Konkurrenzkampf in der Offensive

Stoßstürmer im Stresstest

Bei Werder streiten sich gleich drei wuchtige Stürmer um Plätze in der Startelf. Während Josh Sargent gegen Jena Pluspunkte sammelte, sorgte Davie Selke für Ärger - und Niclas Füllkrug lauert auf seine Chance.
15.09.2020, 11:04
Lesedauer: 3 Min
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Stoßstürmer im Stresstest
Von Malte Bürger

Ihr Feindbild hatten die Jenaer Fans schnell gefunden. Wann immer Davie Selke auch nur ansatzweise in Ballnähe war, hagelte es Pfiffe und Beschimpfungen. Lag der Angreifer am Boden, beharkte sich mit einem seiner Gegenspieler oder gestikulierte in Richtung Schiedsrichter, so waren ihm die Schmähungen von den Rängen sicher. Als „Höhepunkt“ folgte kurz vor der Pause noch eine kleine Rangelei, die für zusätzliches Feuer sorgte. „Es war völlig unnötig von ihm, da eine Rudelbildung auszulösen“, kritisierte auch Florian Kohfeldt sehr offen seinen Schützling. Für Selke dürfte der Ärger des Coaches nicht gerade ein Vorteil im internen Kampf um die Stammplätze sein.

Auf dem Papier war es ein ziemlich wuchtiges Angriffsduo, das Kohfeldt da ins Rennen geschickt hatte. Andererseits war es eines, das so in der gesamten Vorbereitung nicht ein einziges Mal zusammengespielt hatte. Und so taten sich Selke und Josh Sargent eine ganze Halbzeit lang auch sehr schwer damit, die gewünschte Torgefahr auszustrahlen. Das lag nicht nur an ihnen, aber auch. „Wir sind überhaupt nicht ins Tempo gekommen, haben zu wenige Boxaktionen gehabt“, monierte Kohfeldt.

Immerhin: Sargent punktete später nach der Systemumstellung noch mit dem Führungstreffer und einigen weiteren guten Momenten. Unmittelbar bevor der 20-Jährige aber so richtig in Schwung kam, gab es noch eine Szene, die fast ein wenig symptomatisch für die fehlende spielerische Harmonie zwischen den beiden Stürmern war.

Missverständnis vor dem Tor

Nach einem Pass von Leonardo Bittencourt lief Sargent allein auf den gegnerischen Torhüter zu. Anstatt selbst abzuschließen, wollte er jedoch lieber auf Selke ablegen – und der Ball landete bei einem Jenaer. „Ich war zunächst ein bisschen frustriert, doch ich habe weitergemacht und war bereit für die nächste Chance. Die habe ich dann zum Glück gemacht“, sagte Sargent mit etwas Abstand in einem Interview auf der Internetseite seines Vereins.

Selke dagegen blieb glücklos. Drei gute Chancen hatte er, ein Tor gelang ihm dabei nicht. Auch weil er einmal nur die Latte traf. So richtig gepasst hatte es an diesem Abend einfach nicht. Letztlich blieb es ohne direkte Folgen für das Team. Natürlich gibt es auch in einem DFB-Pokalspiel gegen einen Viertligisten ein gewisses Risiko des Scheiterns, doch solch eine Begegnung bietet auch die Möglichkeit für Experimente unter Realbedingungen. Vor allem dann, wenn man weiß, dass auf der Bank noch genügend Qualität vorhanden ist, um Fehlentwicklungen zu korrigieren. Und dieses Wissen hatte auch Florian Kohfeldt, der nach einer schwachen ersten Halbzeit entsprechend handelte und vor allem mit der Hereinnahme von Tahith Chong die perfekte und entscheidende Beschäftigungstherapie für den Regionalligisten aus Thüringen parat hatte.

Es ist also recht unwahrscheinlich, dass am kommenden Sonnabend, wenn es im Weserstadion gegen Hertha BSC erstmals in der neuen Saison um Punkte in der Bundesliga geht, erneut Sargent und Selke Seite an Seite stürmen werden. Im Duell mit seinem Ex-Klub könnte Selke auch deshalb auf der Bank landen, weil es im Bremer Kader ja noch einen weiteren Angreifer gibt, der eigentlich den persönlichen Anspruch hat, von Anfang an aufzulaufen: Niclas Füllkrug.

Füllkrug wird langsam aufgebaut

Und eben weil das Duo Selke/Sargent in Jena so seine Probleme hatte, musste Florian Kohfeldt anschließend natürlich die Frage beantworten, warum jener Niclas Füllkrug bei der Nominierung der Startelf das Nachsehen gehabt hatte. „Wir haben eine lange Saison mit ihm vor uns – und die wollen wir langsam aufbauen“, begründete der 37-Jährige seine Entscheidung. Nach Füllkrugs monatelangem Ausfall wegen einer Knie-Operation soll bloß nichts überstürzt werden. Am liebsten hätte Kohfeldt den 27-Jährigen nicht einmal im Endspurt der vergangenen Saison gebracht, doch die Umstände ließen es nicht anders zu – zumal Füllkrug selbst im Abstiegskampf unbedingt helfen wollte.

Doch das war damals. Nun gelten andere Regeln. Und deshalb spielte Füllkrug gegen Jena lediglich in der Schlussviertelstunde. „Außerdem hat Davie in der Vorbereitung Tore gemacht, das muss man auch sagen“, erklärte Kohfeldt. Fünf Stück waren es an der Zahl, kein anderer Werder-Profi hatte den Ball noch häufiger im gegnerischen Tor untergebracht. Aber es war eben nur die Testphase. Jetzt, wo es wirklich um Zählbares geht, muss geliefert werden.

Füllkrug jedenfalls scheint trotz aller Vorsicht für diesen Ernstfall gewappnet zu sein. „Lücke ist gesundheitlich fit und auf einem guten Weg“, sagte sein Trainer. „Ich halte es für möglich, dass er für das Spiel gegen Hertha oder spätestens gegen Schalke ein Kandidat ist, um von Beginn an zu spielen. Wir sind mit ihm in einem guten sukzessiven Aufbau.“ Unabhängig davon, wer am Ende gegen die Berliner spielen wird, gilt ohnehin das, was schon jetzt für die aufgebotene Offensive galt. Vor allem in der zweiten Hälfte. „Wir müssen da über die Chancenverwertung reden, die muss klarer sein.“

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