Sargent ist bei Werder gesetzt

Vielseitige Arbeitsbiene

Joshua Sargent ist einer der Vielspieler bei Werder und beim Trainer gesetzt. Der Angreifer überzeugt als erster Verteidiger, hat in seinem Kerngebiet aber noch Luft nach oben. Lob gibt es trotzdem.
12.11.2020, 10:39
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Stefan Romme lund Jean-Julien Beer
Vielseitige Arbeitsbiene

Einer der Vielspieler bei Werder: Stürmer Joshua Sargent ist bei Trainer Florian Kohfeldt gesetzt.

nordphoto

Was am vergangenen Freitag jeder sehen konnte: ein Luftloch von Josh Sargent, nur wenige Meter vor dem gegnerischen Tor, also in sehr aussichtsreicher Position. Was wohl nur die wenigsten gesehen haben: die von Sargent ausgelöste Pressingaktion, die zu dem Ballgewinn und letztlich der Chance führte, die er selbst dann überhastet vergab. Die Sequenz gleich zu Beginn der Partie gegen den 1. FC Köln erklärt im Kleinen den bisherigen Saisonverlauf des Angreifers, dessen Rolle und Profil sich im Bremer Spiel in den letzten Wochen noch einmal verändert haben.

Sargent haucht dem Prinzip des Angreifers als erstem Verteidiger einer Mannschaft Leben ein, agiert gegen den Ball so aufwendig und fleißig wie ein Mittelfeldspieler. In Abwesenheit von Niclas Füllkrug und Davie Selke ist es oft genug an Josh Sargent, das ­Signal für das Aufrücken des Teams ins Pressing zu geben, wobei seine Aggressivität und Beharrlichkeit dabei sehr konkret ins Auge stechen.

Stressmacher für den Gegner

Der 20-Jährige ist der Stressmacher für den Gegner, presst nicht nur leidenschaftlich gegen den Ball, sondern ist auch dann noch sehr unangenehm für den Kontrahenten, wenn er längst überspielt scheint, aber immer noch in Reichweite des Balles: Sargent ist im Backcheck schon sehr schlau, greift gut über die blinde Seite des Ballführenden an und forciert so Ballgewinne oder zumindest ein unsauberes Abspiel. Das macht den Spieler gegen den Ball für die aktuelle Spielausrichtung der Mannschaft besonders wertvoll, wie auch sein Trainer Florian Kohfeldt betont: „Es ist unangenehm, gegen uns zu spielen. Und das hat ganz viel mit Josh zu tun gehabt in den letzten Wochen.“

Tatsächlich bietet kein Bremer Spieler im Gesamtpaket aus Laufen, Rennen und Kämpfen mehr an als Josh Sargent mit bislang 236 Sprints, 604 intensiven Läufen und knapp über 87 Kilometern Laufdistanz. Kein anderer Angreifer in der Bundesliga kommt auch nur annähernd auf solche Werte.

Zeichen an die Mannschaft

„Der Aufwand, den er betreibt, das Engagement, das Defensivverhalten – das ist wirklich sehr gut, das belegen auch seine statistischen Zahlen“, sagt Werder-Sportchef Frank Baumann im Gespräch mit dem WESER-­KURIER über den emsigen US-Angreifer. „Diese Zeichen, die er durch diese Laufarbeit und durch das frühe Anlaufen setzt, aber auch das Hinterhergehen, wenn man mal überspielt ist: Das ist etwas, was eine Mannschaft braucht. Das überträgt sich dann auch auf andere, sodass jeder dann mitmacht. Das sieht man auf dem Feld, er unterstützt die anderen damit und das ist sehr gut.“

Dabei ist es fast schon egal, ob Josh Sargent als einzige Spitze oder als einer der Flügelangreifer im 4-3-3 spielt oder vielleicht als zweiter Angreifer in einer 4-4-2-Konstellation: Jeder weiß, was er vom Amerikaner bekommt – auch wenn das in der einen oder andere Situation sicherlich auch noch ausbaufähig ist. Die Ruhe vor dem Tor, eine gewisse Kälte und auch eine gute Portion Routine fehlen häufig genug noch.

Deutliches Verbesserungspotenzial

„Er hat häufig viel in die Defensive investieren müssen, dadurch waren seine Torgefährlichkeit in der Offensive und letztlich auch seine Ruhe vor dem Tor bei Aktionen mit dem Ball manchmal nicht mehr so ausgeprägt, wie das sein könnte“, sieht nicht zuletzt Frank Baumann das Verbesserungspotenzial, verweist aber auch darauf, dass Sargent genau dafür „eigentlich viel mitbringt“. Die eine ideale Rolle gibt es für den Allrounder in der Offensive dabei gar nicht. Josh Sargent hat keine Spezialwaffe wie Niclas Füllkrug mit seinem herausragenden Kopfballspiel, er besitzt nicht die Explosivität von Milot Rashica oder das Tempodribbling eines Tahith Chong. Und an der Handlungsschnelligkeit, im Erfassen von Spielsituationen, lässt sich ganz sicher auch noch arbeiten.

Sargent ist dagegen eher ein Komplementärspieler, der um einen starken Mitspieler herum wertvoll wird – vielleicht wäre die Rolle als zweiter Angreifer neben dem Fixpunkt Füllkrug rein aus Spielersicht die beste, da könnte Sargent gut in die Tiefe stoßen oder zweite Bälle aufsammeln. Im Gesamtkontext der Mannschaft, wenn auch noch andere Spieler ihren Stärken entsprechend eingebaut werden müssen, wird das schon wieder schwierig.

Dass Josh Sargent für Werder potenziell auch mehr als nur den rein sportlichen Wert hat, darf nicht übersehen werden. Mit 20 Jahren und schlummerndem Potenzial könnte Sargent in ein paar Jahren ein geeignetes Verkaufsobjekt sein, auch das ist ja ein Eckpfeiler der Bremer Strategie. „Wir sind mit seiner Entwicklung sehr zufrieden, er ist noch ein junger Spieler. Er wird kurzfristig, aber auch mittel- und langfristig immer wichtiger für Werder Bremen werden“, schätzt Frank Baumann die Lage etwas anders ein. Aber was sonst sollte er momentan auch anderes sagen?

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+