Thomas Schaaf über Werders Leistungszentrum

„Dann verlieren wir"

Werders Technischer Direktor Thomas Schaaf spricht im WESER-KURIER-Interview über den geplanten Neubau des Leistungszentrums, die Talentförderung und seine persönliche Zukunft.
01.08.2020, 17:05
Lesedauer: 6 Min
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„Dann verlieren wir
Von Christoph Sonnenberg
„Dann verlieren wir"
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Herr Schaaf, Werder ist unter anderem durch die Folgen der Corona-Pandemie unter finanziellen Druck geraten. Geld für Transfers ist nicht vorhanden, es sollen deshalb wieder verstärkt eigene Talente ausgebildet werden. Sind Sie als Technischer Direktor damit stärker in der Verantwortung?

Thomas Schaaf: Zunächst muss man abwarten, wie sich der Transfermarkt entwickelt. Wenn nur noch wenige Vereine Geld ausgeben können, werden sich die Preise verändern, der Markt muss sich anpassen. Wenn insgesamt weniger Geld zur Verfügung steht, dürften die Preise fallen. Was dann an Transfers möglich ist, wird sich zeigen. Für Werder gilt: Hier wurde schon immer sehr viel Wert auf die Ausbildung von Talenten gelegt mit dem Ziel, sie in den Profi-Kader zu bringen. Ob das klappt, hängt aber von vielen Faktoren ab.

Welche sind das?

Nehmen wir Max Kruse und Simon Rolfes. Als sie den Sprung in den Profikader geschafft haben, war der extrem gut besetzt. Von der Qualität, vom Altersschnitt. Da war es schwer, für einen jungen Spieler reinzukommen.

Funktioniert bei Werder aus Ihrer Sicht die Ausbildung von Talenten und die Durchlässigkeit zur Bundesligamannschaft?

Wir haben eine Wirkung, wir haben Spieler über viele Jahre in den Profi-Fußball gebracht. Zuletzt war es Nick Woltemade und davor Luc Ihorst, der diesen Sprung geschafft hat.

Vor der vergangenen Saison wurden zwölf Talente an andere Klubs verliehen, in diesem Jahr wird es erneut eine große Anzahl sein. Wirklich etabliert bei den Profis hat sich in den vergangenen Jahren nur Maximilian ­Eggestein. Ist das eine gute Bilanz?

Auch hier stellt sich die Frage, wie der Profikader bestückt ist. Auch in welcher Situation sich die Mannschaft befindet, muss berücksichtigt werden. Ich glaube, dass wir interessante Spieler haben, die wir definitiv im Profi-Bereich sehen werden. Die Frage ist, ob sie sich hier gleich durchsetzen oder zunächst bei einem anderen Verein den nächsten Schritt machen. Es geht ja nicht darum, einen Spieler zum Bundesligaspieler zu machen. Das wäre mit einem Einsatz getan. Wir wollen langfristig wirken. Da ist Maxi Eggestein ein gutes Beispiel: Mitunter braucht man dafür Geduld.

Ist es richtig, Talente immer wieder von anderen Klubs ausbilden zu lassen, oder wäre es besser, das selbst zu tun?

Das muss man an jedem einzelnen Spieler festmachen. Wie ist die Position? Wird diese im Profikader benötigt? Da gibt es viele relevante Faktoren. Auch die Meinung des Spielers ist wichtig. Noch mal das Beispiel Max Kruse: Wir hätten ihn damals gerne behalten und hatten das Zutrauen, dass er es schafft. Aber eben nicht sofort mit einem festen Platz im Bundesliga-Kader. Es braucht Geduld. Und die hat nicht jeder, sondern wählt einen anderen Weg.

An den Plänen, das Leistungszentrum zu bauen, soll nach Angaben von Hubertus Hess-Grunewald festgehalten werden. Es ist aber fraglich, ob es überhaupt eine Baugenehmigung gibt und wie dieses dann bezahlt werden soll. Was bedeutet diese Verzögerung für die Nachwuchsarbeit?

Die Anforderungen an diese Arbeit haben sich in den vergangenen Jahren komplett verändert, wir haben aber immer noch die gleichen Voraussetzungen wie vor vielen Jahren. Für nahezu jeden Bereich gibt es Spezialisten, die für ihre Arbeit besondere Bedingungen brauchen. Aber die haben wir nicht, weil beispielsweise der benötigte Platz nicht da ist. Es geht um athletische Ausbildung, technisch-taktische, um Videoanalysen, psychologische Betreuung. Das sind Bereiche der Ausbildung, die heute gefordert werden. Dem können wir nicht in allen Bereichen gerecht werden. Die Kabinen, die wir haben, sind dieselben, in denen ich mich als Jugendspieler umgezogen habe. Da hat sich nichts getan.

Wenn die Ausbildung nicht zeitgemäß ist, schaffen es am Ende auch weniger Spieler in den Profi-Bereich?

Wir versuchen Jahr für Jahr, die Ausbildungsprozesse zu optimieren. Da geht es nicht darum, hier einen Luxustempel zu bauen, etwas Überdrehtes, wofür es keinen Bedarf gibt, das aber toll aussieht. Was wir wollen, entspricht dem, was wir brauchen. Sonst können wir den Anforderungen nicht nachkommen.

Es sieht nicht so aus, als würde sich daran in den kommenden Jahren etwas verändern. Ist das ein Rückschlag, oder haben Sie damit gerechnet?

Mit einer Pandemie konnte niemand rechnen. Dass das Projekt Überzeugungsarbeit bedarf, dass wir erklären müssen, dass es hier ausschließlich um Sinnvolles und Notwendiges geht, war klar. Lässt sich das nicht realisieren, verlieren wir, und das wäre schlecht. Ich denke, wir werden den Weg weiter gehen und versuchen, das Projekt hinzubekommen. Auch wenn es eine langfristige Aufgabe ist.

Einen anderen Rückschlag hat Werder mit dem Erfolg in der Relegation verhindert. Was hätte der Abstieg aus Ihrer Sicht bedeutet?

Im Zuge der Corona-Pandemie hat sich herausgestellt, dass veränderte Rahmenbedingungen schnell große wirtschaftliche Folgen nach sich ziehen können. Als Konsequenz gab es hier die Frage, ob das Gebilde so aufrechterhalten werden kann. Oder ob es Kündigungen gibt und wenn ja, in welchen Bereichen. Ob Verträge nicht verlängert oder nicht erfüllt werden. Das zeigt, wie sensibel wir aufgestellt sind. Und wie anfällig viele Vereine und auch viele Unternehmen letztlich sind. Ein Abstieg bedeutet genau das auch: Dass bestimmte Einnahmen nicht mehr zu erzielen sind.

Wie haben Sie die Spiele gegen Heidenheim verfolgt?

Sehr, sehr unruhig. Fußballspiele, von denen man weiß, dass sich hinterher nichts wieder gutmachen lässt, sind extrem schwere Fußballspiele.

Wie hält man eine solche Situation als Verantwortlicher aus?

Da ist man 24 Stunden am Tag nur mit einem Thema beschäftigt. Fußball ist immer ein intensives Geschäft, aber meistens gibt es die Chance, ein negatives Ergebnis auszugleichen. In dem Fall gab es das nicht. Und das wussten die Beteiligten.

Kann Werder in den kommenden Jahren immer wieder in eine solche Situation geraten?

Die Normalität wird sein, sich zu stabilisieren und dann Stück für Stück weiter nach oben zu kommen. Was wir Jahr für Jahr im Fußball erleben ist, dass eine Mannschaft in eine Situation gerät, mit der sie nicht gerechnet hat. Andersherum kann auch mal alles passen, was sonst nicht gepasst hat.

Im Sommer 2018 haben Sie Ihr Amt als Technischer Direktor bei Werder angetreten. Wie viel von dem, was Sie sich vorgenommen hatten, haben Sie in den vergangenen zwei Jahren umgesetzt?

Wir haben viele Themen angepackt. Das bin ja nicht nur ich, das sind viele Kolleginnen und Kollegen. Es gibt hier einen großen Kreis von Mitarbeitern, der voller Ideen ist, der kreativ ist und die Entwicklungen immer weiter vorantreiben will. Ich bin ein sehr ungeduldiger Mensch, ich würde eine Idee, die morgen kommt, gerne sofort umsetzen.

Sie haben von Beginn an betont, dass Ihre Aufgabe ein Prozess ist. Im kommenden Jahr endet Ihr Vertrag. Immer mal wieder haben Sie aber auch gesagt, dass eine Rückkehr ins Traineramt denkbar wäre. Wie planen Sie Ihre Zukunft?

Darüber mache ich mir in der aktuellen Situation überhaupt keine Gedanken. Es gibt so viel zu tun, dass ich komplett in der Aktualität lebe. Alles andere wird sich ergeben.

Gab es zwischendurch mal eine Anfrage?

Ja, aber es werden weniger.

Ist das in Ordnung?

Natürlich ist das okay. Weil ich nicht in der Situation bin, unbedingt Trainer werden zu wollen. Wäre das so, müsste ich mir darüber Gedanken machen.

War mal eine Anfrage darunter, bei der Sie ins Grübeln gekommen sind?

Nein. Ich stehe bei der U 23 ab und zu auf dem Platz. Vergangenes Jahr habe ich als Co-Trainer ausgeholfen. Das ist gut, das macht mir Spaß und wird auch weiterhin passieren. Meine Aufgabe ist ja auch, meine Vorstellungen an unsere Trainer weiterzugeben.

Müssen Sie sich dabei manchmal bremsen, nicht in den Trainer-Modus zu verfallen?

Manchmal kommt da schon etwas aus der Emotion. Ich glaube aber, ich kann mich zurücknehmen. Mein Respekt vor dem Job des Trainers ist groß, und ich weiß, dass er den Hut auf hat.

Mit Torsten Frings ist ein Trainer zurück auf der Bühne, den Sie gut kennen und schätzen. Freut es Sie, ihn wieder an der Linie zu sehen?

Als Spieler hat er sich vermutlich nicht vorstellen können, mal Trainer zu sein. Jetzt hat er sich für den Job entschieden. Nach den Stationen bei Werder und in Darmstadt hat er in Meppen ein Umfeld, in dem er sich gut einbringen kann. Es freut mich, dass er das macht. Ich habe ihm gratuliert, und er hat sich darauf gemeldet.

Er hat lange gewartet, bevor er sich für einen Klub entschieden hat. Ist Meppen eine reizvolle Aufgabe?

In Meppen ist eine ganze Menge entstanden, das Emsland ist fußballverrückt. Torsten kann mit seiner Art die Menschen dort begeistern, davon bin ich überzeugt.

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