Werder will in Leipzig den Problemen trotzen Geschwächt gegen die Überflieger

Nach sieben Spielen ohne Sieg droht der Absturz, dazu fallen immer wieder Spieler aus: Werder reist angeschlagen nach Leipzig, doch Florian Kohfeldt freut sich auf das Duell gegen ein europäisches Topteam.
11.12.2020, 15:52
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Geschwächt gegen die Überflieger
Von Christoph Bähr

Ob sich das ein bisschen wie Europapokal anfühle, wurde Florian Kohfeldt vor den anstehenden Spielen gegen die Champions-League-Achtelfinalisten Leipzig und Dortmund gefragt. Werders Trainer antwortete scherzhaft: „Ich habe mir schon die Champions-League-Hymne heruntergeladen, damit ich sie auf dem Weg zum Spiel hören kann.“ Dann betonte er ernst: „Natürlich freue ich mich. Wir fahren nach Leipzig, um mit der wahrscheinlich aktuell formstärksten Mannschaft in Deutschland um Punkte zu konkurrieren.“ Das Kontrastprogramm zur Bremer Vorfreude gab es am Freitag in Leipzig zu sehen, wo sich die Pressekonferenz vor allem um die nahende Champions-League-Auslosung drehte. Irgendwann wurde es Julian Nagelsmann zu viel, der Trainer wollte lieber über den nächsten Gegner sprechen und sagte: „Real und Juve haben schöne Hymnen. Werder Bremen hat aber auch eine schöne Hymne. Die singe ich immer mit.“

Es ging also unerwartet oft um Musik, doch die große Frage vor Werders Partie in Leipzig am Sonnabend (15.30 Uhr) ist selbstverständlich sportlicher Natur: Wie wollen es die Bremer schaffen, gegen eine europäische Topmannschaft mitzuhalten nach einer Serie von sieben sieglosen Spielen und nach einem erneuten personellen Rückschlag? Davie Selke, der am Donnerstag das Training abbrechen musste, fällt aus. „Davie hat Probleme im Oberschenkel. Eigentlich toleriert er alle Belastungen. Er kann voll sprinten und voll schießen. Trotzdem hat er bei einer Passbewegung immer mal wieder ein Problem. Wir müssen herausfinden, was das ist. Es werden weitere Untersuchungen gemacht“, sagte Kohfeldt.

Vertrauen in die jungen Spieler

Nach seinem Jokertor bei der Niederlage gegen Stuttgart war Selke gegen Leipzig eigentlich für die Startelf eingeplant gewesen. Nun fehlt er ebenso wie die verletzten Niclas Füllkrug und Milot Rashica. Werders Offensive ist erheblich geschwächt, doch Kohfeldt betonte: „Wir werden nicht klagen. Josh Sargent ist absoluter Stammspieler und steht vollumfänglich zur Verfügung. Dazu ist eine Breite im Kader vorhanden. Wir haben junge Spieler und werden eine gute Idee haben in Leipzig.“ Als Alternativen für die Offensive nannte der Coach die Youngster Tahith Chong, Nick Woltemade und Romano Schmid sowie die erfahrenen Leonardo Bittencourt und Yuya Osako. "Mein Vertrauen in die jungen Spieler ist da. Wir fahren nach Leipzig, um dort zu punkten und am besten zu gewinnen“, unterstrich Kohfeldt.

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Werders dezimierte Offensivabteilung erwartet nun eine echte Mammutaufgabe. Mit Dayot Upamecano und Ibrahima Konaté könnte Leipzig zwei Top-Abwehrspieler aufbieten – "die schnellsten Innenverteidiger der Liga“, wie Kohfeldt anmerkte. In welcher Besetzung Werders Gegner antritt, ist allerdings kaum vorherzusagen. Am Dienstag schaffte das Team durch einen 3:2-Sieg über Manchester United das Weiterkommen in der Champions League. Gut möglich, dass Trainer Julian Nagelsmann nach dieser kräfteraubenden Partie einige Spieler schont. Für Kohfeldt spielt das ohnehin keine Rolle: „Leipzig hat genug Alternativen im Kader. Das wird kein Vorteil für uns sein.“

Ganz sicher sei er sich aber auch in Sachen Ausrichtung nicht, gab Werders Coach zu. Nagelsmann ist bekannt für seine Variabilität. „Bei Julian ist alles möglich, was die Grundordnung und die taktische Herangehensweise angeht. Man kann aus unserem Saisonverlauf klar ableiten, dass wir gegen Gegner, die etwas tiefer stehen, nicht in der Lage sind, uns in Hülle und Fülle Torchancen zu erspielen“, sagte Kohfeldt. Vorstellbar ist also, dass Leipzig erst einmal abwartet, um Werder das Leben schwer zu machen. „Grundsätzlich erwarte ich sie aber eher dominant ausgerichtet."

Bayern-Spiel als Blaupause

Den Bremern kam es im bisherigen Saisonverlauf entgegen, wenn sie aus einer kompakten Defensive heraus agieren und dem Gegner den Ball überlassen konnten. So holte Werder ein 1:1 bei den Bayern. Taktisch will Kohfeldt sein Team gegen Leipzig etwas anders ausrichten als in München, aber „was die mentale Verfassung angeht, ist das Bayern-Spiel eine Blaupause. An dem Tag haben wir das zusammengebracht, was wichtig ist in solchen Spielen: den absoluten Glauben, die Aufmerksamkeit und Aggressivität. Dazu kommt das Wissen darum, dass der Gegner individuell deutlich stärker ist, was man in gewissen Situationen akzeptieren und in die richtigen Bahnen lenken muss."

Um die Stabilität zu erhöhen, könnte Werder gegen Leipzig zur Fünferkette zurückkehren, nachdem Kohfeldt gegen Stuttgart etwas überraschend auf eine Viererkette gesetzt hatte. In die Karten blicken lassen wollte er sich aber nicht: „Ich glaube, dass wir jetzt an dem Punkt sind, dass wir beides gleichberechtigt spielen können. Das mussten wir uns hart erarbeiten.“ Anders als in der Offensive hat Kohfeldt im Defensivbereich viele Optionen. Milos Veljkovic kehrt nach einmonatiger Verletzungspause in den Kader zurück. „Ich bin froh, dass wir viele gute Innenverteidiger haben. Milos wird bis Weihnachten auch mal einen Startelfplatz haben“, sagte Kohfeldt. Da Kevin Möhwald und Manuel Mbom ihre Sperren abgesessen haben, erweitern sich zudem die Möglichkeiten im defensiven Mittelfeld.

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„Wir hatten sehr gute Trainingseinheiten. Der Glaube an einen Sieg ist da“, hielt Kohfeldt fest. „Was Leipzig gegen Manchester United in den ersten 25 Minuten gemacht hat, war schon beeindruckend. Trotzdem gibt es in jedem Spiel Lösungsmöglichkeiten.“ Bleibt noch die Frage, wie Werders Spieler die jüngsten zwei Niederlagen und die sieben Partien ohne Sieg mental wegstecken. Wie vor einem Jahr droht den Bremern im Dezember der tabellarische Absturz. Bei dem Thema holte Kohfeldt etwas weiter aus und sagte mit Nachdruck: „Wir wollen sicher in der Liga bleiben und wissen, dass das kein Selbstläufer ist. Dafür kämpfen wir mit Selbstvertrauen und Mut. Dass wir mal zwei Spiele verlieren, wirft keinen um. Es ist jetzt kein dramatischer Einbruch, aber klar ist: Bis Weihnachten dürfen wir auf gar keinen Fall einen Leistungseinbruch erleben.“

So könnte Werder spielen:

Pavlenka - Gebre Selassie, Groß, Toprak, Friedl, Augustinsson - Eggestein, Möhwald - Osako, Bittencourt - Sargent

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