Pavlenka soll sich künftig besser einbringen

Alte Schule, neuer Mut?

Für einen Millionentransfer war er nicht gut genug, jetzt soll sich Jiri Pavlenka bei Werder besser einbringen. Bei eigenem Ballbesitz hat der Torhüter schließlich bislang kaum eine gewichtige Rolle gespielt.
27.08.2020, 16:54
Lesedauer: 4 Min
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Von Jean-Julien Beer und Stefan Rommel
Alte Schule, neuer Mut?

Bisher nicht im Fokus anderer Vereine: Jiri Pavlenka, der nach 116 Spielen für Werder immer noch mehr eine Krake ist als ein moderner Torhüter.

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Als die ganze Welt mal wieder über Manuel Neuer staunte und dessen heldenhafte Paraden im Finale der Champions League gegen Paris rühmte, sagte sein Münchner Weltmeister-Kollege Thomas Müller einen lässigen Satz: „Wir sollten jetzt nicht überrascht sein und so tun, als ob seine Leistung völlig unerwartet gewesen wäre.“ Nicht nur bei der WM 2014 in Brasilien, auch in der Champions League hatte Neuer bereits solche Kraken-Spiele abgeliefert, in denen er mit seinen Armen und Beinen auch aus kürzester Distanz die Schüsse der Gegner entschärfte. Schon als junger Schalker gegen den FC Porto und Manchester United, später im Bayerntrikot vor allem gegen Real Madrid.

Würde es im Torwartspiel nur um dieses spektakuläre Blocken der Bälle in direkten Duellen mit den Stürmern gehen, könnten sie sich auch bei Werder auf die Schulter klopfen. Gerade am Ende der abgelaufenen Saison zeigte hier Jiri Pavlenka auch wieder solche Reflexe und erinnerte daran, warum man ihn nach den ersten Monaten in Bremen als „Krake“ feierte. Bei Pavlenka wirkt das in der Summe jedoch nicht immer so spektakulär, weil die gestoppten Angreifer bei ihm nie Neymar oder Mbappé heißen, sondern zuletzt halt aus Freiburg, Paderborn oder Heidenheim kamen; zudem zupft sich Werders Keeper nach einer solchen Parade eher schweigend die Stutzen zurecht, als triumphierend die Siegerfäuste in die Luft zu recken.

Stärken liegen im Kerngeschäft

Doch weil Neuer bei seinen Auftritten eben auch andere Elemente ins Bayernspiel einbringt, braucht sich in Bremen keiner allzu feste auf die Schultern zu klopfen. Kurz hinter der Mittellinie einen Ball abfangen, vielleicht sogar mit der Brust? Auch in größter Bedrängnis einen sauberen Pass aus dem eigenen Fünfmeterraum so ins Mittelfeld spielen, dass sofort ein eigener Angriff daraus entstehen kann? Das ist Neuers Spiel. Aber es ist nicht Pavlenkas Stil.

Im sich rasch wandelnden Torhütergeschäft geht der Bremer den Trend des sogenannten Torspielers eher nicht mit. Pavlenkas Stärken liegen im Kerngeschäft der Torverhinderung, wenngleich es auch da in der abgelaufenen Saison genug Kritikpunkte gab. Zudem waren die vergangenen zwölf Monate bei Werder ein Rückschritt, was das Zusammenspiel zwischen Torwart und Mannschaft betrifft. Pavlenka beschränkte sich nach einigen Fehlern und angesichts der prekären Gesamtlage auf einfachste fußballerische Mittel, die am augenscheinlichsten wurden, sobald er den Ball am Fuß hatte. Das Trainerteam hatte den tschechischen Nationalkeeper ursprünglich auf ein neues Level in der Spieleröffnung heben wollen, musste diese Pläne aber früh in der Saison begraben; immerhin attestieren auch unabhängige Experten wie Lutz Pfannenstiel, dass sich Pavlenkas Spieleröffnung im Vergleich zu seinen Jahren in Prag schon erheblich verbessert hat. Doch in der Summe reichte das nicht aus, um in diesem Sommer einen größeren Verein zu finden und eine Millionenablöse einzubringen.

Defizite im Aufbau

Im modernen Fußball und vor allem in der Bundesliga geht der Trend eben eindeutig in Richtung mitspielender Torhüter. Pavlenka, ein Torwart der alten Schule, fällt in dieser Disziplin ab und passt deshalb eigentlich nicht so besonders zum Bremer Ansatz des schönen, aktiven Fußballs und gepflegten Spielaufbaus. Im Sog der Krise war dieser Stil dem Diktat des Ergebnisfußballs oft genug zum Opfer gefallen; jetzt aber, da alles von vorne beginnt, darf man auch wieder mehr Werder-Fußball erwarten. Pavlenkas Plus dabei: Er gehört zu jener Gruppe, die Kohfeldts Idee vom Fußball längst verinnerlicht hat. Er geht in seine vierte Saison in Bremen, 116-mal stand er für Werder schon im Tor. Und doch wird die kommende Saison auch für Pavlenka eine besondere: Im Zuge der Bremer Reformation darf man gespannt sein, ob und wie der Torhüter seine Aufgaben nun neu definiert.

Zwar muss Pavlenka in Bremen auch künftig sicher keine Art Libero sein, der 30 Meter vor dem eigenen Tor steht und aus dieser Position heraus aufbaut und dirigiert – und wenn möglich auch einen Pass des Gegners ins Aus köpft. Und wohl niemand erwartet von dem 28-Jährigen, dass flache Vertikalpässe ab sofort mehrere gegnerische Linien durchschneiden oder er zum ersten Aufbauspieler wird. Aber: Dass eine Mannschaft wie Werder, mit diesem auf Ballbesitz und Kontrolle angelegten Spiel, im Aufbau den eigenen Torhüter sehr oft außen vor lässt, ist erstaunlich und sollte nicht so bleiben.

Fit und fokussiert

Immerhin: Nach seiner Verletzung im Frühjahr war Pavlenka im Saisonfinale wieder ein Leistungsträger im Tor. „Ich kann nur betonen, dass er in einem extrem guten Zustand zurückgekommen ist und das auch zeigt“, lobt Trainer Florian Kohfeldt, „er ist sehr fit und sehr fokussiert auf seine Aufgabe.“

Doch bisher ist Pavlenka bei Ballbesitz in erster Linie eine Exit-Option. Wird der Balldruck vom Mitspieler an den Torhüter weitergegeben, ist fast immer klar, was passiert: Es folgt ein langer Ball ins Mittelfeld. Damit ist das Risiko fast auf Null minimiert, Werder verliert aber auch automatisch die Kontrolle über den eigenen Angriff. Ob sich Kohfeldt und Pavlenka auf etwas mehr Einbindung ins Ballbesitzspiel einigen können? Eine Radikalkur wird es jedenfalls nicht geben. „Wir sehen den Torhüter nicht als Spielauslöser“, sagt Kohfeldt. Diese Rolle sollen die Abwehr- und Mittelfeldspieler übernehmen. „Der Torhüter muss natürlich immer mitspielen“, betont der Trainer, „aber es gibt einen Unterschied zwischen mitspielen und auslösen, um einen Angriff einzuleiten.“ Mitgespielt hat auch Pavlenka bisher – die Frage ist nun, wie mutig er das in Zukunft interpretiert. Luft nach oben gibt es jedenfalls genug.

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