Werders Dilemma im Mittelfeld

Kleine Auswahl, große Probleme

Nach dem Abgang von vier zentralen Mittelfeldspielern muss Werder seine Schaltzentrale neu ausrichten. Aber wie soll das gehen mit dem aktuellen Personal? Florian Kohfeldt steht vor einer übergroßen Aufgabe.
21.10.2020, 12:13
Lesedauer: 4 Min
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Von Stefan Rommel

Vielleicht haben sich die Bremer Fans früher mal gefragt, wie das wohl wäre: Zu spielen wie ein Underdog? Nun wissen sie es. Aber vermutlich wüssten sie es lieber nicht. Werder Bremen fährt Punkte ein, das steht derzeit über allem. Es wird für Trainer Florian Kohfeldt und seine Mannschaft aber mittelfristig auch darauf ankommen, die Art ihres Fußballs anders zu definieren. Die Wahrscheinlichkeit auf Siege erhöht sich mit kontrolliertem, offensiv ausgerichtetem Fußball. Das ist ein Kohfeldt-Satz und er ist wahr.

Nach den ersten fünf Pflichtspielen in dieser Saison sollte man aber konstatieren, dass der Weg zurück zum gewünschten Fußball sehr beschwerlich wird: Weil er in seinem Kern kränkelt, weil das Bremer Mittelfeld derzeit nicht die Lösung, sondern das Problem ist. Dort, wo Werder seine Gegner eigentlich erst in die Falle locken und dann auseinander spielen will, erstreckt sich derzeit Brachland.

Kohfeldt muss improvisieren

Das hat inhaltliche Gründe, die wiederum auf der unbefriedigenden Personallage fußen. Der Verkauf von Davy Klaassen hat den Notstand verschärft und lässt die Abgänge von Philipp Bargfrede, Nuri Sahin oder Kevin Vogt nochmal in einem ganz anderen Licht erscheinen. Werder fehlen zwei Drittel seiner ehemaligen Mittelfeld-Besetzung - damit hätte jede Mannschaft der Bundesliga ein veritables Problem.

Kohfeldt improvisiert deshalb, setzt Spieler positionsfremd ein oder dort, wo sie nicht ihr gesamtes Potenzial entfalten können. Und selbst dann bleiben seine Variationsmöglichkeiten begrenzt. Der Trainer kann mit nur sechs „echten“ Mittelfeldspielern planen, von denen lediglich Maximilian Eggestein derzeit das Gesamtpaket aus voller Belastbarkeit und Erfahrung mitbringt.

Kevin Möhwald kann noch keine 90 Minuten gehen, Jean-Manuel Mbom ist erst drei, Nick Woltemade sieben Bundesligaspiele schwer. Patrick Erras hat sein letztes Ligaspiel vor anderthalb Jahren bestritten, Romano Schmid noch keine Minute in Deutschland gespielt. Das ist Kohfeldts Kernteam für die Zentrale, das je nach Grundordnung und Ausrichtung angereichert wird durch Spieler wie Leo Bittencourt, Yuya Osako, Christian Groß oder Tahith Chong.

„Es wird noch ein Weg sein“

In den noch gar nicht so lange zurückliegenden guten Zeiten gab es im Mittelfeldzentrum lediglich die Frage zu beantworten, wer in welcher Funktion auf der Sechs spielen würde. Die anderen Posten waren klar verteilt. In den vier Ligaspielen dieser Saison gab es vier verschiedene Besetzungen im Maschinenraum und im Prinzip spielten nur Klaassen und Osako je einmal dort, wo sie auf Grund ihres Profils am besten aufgehoben sind. Alle anderen Positionen musste Kohfeldt anpassen. So wie zuletzt in Freiburg - das Spiel eins nach Klaassen -, als Bittencourt und Mbom vor dem Sechser Eggestein begannen und später auch Möhwald dort auftauchte, während dahinter auch die Abwehrreihe angepasst wurde.

„Mit Sicherheit haben wir das eine oder andere im Mittelfeld nicht richtig wegverteidigt, wenn Freiburg mit Tempo gespielt hat. Das lag aber weniger am Mittelfeld, sondern mehr an der Abwehrkette dahinter, wo wir Maxi hätten mehr unterstützen und mehr nach vorne verteidigen müssen“, sagt Kohfeldt. „Aber insgesamt haben wir das in den verschiedenen Besetzungen im Mittelfeld ordentlich gemacht. Dass es noch ein Weg sein wird, ist doch klar.“ Wie dieser aussehen soll, dagegen nicht.

Mbom profitiert… noch

Eggestein ist kein Sechser und auf der Acht besser aufgehoben, speziell auch gegen den Ball: Er kann große Räume nicht besonders gut verteidigen, als alleiniger Sechser im 4-3-3 ist das aber eine wichtige Kompetenz. Erras könnte das wohl besser, fand bisher aber keine Beachtung und hat sich nun auch noch am Oberschenkel verletzt. Möglich wäre eine Art Jobsharing zwischen Eggestein und Erras auf der Doppel-Sechs mit dann einem Zehner davor. Auch Groß an Eggesteins Seite ist denkbar, der wird aber eher in der Innenverteidigung gebraucht.

Mbom ist umtriebig, robust, kampfstark, in der Beziehung wie ein Klaassen in klein. Wie weit es für das Eigengewächs fußballerisch reicht, ist aber noch nicht ganz klar. Mbom profitiert trotzdem am meisten vom aktuellen Spielansatz und ist eine gute Option für eine der Positionen im Halbraum - so lange der nicht als eine der ersten Anlaufstellen für eine flache Spieleröffnung angesehen wird. Schmid bringt andere Fähigkeiten mit, ist wie Woltemade eher der kreative Typ, ein ordentlicher Dribbler, mit guten Tiefenpässen und Ideen - aber schwer einzuschätzen, wenn es um die Defensivbewegung geht und was die körperlichen Faktoren anbelangt.

Kohfeldts große Aufgabe

Bittencourt wird derzeit als Allrounder gebraucht und deshalb hin und her geschoben. Er könnte wie Schmid und Woltemade, eventuell sogar Eggestein, auf der Zehn spielen. Wenngleich Bittencourt kein klassischer Zehner ist, sondern eher ein guter Umschaltspieler. Möhwald hat gute Anlagen für die Acht, unter anderem seine Läufe zwischen den Strafräumen, seinen Torabschluss. Aber nach mehr als einem Jahr Pause wird er noch Zeit benötigen. Chong kommt für eine zentrale Position nicht in Frage, ist ein klarer Flügelangreifer. Und Osako? Er ist der Spieler mit den besten Anlagen, aber auch den größten und am wenigsten nachvollziehbaren Schwankungen.

Werder wird seinen Fußball verändern müssen, wenn sich dauerhaft positive Ergebnisse einstellen sollen. Es ist eine sehr große Aufgabe für den Trainer, unter den gegebenen Umständen wieder zurückzufinden zu einem dominanteren, auf Ballbesitz ausgelegten Spiel. Kohfeldt benötigt dafür auch den einen oder anderen Spieler, der sich auf einer eher ungewohnten Position schnell einfindet und entwickeln kann. Ansonsten bleibt Underdog-Fußball angesagt. Und der ist auf Dauer sehr gefährlich.

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