwe hatte den Unparteiischen nicht ausgereicht (36.). Anfang sparte sich eine Bewertung, weil er die TV-Bilder noch nicht gesehen hatte, meinte aber vielsagend: „Wir können dem Spiel auch ohne Elfmeter eine andere Richtung geben.“

Doch genau das gelang den Gästen nicht. Im Gegenteil! Nach einem Ballverlust von Anthony Jung war die komplette Defensive zu inaktiv. Ransford Königsdörffer traf mit einem Schlenzer die Latte, den Abpraller verwertete Christoph Daferner zum 1:0 (40.).

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Ducksch hätte postwendend ausgleichen können (42.), schoss den Ball aber ebenso am Tor vorbei wie kurz nach der Pause (47.) Es gab also durchaus Chancen für Werder zur Wende, doch es fehlte stets die letzte Konsequenz oder das Glück - wie beim Pfostentreffer des eingewechselten Niclas Füllkrug (68.).

Ganz anders Dresden: Daferner (66.) und Morris Schröter (75.) erhöhten eiskalt auf 3:0. Allerdings mit freundlicher Unterstützung – oder besser gesagt: ohne Gegenwehr der Gäste. Vor allem der eingewechselte Roger Assalé verweigerte in beiden Szenen die Defensivarbeit. Ein Trauerspiel.

„So kannst du kein Zweitliga-Spiel gewinnen“, seufzte Anfang: „Wir müssen weiter arbeiten. Wir haben immer gesagt, dass es ein schwieriger Weg wird und es mal Probleme und Dellen geben wird.“ Gegen Heidenheim muss Werder nun aufpassen, dass aus der tiefen Delle nicht doch eine handfeste Krise wird.

Der Liveticker zum Nachlesen zum Spiel gegen Dynamo gegen Werder: 

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