Werder tritt auf Euphoriebremse

Schwierig, nicht gierig

Es geht wieder los: Werder startet in die 2. Bundesliga, den Auftakt macht ein Heimspiel gegen Hannover 96. Trotz Vorfreude treten sie in Bremen aber lieber erst einmal auf die Euphoriebremse.
23.07.2021, 19:05
Lesedauer: 3 Min
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Von Björn Knips
Schwierig, nicht gierig

Die Zeit der Vorbereitung ist für Romano Schmid und Co. vorbei, ab sofort geht es wieder um wichtige Punkte.

Andreas Gumz

Samstagabend, 20.30 Uhr, Flutlicht, kleines Nordderby, und endlich wieder viele Zuschauer im Wohninvest Weserstadion – eigentlich hätte der SV Werder Bremen bei aller Enttäuschung über den ersten Abstieg nach 41 Jahren durchaus Gründe zur Freude: Doch vor dem Zweitliga-Auftakt gegen Hannover 96 wirkt es fast so, als wolle der Club jegliche Aufbruchstimmung schon im Keim ersticken. Werder ist schwierig und nicht gierig, zu groß sind ganz offensichtlich die Probleme rund ums Team, das jederzeit aus finanziellen Gründen auseinanderbrechen kann. Trainer Markus Anfang ist dabei freilich nicht zu beneiden, sieht sich allerdings auch nicht in der Rolle des Stimmungsmachers. Eher nüchtern analysierte der neue Coach auf der Spieltagspressekonferenz die Situation des Clubs. Lediglich beim Thema Zuschauer wurde der 47-Jährige etwas emotionaler.

„In Rotterdam hat es schon sehr viel Spaß gemacht“, erinnerte Anfang an das letzte Testspiel gegen Feyenoord vor rund 7 000 Zuschauern. Das habe sich schon ein bisschen wie früher angefühlt. „Ich hoffe, dass es sehr schnell geht, dass wir vor allem auch als Gesellschaft dieses Lebensgefühl zurückbekommen. Das brauchen wir nach der Pandemie, auch wenn wir die noch nicht durchgestanden haben“, meinte Anfang. Für eine ordentliche Atmosphäre sei am Samstag vor allem die Mannschaft verantwortlich: „Wir wollen eine gute Stimmung entfachen und dafür sorgen, dass der Funke überspringt.“ Klingt beim Lesen wahrscheinlich ganz gut, aber so richtig mitreißend hatte sich das nicht angehört.

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Vielleicht lag es daran, dass diese Geschichte mit dem Funken nicht so einfach werden dürfte. Denn immer wieder taucht bei Werder dieser eine Satz auf: „Wir befinden uns in einer schwierigen Situation.“ Was nicht von der Hand zu weisen ist. Eigentlich muss Werder aus wirtschaftlichen Gründen noch viele Spieler abgeben, und eigentlich wollen viele Spieler aus wirtschaftlichen Gründen noch weg. Doch es gibt schlichtweg keine passenden Abnehmer. Also muss vorerst in Bremen zusammenpassen, was gar nicht mehr zusammenpassen soll und will. Immerhin ist dadurch der Kader noch erstklassig besetzt. Doch bei diesem Hinweis trat Anfang sofort auf die Euphoriebremse: „Es ist aber auch der Kader, der abgestiegen ist. Die Jungs kommen aus einer Negativ-Spirale.“

Positive Ergebnisse in der Vorbereitung gegen zunächst nicht so starke Gegner sollten diesen Abwärtstrend stoppen. Und in der Tat sah es gar nicht so schlecht aus, was die Bremer phasenweise so ablieferten. Anfang betonte zudem, dass sich jeder Spieler voll reinhänge. Doch bei der Frage, was er von dem ersten Spiel erwartet, sprach der Coach nicht von einem Sieg, sondern lediglich „von vielen Phasen, in denen wir in der Lage sind, unsere Inhalte abzurufen“. Die Grundlagen dafür seien geschaffen, allerdings hat die Sache einen Haken. „Wir konnten uns nicht einspielen, deshalb fehlen uns auch die Automatismen“, merkte Anfang an.

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Weil er nicht wisse, wann Spieler womöglich den Verein verlassen, habe er allen Akteuren möglichst viel Spielzeit geben müssen, damit sie seinen Fußball verstehen. Wie schon gesagt: Die Situation ist schwierig.
Dafür Sorgen auch gleich sieben Ausfälle (Augustinsson, Rapp, Pavlenka, Nankishi, Woltemade, Dinkci und Bittencourt). Anfang muss tüfteln – vor allem im Angriff. Echte Flügelspieler, die so wichtig für sein 4-3-3-System sind, gibt es im Kader nicht, gute Alternativen sind verletzt und schneller Ersatz nicht in Sicht. Clemens Fritz war zwar in dieser Woche im Ausland unterwegs, doch der Leiter Profi-Fußball und Scouting hat keinen neuen Angreifer mitgebracht. „Die Situation ist schwierig“, lautete seine nicht überraschende Begründung beim ersten Auftritt in neuer Rolle. Fritz sitzt bei Pressekonferenzen nun an der Seite des Trainers, hat diesen Job von Frank Baumann übernommen. 

Im Mittelpunkt stand aber der Coach. Natürlich! Es ging schließlich um sein erstes Pflichtspiel für Werder. Er verspüre schon „ein bisschen Kribbeln“, gestand Anfang: „Klar, habe ich da Bock drauf! Wir freuen uns auf den Wettkampf.“ Es sei auch schön, dass es mit einem Heimspiel losgehe. Doch irgendwie wirkte Anfang dabei so, als wolle er partout die Handbremse nicht lösen. Bloß nicht zu große Erwartungen schüren an diesen Abend, an diese Mannschaft. Denn keiner weiß, was bei Werder wirklich noch alles passiert. Deswegen wurde als Saisonziel bislang nur der Wiederaufbau ausgegeben. Von Wiederaufstieg mag keiner sprechen. Es ist eine Unsicherheit, fast schon eine Angst spürbar, dass der Absturz so weitergeht. Und verbal geht niemand so richtig dagegen an.

Immerhin hat sich die Mannschaft in den Testspielen meistens anders präsentiert. Da ließ Anfang mutig nach vorne spielen und dort auch gleich wieder angreifen. Vielleicht sollten alle Beteiligten am Samstagabend nur daran denken und nicht an die ganzen Schwierigkeiten. Dann könnte es vor 14 000 Zuschauern doch ein Fußball-Fest werden. 

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