Was Werder vom VfB Stuttgart lernen kann Aufsteiger mit Vorbildfunktion

Wenn Werder am Sonntag auf den VfB Stuttgart trifft (15.30 Uhr), dann ist das nicht nur eine enorme sportliche Herausforderung. Zugleich bietet sich der Blick auf einen Klub, der momentan viel richtig macht.
04.12.2020, 09:56
Lesedauer: 4 Min
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Von Stefan Rommel und Malte Bürger

Der VfB Stuttgart hat schwere Zeiten hinter sich und auch wenn der sportliche Erfolg alles andere als gewiss ist: In vielen Bereichen ist der nächste Bremer Gegner schon längst weiter als Werder. Taugen die Schwaben sogar zum Vorbild?

Ende November war Bescherung für die Fans des VfB: In den Päckchen lagen die Vertragsverlängerungen mit Nico Gonzalez, ­Wataru Endo und Borna Sosa, im 24-Stunden-Takt sendete der Verein die frohen Botschaften hinaus in die Gemeinde. Nun garantiert so eine Verlängerung des Arbeitspapiers nicht den langen Verbleib der Spieler und kostet den Klub im ersten Schritt ein paar Euro mehr an Gehalt. Sie macht einen späteren Verkauf aber auch deutlich rentabler und setzt ein klares Signal. Darum geht es in diesen Zeiten nämlich auch, vielleicht sogar mehr als je zuvor.

Der VfB war bis vor wenigen Monaten der Inbegriff des sogenannten Failed Club: Ein dank Ausgliederungs-Millionen aufgepumpter Möchtegroß, der von den falschen Leuten gelenkt und mit Karacho gegen die Wand gefahren wurde. Zwei Abstiege innerhalb von nur drei Jahren und insgesamt rund
100 Millionen Euro, die sich förmlich in Luft ausgelöst haben, waren die Folge. Ein Totalschaden, den seit knapp einem Jahr ein Duo repariert und dabei deutlich sichtbare Fortschritte macht.

Im Stuttgarter Kessel ist es nicht nur ruhig, es geht fast schon erschreckend harmonisch zu. Thomas Hitzlsperger als Vorstandschef und Claus Vogt als Klub-Präsident agieren im wahrsten Wortsinne auf Augenhöhe mit den Mitgliedern und Fans, ihre Kommunikation ist ausgesprochen transparent und proaktiv. Die Leute da draußen fühlen sich ernst- und mitgenommen, im Klub hat sich ein Leistungsdenken auf allen Ebenen etabliert, das diese Bezeichnung auch verdient. Und es herrscht Ruhe im oft genug fälschlich zitierten „schwierigen Umfeld“. Anders als bei Werder, wo sich der Streit zwischen der aktuellen Klubführung und der Opposition aus Ehemaligen immer weiter hochzuschaukeln droht und die an sich ordentliche Stimmung gründlich vermiest.

VfB mittendrin, Werder noch am Anfang

Denn sportlich liegen Bremer und Stuttgarter derzeit ziemlich auf Augenhöhe. Der Start in die Saison war stabil und erfolgte fast im Gleichschritt, faktisch belegt durch jeweils elf Punkte und Platzierungen im Mittelfeld der Tabelle. Allerdings klaffen zwischen Anspruch und Wirklichkeit bei beiden Mannschaften große Lücken: Während Werder mit seinem schief konzipierten Kader immer noch auf der Suche nach seiner Identität ist, spielt Stuttgart einen klar erkennbaren Offensivstil und füllt seinen formulierten Markenkern auch mit Leben. „Der VfB ist eigentlich ein Dauer-Bundesligist und kein normaler Aufsteiger“, sagt Clemens Fritz, Werders Leiter Profifußball. „Sie haben die Punkte, die sie haben, auf jeden Fall zu Recht geholt.“

Nach einer harten Zweitliga-Saison samt Zweifeln bis zum Schluss zeigt die Mannschaft eine Spielklasse höher viele interessante Facetten. Nun kommt zum Tragen, dass der VfB bei der Verjüngungskur Werder mindestens einen Schritt voraus ist. Stuttgart stellt nach Leipzig mit im Schnitt 24,2 Jahren den zweitjüngsten Kader der Liga. Inkludiert sind 18 Spieler, die noch in einer U 23 spielberechtigt wären. Vor allem ist das Team aber eingespielt, hat sich im Vergleich zur Vorsaison quasi gar nicht verändert. Werder dagegen befindet sich personell und inhaltlich mitten im Umbruch. Oder vielleicht sogar erst an dessen Anfang.

Werders Trainer Florian Kohfeldt hat deshalb auch mit anderen Problemen zu kämpfen als sein Pendant Pellegrino Matarazzo. Der muss den Spagat bewältigen zwischen Unbekümmertheit und Unerfahrenheit, kann sich dabei in der täglichen Arbeit aber auf viele gelernte Elemente verlassen. Kohfeldt fängt in einigen Bereichen wieder weit unten an und muss deutlich mehr Basisarbeit leisten.

Neue Wege in der Nachwuchsarbeit

Der heimliche Star im VfB-Kosmos war zuletzt aber nicht Hitzlsperger oder Matarazzo, sondern Sven Mislintat. Der Sportdirektor ist die treibende Kraft im Hintergrund, nach der Verlängerungs-Trilogie sollen nun auch die Kontrakte von vier anderen wichtigen Spielern zeitnah verlängert werden. Trotz Corona-Krise, die den VfB wie Werder mit rund 30 Millionen Euro Mindereinnahmen erwischt hat. Mislintat hat seinem Ruf schon längst auch die entsprechenden Taten folgen lassen: Er hat den Kader vollgepumpt mit hoch veranlagten Teenagern aus dem Ausland und zieht parallel dazu Spieler aus der A-Jugend nach oben zu den Profis.

Dazu kommt der Umbau und die Umstrukturierung des Nachwuchsleistungszentrums. Das war ein Hitzlsperger-Mislintat-Kraftakt: In einer neuen Infrastruktur und mit frischem Personal und Ideen soll sich die Arbeit in naher Zukunft wieder besser auszahlen als zuletzt. Auch davon ist Werder mit seinen Standortproblemen und etwaigem Reformstau noch ein ganzes Stück entfernt.

Widerstand gegen das Establishment

Und dann war da zuletzt noch ein anderes Thema: Hitzlsperger und der VfB sind die Anführer einer kleinen Revolutionsgruppe, die eine fairere Verteilung der TV-Gelder anstrebt. Das Positionspapier haben aus der Bundesliga neben Stuttgart noch die kleinen Klubs aus Mainz, Bielefeld und Augsburg unterzeichnet. Werder hat zwar auch gezögert, sich letztlich dann aber doch dem Gros der Liga angeschlossen, das, angeführt von den Bayern und Dortmund, den Status quo wahren will.

Nun ist das Stuttgarter Vorpreschen auch der Gemengelage geschuldet, als wohlsituierter Erstligist hätte der VfB ziemlich sicher anders agiert. Den Entschluss, ungleiche Strukturen aufzubrechen und damit im besten Fall einer darbenden Liga wieder mehr Wettbewerb zu ermöglichen, rauszugehen aus der Komfortzone und den Großkopferten auch mal entschieden zu widersprechen: Das hätte eigentlich auch von Werder Bremen kommen können.

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