In Freiburg steht ein besonderes Spiel an

Das Risiko reist bei Werder mit

Im Idealfall hat Werder Bremen am Wochenende neun Punkte auf dem Konto. Es wäre ein Traumstart. Aber was ist derzeit schon ideal bei Werder? Auch Trainer Florian Kohfeldt macht sich darüber so seine Gedanken.
15.10.2020, 20:45
Lesedauer: 4 Min
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Das Risiko reist bei Werder mit
Von Jean-Julien Beer
Das Risiko reist bei Werder mit

Florian Kohfeldt empfindet es als Privileg, in diesen Tagen weiter Fußball spielen zu können.

dpa

Wenn Werder am Sonnabend in Freiburg um Punkte in der Bundesliga kämpft, dann wird es das erste Spiel ohne Davy Klaassen sein – und damit auch die erste Prüfung für die Mannschaft von Florian Kohfeldt, die nach der für viele Fans ernüchternden Transferperiode zu bestehen ist. Es war kein rundum glücklicher Sommer für die Bremer, die aus wirtschaftlichen Gründen Substanz verloren und Klaassen für eine Basis-Ablöse von elf Millionen Euro an Ajax Amsterdam verkauften, aber trotzdem nie genügend Geld in der Kasse hatten, um die vollmundig angekündigten (und durchaus notwendigen) Verstärkungen fürs Mittelfeld verpflichten zu können. Kommunikativ war das ein Eigentor von den Handelnden bei Werder, wie der Trainer am Donnerstag offen ansprach: „Klar hatten wir sportlich andere Ziele in dieser Transferperiode, das haben wir ja auch offen kommuniziert. Aber: Ich glaube natürlich trotzdem an diese Mannschaft.“

Das Gegenteil wäre schließlich schlecht. Vor der Reise nach Freiburg war es Kohfeldt aber erkennbar ein Bedürfnis, seine Lage deutlich zu machen: Er führt nach dem Fast-Abstieg nun eine geschwächte und nicht verstärkte Mannschaft durch die Stadien der Bundesliga, in den Trainingseinheiten sei man dieser Tage manchmal dort, wo Werder vor zwei Jahren mal war, betonte der Chefcoach. Das Ganze ist nicht ohne Risiko. "Wer aber Heidenheim überlebt hat, den kann so etwas nicht mehr schocken", sagte er lachend über das triste Ende der Transferperiode, "das ist nicht vergleichbar mit dem, was wir vergangene Saison erlebt haben." Er sei mit Eifer dabei, diese neue Realität bei Werder mitzugestalten, wolle aber "verdeutlichen, dass wir jetzt von einem anderen Level starten und deshalb die Erwartungshaltung und der Anspruch an das, wie wir spielen und was dabei herauskommt, nicht so sein kann wie vor zwei Jahren.“

Rashica nicht in Watte packen

Immerhin bescherte ihm der hektische letzte Transfertag einen Topstürmer im Kader, mit dem keiner mehr gerechnet hatte: Milot Rashica. Dessen in letzter Minute geplatzter Verkauf führt nun dazu, dass der Angreifer in Freiburg erstmals zum Bremer Kader gehört. Richtig fit sei Rashica nach seiner Knieverletzung zwar noch lange nicht, ebenso wie beim Dauer-Patienten Ömer Toprak sei er aber inzwischen in der Lage, zumindest eine Weile in einem Bundesligaspiel mithalten zu können, in etwa 30 bis 45 Minuten. Es gehe nun auch gar nicht darum, Rashica „in Watte zu packen“, betonte Kohfeldt, „das Verhältnis zwischen Milot und mir ist sehr gut, er hat sich auch wieder sehr gut in die Mannschaft integriert. Meine Aufgabe als Trainer ist, dass er die bestmögliche Leistung bringen kann. Dafür war es wichtig, dass er kurz den Kopf frei bekommt nach einer für ihn unbefriedigenden Situation.“

Zwei Tage bekam Rashica dafür frei, kehrte aber auch einen Tag früher als die Kollegen aus dem verlängerten Wochenende zurück. „Er hat also nicht weniger trainiert als die anderen Spieler“, unterstrich Kohfeldt, „und er fährt nicht mit nach Freiburg, um nur im Kader zu sein.“ Vielmehr soll er erstmals in dieser Saison zum Einsatz kommen, im Idealfall schießt er Werder zum Sieg und sich selbst damit wieder in den Fokus größerer Klubs, von denen er weiterhin träumt.

Reise mit Hygienevorschriften

So ein schöner Rashica-Schuss könnte die Partie im Breisgau tatsächlich entscheiden, denn nach den Eindrücken der vergangenen Wochen ist kein Zauberfußball zu erwarten. Freiburg und Bremen lieferten sich an den ersten Spieltagen ein offenes Rennen, wer mehr Bälle wegschlagen oder direkt zum Gegner passen kann. Doch auch wenn Kohfeldt um Verständnis dafür wirbt, dass es vielleicht Wochen oder Monate dauern kann, bis Werder wieder attraktiven Fußball spielt, bietet das Duell mit Freiburg eine große Chance: Bei einem Sieg hätte Werder nach vier Spieltagen neun Punkte auf dem Konto und einen ansehnlichen Abstand zu anderen potenziellen Kellerklubs. Man könnte von einem Traumstart sprechen. Eigentlich. „Aber gefühlt war die Stimmung in Bremen zuletzt nicht traumstartmäßig“, sagte der Trainer mit Blick auf die (nicht gemachten) Transfers und die schlechte wirtschaftliche Lage des Vereins. Neun Punkte zum Start wären trotzdem enorm wichtig, bevor vielleicht doch mal wieder wichtige Spieler verletzt ausfallen – und auch, um in Ruhe „weiter unseren Fußball entwickeln zu können“, wie der Trainer hofft.

Das sind bescheidene Ziele, passend in Zeiten, in denen die Coronapandemie den Alltag wieder vermehrt bestimmt. „Wir dürfen normal trainieren und normal spielen, das begreife ich immer noch als Privileg, auch wenn natürlich keine oder nur wenige Zuschauer dabei sein können“, sagte Kohfeldt nach dem Training am Donnerstag, er empfinde die Situation für die Mannschaft deshalb „nicht belastend“. Inzwischen ist der Profifußball schließlich flexibel im Umgang mit der Pandemie: Die Abläufe und Hygienemaßnahmen unter der Woche und am Spieltag sind gelernt.

Nach Freiburg reist die Mannschaft an diesem Freitag mit dem Flugzeug, direkt nach dem geheimen Abschlusstraining geht es vom Bremer Airport in den Schwarzwald, und damit raus aus dem Risikogebiet. Der Reiseablauf sei „wie gewohnt“, erklärte Manager Frank Baumann, nachdem sich die Auflagen für Reisende aus Bremen zuletzt nahezu täglich geändert hatten. In Freiburg beziehe die Mannschaft „direkt das Hotel“, das wie sonst auch üblich „nur für einen morgendlichen Spaziergang am Spieltag“ kurz verlassen werde. „Natürlich werden die Hygienemaßnahmen auf der Reise und im Hotel zu 100 Prozent eingehalten“, versicherte Baumann, „die entsprechenden Absprachen mit dem Hotel haben schon stattgefunden.“

Anders als sonst bekommt Klaassen diesmal kein Zimmer mehr. Kohfeldt bedauert den Verlust und muss nun ein neues Mittelfeld erfinden. Ein riskantes Manöver – so alternativlos es auch ist.

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