Zurückgeblättert: 24. Februar 1989 „Werder strahlt, doch die Konkurrenz ist sauer“

Seit 1963 spielt Werder in der Bundesliga, mehr als fünf Jahrzehnte, in denen sich im Fußball, bei Werder und in der Berichterstattung viel verändert hat. Mein Werder zeigt die Originaltexte und Zeitungsseiten.
24.02.2019, 11:26
Lesedauer: 2 Min
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Von mw

Am 24. Februar 1989 schrieb der WESER-KURIER:

Nur die beiden jungen Damen in Werders Kartenverkaufsstelle machten nicht gerade einen glücklichen Eindruck. Kein Wunder, denn sie hatten gestern in Überstunden schwere Handarbeit zu verrichten: 30 000 Eintrittskarten zum Bundesligaspiel Werder – Waldhof Mannheim (18. März) mußten umgestempelt werden, kosten nun nur noch drei (Stehplatz) bzw. acht Mark (Sitzplatz). Derweil verabschiedeten nebenan Willi Lemke (Manager Werder Bremen) und Monsieur Pasture (Vorstand Citroen) ein gemeinsames Projekt, dem schon jetzt ein Platz in der Bundesliga-Geschichte sicher ist: Erstmals verkaufte ein Verein ein komplettes Punktspiel an ein Unternehmen.

Lemke wie Pasture mochten nicht sagen, ob der seit drei Tagen im Raum stehende Preis von 120 000 Mark realistisch ist, doch bestätigt wurde: Der französische Automobilkonzern läßt sich dies Engagement rund das Doppelte der Summe kosten, die der SV Werder für die 30 000 Eintrittskarten erhält, die er allerdings zum Sonderpreis auch weiterhin vertreibt. „Wir wollen daraus ein Fest für die ganze Familie machen, da gibt es nicht nur Fußball", versicherte der Auto-Manager und legte eine Pressemappe vor, in der die Rede ist von international bekannten Unterhaltungskünstlern, von einem Festzelt in Stadion-Nähe mit Werder-Party, von einer Auto-Verlosung etc. Auch die rund 6 000 Dauerkartenbesitzer, die ja nun mehr fürs Waldhof-Spiel bezahlt haben, brauchen nicht weiter sauer zu sein: Ab sofort liegt für jeden eine zusätzliche Freikarte auf der Geschäftsstelle. Und auch der Groll der Mannheimer, die sich laut Präsident Wilhelm Grüber nach dem Lemke-Deal als „billiger Jakob" fühlten, wird besänftigt. „Wir lassen-uns mit ihnen eine Aktion einfallen, bei der für sie etwas übrig bleibt", versprach Pasture.

Doch bundesweit ist man, das zeigten die ersten Reaktionen, von der Bremer Aktion keineswegs begeistert. In Hamburg sprach Dr Dirk Albrecht, Geschäftsführer der HSV-Marketing-Gesellschaft, von einem „Spektakel„, das die Zuschauer-Probleme der Liga nicht löse. „Das ist eine Zweiteilung der Klasse, bei der die schwächeren Mannschaften als minderwertig gebrandmarkt werden“, versicherte der HSV-Mann. Auch beim Deutschen Fußball-Bund in Frankfurt hat man schon ein dickes Haar in der Bremer Suppe gefunden. Werder bekam es schriftlich, daß der Meister mit derlei Praktiken die gesamte Preispolitik der Bundesliga unterlaufe, und außerdem habe man das alles vorher genauestens absprechen müssen.

Dagegen Willi Lemke: „Ich habe noch im Ohr, daß sich beispielsweise Franz Beckenbauer sehr stark dafür gemacht hat, daß sich die Industrie noch mehr als bisher in der Bundesliga engagiert. Beispielsweise, um den Ausverkauf unserer Stars zu stoppen. Nun haben wir einen Konzern gewonnen, und es ist doch einigen nicht recht!"

Wenn es nach Werders Manager geht, ist dies erst der Anfang. „Ich hätte nichts dagegen, alle 17 Bundesliga-Heimspiele vorab an Firmen zu verkaufen, jeweils entsprechend der Wertigkeit des Gegners. Da würden die Bayern natürlich einiges mehr kosten als Bochum„, erläuterte Lemke und nannte den seiner Meinung nach unschätzbaren Vorteil für seinen Verein und dessen Anhänger- „Die Dauerkarten würden weniger als die Hälfte kosten, das Stadion wäre auch zur Freude der Spieler voll, und wir könnten die gesamte Saison präzise kalkulieren!“

Das hochauflösende PDF der Original-Zeitungsseite gibt es hier (bei iOS den Link länger gedrückt halten).

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