Werder-Stürmer Füllkrug leidet, weil er nicht liefert

Niclas Füllkrug ist bei Werder nur noch zweite Wahl. Dabei fühlt sich der Stürmer topfit und hofft wieder auf mehr Startelfeinsätze. Das beste Argument dafür wären Tore, wie der 28-Jährige selbst sagt.
07.10.2021, 17:42
Lesedauer: 5 Min
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Von Björn Knips

„Ich bin so etwas wie der Verlierer der aktuellen Situation!“ Der Mann, der das von sich sagt, war in seinem Leben schon sehr viel. Torjäger, Dauerpechvogel, Fast-Nationalspieler, Stehaufmännchen, Kämpfer – all das trifft auf Niclas Füllkrug zu. Aber ein Verlierer? Das ist neu im Katalog der Füllkrug-Bezeichnungen, und vermutlich würde der Profi des SV Werder sich auch niemals selbst so betiteln, wenn er auch nur einen guten Grund sähe, seine aktuelle Situation in Bremen positiver zu beschreiben. Doch es ist, wie es ist: Der Mittelstürmer ist in der 2. Liga nur noch zweite Wahl. Dass ihn das wurmt, dass es an seinem Ego nagt, „das gebe ich ehrlich zu“, sagt er im Gespräch mit unserer Deichstube: „Es ist natürlich nicht zufriedenstellend.“ Aber er sagt auch, dass er gegen die Situation, die er nicht vollends versteht, angehen will und wird. Er lebe gerade ein großes Rätsel, meint der 28-Jährige: „Ich bin so fit wie lange nicht mehr, setze es aber nicht in Tore um.“

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Letzteres ist ein Grund, weshalb der Platz auf der Bank für ihn zum neuen Stammplatz geworden ist. Der zweite Grund trägt den Namen Marvin Ducksch und hat alles, was Füllkrug derzeit nicht besitzt: eine gute Trefferquote, das Vertrauen des Trainers, eine gewisse Sorglosigkeit. Vier Tore des Konkurrenten in bislang fünf Einsätzen nötigen Füllkrug ehrlichen Respekt ab: „Er ist gut, und er tut der Mannschaft gut, das kann ich nicht anders sagen. ,Duckschi’ garantiert dir eine gewisse Anzahl an Scorerpunkten, dafür kann man sogar seine Hand ins Feuer legen. Er ist ein cleverer Spieler, der weiß, wie es in der Liga funktioniert.“ Das war auch der Grund, weshalb Trainer Markus Anfang den Stürmer, mit dem er schon in Kiel erfolgreich zusammengearbeitet hatte, unbedingt wollte und Werder letztlich 3,5 Millionen Euro Ablöse an Hannover 96 zahlte.

Für Füllkrug lässt sich die junge Saison seither in zwei Teile aufsplitten: In die vier Ligaspiele aus der Prä-Ducksch-Zeit, in denen er jeweils in der Startelf stand und 313 Spielminuten sammelte. Und in vier Spiele danach, in denen er lediglich eingewechselt wurde und auf nur noch 63 Minuten kam. Ein Tor ist ihm jedoch weder als Startelf-Spieler noch als Joker gelungen. Was es für Füllkrug enorm kompliziert macht, sich jetzt wieder für längere Einsatzzeiten, vielleicht sogar für ein Doppel mit Ducksch zu bewerben. Er sagt: „Ich habe kein Argument, so lange ich nicht treffe. Ich brauche ein Tor.“

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Es ist nicht so, als ob sich Füllkrug auch bei seinen Kurz-Einsätzen keine Möglichkeiten geboten hätten. Im Gegenteil. Gegen den HSV, gegen Dresden hätte er treffen können, vielleicht sogar müssen. „Aber im Moment ist das Tor für mich kleiner als für andere“, beschreibt er das Phänomen, weshalb der Ball entweder vorbei oder – wie gegen Dresden – an den Pfosten fliegt: „Vielleicht wächst das Tor ja bald wieder für mich.“

Zuletzt fehlte Füllkrug sogar ganz im Werder-Aufgebot, wegen eines Problems mit der Wade war er gegen den 1. FC Heidenheim nicht dabei. Was rückblickend eine verpasste Chance darstellen dürfte. Denn das Bremer Team führte nach etwas mehr als einer Stunde komfortabel mit 3:0, hatte viele Konterchancen – es hätte das ideale Spiel für einen in der Tor-Krise steckenden Stürmer sein können, um die Ladehemmung zu besiegen. „Vielleicht“, sinniert Füllkrug, „wäre das Spiel wirklich prädestiniert für mich gewesen.“ Aber ähnliche Situationen hatte es auch gegen Hansa Rostock und den FC Ingolstadt (jeweils 3:0) schon gegeben – Coach Anfang gönnte dem Reservisten einmal sieben und einmal elf Minuten Spielzeit. Zu wenig, um auf Touren zu kommen. Zu wenig auch, um an das Vertrauen des Trainers glauben zu können? Füllkrug sagt: „Mir geht es nicht allein um einen Status als Stammspieler. Ich gehe wirklich ins Stadion und denke: Geil, Fußball spielen! Wenn es dann nur Kurzeinsätze werden, ist das schon ernüchternd. Natürlich will ich spielen, am liebsten immer und von Anfang an. Aber dafür muss ich liefern.“ Und Fakt ist nun einmal: Als Füllkrug noch von Beginn an ran durfte, hat er nicht geliefert, sich somit auch das Vertrauen des neuen Trainers nicht erspielt.

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Er wisse um die Problematik und wolle auch keine Ausflüchte suchen, meint der Angreifer, der es vor vier Jahren als Haupttorschütze von Hannover 96 bis an die Schwelle zur Nationalmannschaft geschafft hatte. An dem ersten Tor, seinem ersten Erfolgserlebnis, „hakt es eben“. Dabei fühlt er körperlich quasi keine Einschränkungen, was bei ihm eine Seltenheit ist. Seine Verletzungsliste ist lang, trotzdem habe er für Werder in schwierigen Momenten „die Knochen hingehalten“ – ob frisch nach auskuriertem Kreuzbandriss oder mit gebrochenem Zeh, wie in der Endphase der vergangenen Saison. Immer sei er dennoch auf seine Tore gekommen. Dass es jetzt nicht flutscht, ist ein Paradoxon. Füllkrug: „Ich bin viel beweglicher als früher, viel fitter. Meine Werte sind gut, von unterschiedlichen Seiten wird mir eine gute Trainingsleistung bescheinigt. Aber das sehen die meisten nicht, weil sie nur sehen, dass ich das Tor noch nicht getroffen habe. Aber ich werde wieder treffen und kann der Mannschaft auch wieder helfen. Wenn ich eingewechselt wurde, habe ich immer etwas bewegt, habe mir immer meine Chancen erarbeitet. Es ist mein Anspruch, wieder von Anfang an zu spielen.“

Die Verletzung, die ihn das Heidenheim-Spiel gekostet hat, wird auf dem Weg zum Ziel wohl keine große Hürde sein. Nur eine Vorsichtsmaßnahme der medizinischen Abteilung sei es gewesen, ihn rauszunehmen. Schon im Spiel bei Darmstadt 98 (17. Oktober) will er wieder dabei sein. Dass sich dann sein Wunsch von der Rückkehr in die erste Elf erfüllt, ist aber – Stand jetzt – nicht wahrscheinlich. Füllkrug weiß, dass es für ihn an Ducksch keinen Weg vorbei gibt. „Aus meiner Sicht wäre derzeit eine Doppelspitze die einzige Konstellation, die mir einen Einsatz von Anfang an möglich machen würde“, meint er. Diese Möglichkeit hatte Anfang im Vorfeld des Heidenheim-Spiels jedoch ausgeschlossen. Er sieht durch ein Duo Ducksch/Füllkrug die Chance auf Chancen nicht erhöht.

Für Füllkrug war das natürlich keine schöne Nachricht. Er denkt anders, glaubt daran, dass zwei gute Mittelstürmer in der Kooperation zwangsläufig mehr Möglichkeiten produzieren würden: „Ich kann mir gut vorstellen, dass das funktionieren würde. Schließlich würden wir uns Räume schaffen, weil wir Verteidiger auf uns ziehen würden.“ Aber es folgt noch mal die Einsicht, dass er sich nicht durch Reden wertvoll macht: „Für alle Diskussionen wären Tore für mich die besten Argumente.“

Den Gründen, wieso er in den ersten vier Partien leer ausgegangen war, muss Füllkrug nicht lange nachforschen, er hat sie längst ausfindig gemacht. Der eine: „Im Sommer hat viel gedrückt. Der Abstieg hat viel mit mir gemacht, den kannst du nicht einfach so abstreifen, die Erlebnisse bleiben noch eine Zeit lang im Kopf.“ Und der andere: Die Gerüchte um Ducksch, von denen Füllkrug früh wusste, „dass sie nicht nur eine Erfindung der Medien waren. Natürlich bringt es Verunsicherung mit sich, wenn du mitbekommst, dass für deine eigene Position jemand anderes gesucht wird. Ich weiß, dass ich das als Profi-Fußballer aushalten sollte, aber es war halt so.“

Ducksch ist jetzt da, und Füllkrug ist draußen, fühlt sich als Verlierer. Was passiert, wenn es dabei bleiben sollte, wenn Anfang nur auf einen zentralen Stürmer setzt und dieser weiterhin Ducksch heißt, mag Füllkrug, dessen Vertrag bei Werder noch bis 2023 läuft, gar nicht durchdenken. Jetzt jedenfalls noch nicht. Ein Wechsel im Winter? „Das ist noch weit weg. Gehen wir mal von der Top-Situation aus, dass wir mit Werder bis zum Ende der Hinrunde zur Ligaspitze aufgeschlossen haben und ich wieder zu Startelf-Einsätzen gekommen bin. Dann würde bestimmt niemand komische Ideen entwickeln“, sagt er. Falls es anders kommt, „müsste ich mir Gedanken machen“.    

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