Chongs spezielle Platzwahl im System

Wie passt der rein?

Tahith Chong hat sehr spezielle Fähigkeiten, die Werder helfen könnten. Aber noch ist nicht ganz klar, wie der Flügelspieler in das Bremer System eingebaut werden soll. Und das ist durchaus ein Problem.
16.09.2020, 16:57
Lesedauer: 5 Min
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Von Stefan Rommel und Malte Bürger

Plötzlich stand eine große Frage im Raum und Florian Kohfeldt schien einen Moment tatsächlich irritiert. Ob Tahith Chong ein Limit habe, wurde Werders Trainer im Nachgang des Pokalspiels in Jena gefragt, nachdem Chong 45 Minuten lang ein ordentliches Spiel mit ein paar guten Ansätzen und einem Tor abgeliefert hatte. Allerdings halt nicht in einem K.o.-Spiel der Champions League, in dem die Frage nach dem Limit nachvollziehbar wäre. Sondern in der ersten Runde des DFB-Pokals, gegen einen Viertligisten.

Diese kleine Episode dürfte in einem größeren Kontext das grundlegende Problem der Überhöhung besonders junger Spieler touchiert haben, sie war aber schnell auch wieder vergessen. Was bleibt, sind etwas dringlichere Fragen: Reicht das Gezeigte auch auf Bundesliga-Niveau? Was ist mit Chongs Arbeit gegen den Ball? Und: Wie kann Werder einen Spieler mit diesen doch sehr speziellen Fähigkeiten eigentlich gewinnbringend und so reibungslos wie möglich in seine Mannschaft einbauen?

„Wir wissen um seine Qualitäten, aber wir sollten die Erwartungen auch nicht zu hoch hängen“, sagt Clemens Fritz, Werders Leiter Scouting und Profifußball. „Er hat das in Jena sehr gut gemacht, gerade in der Offensive hat er Frische und ein anderes Element hineingebracht. Das sind die Momente, auf die wir uns freuen und die wir von ihm erwarten.“ Doch Fritz hatte eben auch das große Aber parat. „Wir wissen, dass es defensiv gerade in der Bundesliga etwas komplett anderes ist. Da muss jeder mitarbeiten. Das muss er noch verinnerlichen.“

Noch kein Gesamtbild

Joachim Löw hat einmal den Begriff der Spezialwaffe erfunden, mit der ein Spieler einer Mannschaft in bestimmten Situationen entscheidend weiterhelfen kann. Etwas, das es in der Art und Ausprägung kein zweites Mal im Kader gibt, das auf den ersten Blick vielleicht nicht so ganz passt zum eigentlichen Spielansatz, das aus der Reihe tanzt, vielleicht ein bisschen verrückt ist oder waghalsig, zumindest aber mutig. So ein Spieler könnte in dieser Saison Tahith Chong sein. „Er ist ein kreativer Spieler, dem man seine Freiheiten geben sollte“, sagt Clemens Fritz und lobt vor allem die Qualitäten im Eins-gegen-eins. „Es ist aber natürlich eine Abwägung, die er für sich finden muss, wann er das tun sollte und wann eher Sicherheit gefragt ist.“

Einige von dessen Stärken konnte man in den Testspielen und - ja, auch gegen Jena - im ersten Pflichtspiel der Saison schon sehen. Andere Dinge blieben aber verborgen oder zeigten auf, dass der Spieler noch einiges lernen muss. Das Jena-Spiel hat gezeigt, dass Chong mit dem Ball am Fuß sofort explodieren kann, wenn er in offener Stellung angespielt wird. Der erste Kontakt, der schnelle Impuls nach vorne, waren sehr gut, die Leichtigkeit und Kreativität im Dribbling durchaus beeindruckend und auf alle Fälle insofern herausragend, dass kein anderer Feldspieler auf dem Platz dabei auch nur annähernd so auffällig gewesen wäre.

Was die Partie in Jena aber auch gezeigt hat: Chong hat noch einige Probleme in der Entscheidungsfindung, wann er welche Räume anlaufen soll und Aufmerksamkeitsdefizite, wenn der Gegner den Ball hat. „Defensiv hat er mir heute nicht so gefallen. Er hat Theo Gebre Selassie auf der rechten Seite ab und zu alleine gelassen“, wurde deshalb Kohfeldt sehr konkret in seiner Kritik an Chongs Defensivverhalten. Andere Dinge wie das Verhalten unter großem Gegnerdruck, das Nachschieben nach Ballverlusten oder ballferne Bewegungen konnte man allenfalls erahnen. Kurzum: Von Chong in allen seinen Facetten zeichnet sich noch kein klares Bild ab.

Nicht alle Grundordnungen passen

Werder variiert in der Regel zwischen drei Grundordnungen, im 4-3-3, im 4-Raute-2 oder auch mal mit einer Dreierkette im tiefen Aufbau und zwei Angreifern vorne drin. Am besten dürfte das 4-3-3 oder ein flaches 4-4-2 zu Chongs Profil passen, sofern beides etwas breiter interpretiert wird. Das 4-Raute-2 kommt eher nicht in Frage, weil die Achter recht eng spielen müssen, um im Zentrum zu unterstützen und auf den Seiten zuverlässig dem Außenverteidiger Hilfe leisten sollten. Beide Elemente dürfte Chong derzeit eher nicht bedienen. Wie wäre er im Bremer Spiel also in der Art einzusetzen, dass weder der Spieler zu viele seiner Stärken verliert, noch die Mannschaft wichtige Prinzipien ausblenden muss?

An sich spielt Werder gerne durch die Halbräume und mit schnell aufeinanderfolgenden, kurzen Steil-Klatsch-Passagen aus dem Positionsspiel nach vorne. Die Flügelangreifer zeigen sich dafür oft im Halbraum. Wie gut Chong da als sehr breit stehendes Exemplar passen könnte, wurde gegen Jena nicht wirklich ersichtlich. Stattdessen bekam er oft den Ball in den Fuß und dribbelte von außen nach innen los. Für die Einbindung seines hinterlaufenden Außenverteidigers Gebre Selassie war das gut, die Regel sind Spielzüge wie diese bei Werder aber eigentlich nicht.

Wie viel Breite will Werder?

Chong scheint seine Fähigkeiten dann am besten einzubringen, wenn er so breit wie möglich stehen kann, also nahe an der Seitenauslinie. Das wäre wohl die präferierte Ausgangsposition. Will Werder diese Breite nun als Markenzeichen gesetzt haben oder soll sie situativ im Spiel hergestellt werden - mit allen auch negativen Begleiterscheinungen? Das Problem bei eher spontanem Herstellen von Breite durch zum Beispiel das Ausweichen des Flügelspielers nach außen ist, dass sich dann automatisch ein vom Tor abgewandtes Momentum ergibt, der Passempfänger den Blick nicht ins Feld, sondern nach draußen hat und das die eigentlich gewünschte Dynamik im Angriff bremst. Als raumöffnendes Element sind diese Läufe gefährlich für den Gegner, nur sollte der ausführende Spieler dabei aber gar angespielt werden. Ein starker Dribbler ohne Ball ist aber kein Dribbler mehr, sondern nur ein Helfer für einen ganz anderen Plan.

Ein wichtiger Faktor könnten auch die Innenverteidiger spielen. Werder streut zwar ab und an einen weiten Diagonalball ein, ist aber nicht eine jener Mannschaften, die den Gegner im tiefen Aufbau mit einer Verlagerung nach der anderen hin und her scheucht, um das Feld zu öffnen und dann auf der frei gezogenen Seite eine Eins-gegen-Eins-Situation für einen Dribbler herzustellen oder mit dem Flügelspieler-Außenverteidiger-Pärchen zu hinter- oder vorderlaufen. Womöglich ändert sich mit Chong auf dem Platz auch daran ein bisschen was.

Wie damals bei Rashica

Denn grundsätzlich schick wäre das ja schon: Auf der rechten Seite den Linksfuß Chong, auf der linken Seite den Rechtsfuß Milot Rashica und dazu ein wuchtiger Mittelstürmer im Zentrum. Dann böten sich viele Möglichkeiten im letzten Drittel, auch gegen tiefstehende Gegner. Allerdings dürfte Rashica bald Geschichte sein in Bremen und Chong, nun ja: Wirkt derzeit noch wie eine jüngere Ausgabe des Kosovaren.

Es bedarf nicht viel Fantasie, um in ihm einen durchaus spektakulären Spieler zu erkennen. Es gibt aber auch noch viel zu tun, bis das alles tragfähig und in beide Spielrichtungen ausbalanciert ist! Kohfeldt hat bei Rashica gezeigt, dass er einen Spieler in dieser Beziehung besser machen kann. Allerdings ging das nicht von heute auf morgen, sondern dauerte rund ein Jahr, bis Rashica in allen Spielphasen konstantes Bundesliga-Niveau hatte. Zeit, die Werder bei Leihspieler Chong in dem Ausmaß nicht hat.

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