Werder Bremen nach dem Pokalfinale Werder taktisch und spielerisch chancenlos

Berlin. Gegen den Offensivwirbel von Bayern München war Werder Bremen im Pokalfinale chancenlos. Auch die Defensivtaktik von Trainer Thomas Schaaf griff nicht. "Die Bayern waren einfach zu stark für uns", fasste Abwehrspieler Naldo das einseitige Endspiel treffend zusammen.
17.05.2010, 08:47
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Werder taktisch und spielerisch chancenlos
Von Marc Hagedorn

Berlin. Das Spiel war längst beendet, da griff Louis van Gaal zur nächsten taktischen List. Gleich nach der Pokalübergabe setzte sich der Trainer des FC Bayern ab. Um den von ihm nicht sehr geschätzten Bierduschen zu entgehen, flüchtete van Gaal ins Pressezentrum des Berliner Olympiastadions. Und tatsächlich: Als die Bayern-Spieler die überdimensionierten und mit Weizenbier gefüllten Gläser schließlich in den Händen hielten, suchten sie ihren Trainer vergebens. Sie kamen - anders noch als in der Vorwoche am letzten Bundesliga-Spieltag - diesmal nicht in den köstlichen Genuss, ihren Chef quer übers Spielfeld jagen zu können.

Louis van Gaal, der Taktikfuchs, hatte seine eigenen Spieler ausgetrickst. In den 90 Endspielminuten von Berlin war ihm das zuvor auch mit dem Gegner gelungen. Man glaubt es in diesen Jubeltagen ja kaum, aber auch ein Louis van Gaal ist nicht frei von Zweifeln - und die haben ausgerechnet mit seinen beiden Extrakönnern Arjen Robben und Franck Ribéry zu tun. 'Ich kann Robben und Ribéry nur bringen, wenn sie ihre Funktionen erfüllen', sagte van Gaal nach dem 4:0-Triumph, 'normalerweise haben wir ein Problem mit beiden.' Der holländische Fußballlehrer ging am Sonnabend das Risiko ein, seine beiden Freigeister zu bringen, obwohl ihre Art zu spielen nicht nur gegnerische Abwehrreihen durcheinanderwirbeln kann, sondern auch das Zeug dazu hat, das eigene Taktikkonzept zum Einsturz zu bringen.

Van Gaal schreckte auch nicht ab, dass der Gegner in dieser Saison die Bestmarke von 119 Toren in allen Wettbewerben zustande gebracht hat. Werder steht in diesem Land für attraktiven Offensivfußball. Über Mesut Özil, Marko Marin, Aaron Hunt und Claudio Pizarro sagt man, dass sie ein Spiel allein entscheiden können. Louis van Gaal wählte dessen ungeachtet die Variante 'volles Risiko', ganz nach dem bajuwarischen Selbstverständnis, das sich nirgends so prägnant wie in dem Credo 'Mir san mir' spiegelt.

Werder dagegen war am Sonnabend nicht das oben beschriebene Werder. Werder war nicht mutig, kreativ, Werder war vorsichtig, defensiv. So ähnlich hatte Cheftrainer Thomas Schaaf seine Mannschaft auch schon auf Schalke spielen lassen und damit alles richtig gemacht. Gegen die Bayern in Berlin ging dieser Plan nicht auf. Oder wie Klaus Allofs es ausdrückte: 'Wenn man kein Tor schießt, kann man nicht sagen, dass es funktioniert hat.' Der Werder-Boss bezog sich damit auf die Personalie Mesut Özil, der eine Art zweiter Stürmer spielte. Der Satz hätte aber auch aufs große Ganze gepasst.

Defensiv griff das Konzept zwar einigermaßen, ein Beispiel: Immer wenn Franck Ribéry den Ball hatte, doppelten ihn Clemens Fritz und Aaron Hunt, auf der gegenüberliegenden Seite machten das Tim Borowski und Sebastian Boenisch mit Arjen Robben genauso. 'Wir haben', sagte Schaaf, 'bis zum ersten Tor relativ wenig zugelassen.' Der Preis für die relative Stabilität war indes zu hoch: Nach vorne brachte Werder nur selten Gefährliches zustande, Druck auf die Bayern übte Werder nicht aus.

Mesut Özil etwa, der sich oft noch vor Claudio Pizarro bewegte, konnte seine Stärke, das Dribbling mit Anlauf aus der Tiefe, überhaupt nicht einbringen. Aaron Hunt, der den Vorzug vor Marko Marin erhalten hatte, weil er von beiden als der taktisch verlässlichere gilt, spielte so wie über weite Strecken der Rückrunde: unscheinbar. Ob Werder mit dem wuseligen Marin, der zum dritten Mal in Folge auf der Bank saß, gefährlicher gewesen wäre? Eine Antwort wird es nie geben, auch Marin konnte sie nicht liefern. Er sagte stattdessen: 'Der Trainer hat so entschieden, das muss man akzeptieren.' In den Wochen zuvor hatte Marin seinen Frust deutlicher formuliert.

Aber vielleicht hatte er diesmal auch nur erkannt, dass alles Grübeln sinnlos war: Raute? Doppelsechs? Eine Spitze oder zwei? Werder hatte am Ende fast alle Varianten durchprobiert, ohne nachhaltigen Erfolg. Wahrscheinlich ist es so, dass das DFB-Pokalendspiel eines dieser Spiele war, in denen man dem Gegner einfach nicht beikommen kann, egal mit welcher Taktik man es versucht. Naldo sagte am Sonntag bei der Ankunft in Bremen: 'Man muss anerkennen, dass die Bayern besser waren. Sie waren einfach zu stark für uns.'

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