Zwei Skandale mit unterschiedlichem Ausgang

Herrn Schmidts Gespür für Schnee

Werder droht am Sonntag in Bielefeld ein Spiel auf Schnee. Mit Spielen unter extremen Wetterbedingungen war Werder in diesem Jahrtausend zweimal gar nicht zufrieden. Ein Rückblick.
07.02.2021, 12:18
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Von Björn Knips

Fußball im Gefrierschrank Bielefelder Alm? Werder Bremen ist diese Erfahrung gestern erspart geblieben: Nach einer Platzbegehung wurde das Spiel am Mittag wegen zu starken Schneefalls abgesagt. Der für die Partie angesetzte Schiedsrichter Markus Schmidt (47) hatte dabei ein gehöriges Wörtchen mitzureden und schickte die Bremer – anders als im März 2005 – dieses Mal nicht auf Schnee und Eis. Damals war Schmidt als Unparteiischer während Werders DFB-Pokalspiel gegen Bayern München II im Einsatz gewesen und hatte viel Ärger auf gezogen. Auch ein knappes Jahr später sollten die Bremer, dieses Mal ohne Schmidt, Unangenehmes auf Schnee und Eis erleben. Ein Rückblick.

1. März 2005
So ein Pokal-Viertelfinale ist schon eine feine Sache – und für einen Bundesligisten bei einem Regionalligisten eigentlich auch nur eine Formsache. Doch Werder musste nicht nur bei einer mit einigen Profis aufgepimpten Reserve des FC Bayern antreten, sondern auch noch auf einer fünf Zentimeter dicken Schneedecke. Seit Tagen hatte es in München geschneit, Regionalligaspiele waren abgesagt worden, doch die Bayern taten alles, um dieses Spiel im Stadion an der Grünwalder Straße (eigentlich der Heimat des großen Rivalen 1860 München) irgendwie durchführen zu können. Das Feld wurde immer wieder gewalzt, die Linien mit roter Farbe nachgezogen. Und Schiedsrichter Schmidt stufte den Platz am Abend tatsächlich als bespielbar ein, obwohl dort besser eine Partie Curling als ein Fußballspiel möglich gewesen wäre. Auch Temperaturen von unter minus zehn Grad (mit Tendenz Richtung minus 20 Grad) störten den Unparteiischen damals nicht.

Werder war geschockt ob der Verhältnisse und Trainer Thomas Schaaf stocksauer. Die mitgereisten Reporter wurden vor dem Spiel sogar verbotenerweise mit auf den Platz gelotst, um sich ein Bild von den irregulären, sogar gefährlichen Bedingungen machen zu können. Es half alles nichts, die Partie wurde angepfiffen – und die Bremer hatten nur ein Ziel: die frühe Entscheidung. Die gelang auch. Tim Borowski machte das schnelle 1:0 (9.), Valerien Ismael erhöhte zeitnah per Elfmeter auf 2:0 (23.). Die Bayern hatten sich verzockt und auf Schnee keine Chance gegen die eiskalten Profis aus Bremen. Nach einer Stunde beseitigte Borowski mit seinem Freistoß zum 3:0 die letzten Restzweifel am Sieg.

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Trotzdem hielt sich die Freude in Grenzen. Alle Bremer Beteiligten waren einfach nur froh, die Partie irgendwie überstanden zu haben und hatten eine klare Forderung: Nie wieder dürfe unter solchen Bedingungen ein Pflichtspiel ausgetragen werden. Sie sollten damit bekanntlich keinen Erfolg haben – genauso wenig wie im anschließenden Halbfinale gegen Schalke, das im Elfmeterschießen verloren ging.

25. Januar 2006
Wieder ein Pokal-Viertelfinale, wieder gegen einen Regionalligisten – und wieder auf Eis und Schnee. Werder rechnete fest mit einer Absage, doch Schiedsrichter Felix Brych pfiff die Partie zwischen dem FC St. Pauli und den Bremern tatsächlich an. Werder-Sportchef Klaus Allofs tobte in der Halbzeit-Analyse der ARD vor laufenden Kameras, während sich daneben Pauli-Präsident Corny Littmann mit seinem Handy beschäftigte.

Eine legendäre Geschichte, fast genauso legendär wie der 3:1-Sieg, der dem Außenseiter mit dem Einzug ins Halbfinale und den dortigen Einnahmen in ganz schwierigen Zeiten das wirtschaftliche Überleben sicherte.
Für St. Pauli hatten Michel Mazingu-Dinzey (10.), Fabian Boll (59.) und Timo Schultz (65.) getroffen, für Werder nur Johan Micoud (27.). Die Grün-Weißen verloren zudem Miroslav Klose, der sich nach einem bösen Ausrutscher auf dem glitschigen Boden einen Sehnenanriss und eine Schleimbeuteleinblutung in der rechten Schulter zugezogen hatte.

Es war sogar Kloses Teilnahme an der Heim-WM in Gefahr. Ein Anwalt aus Bremen erstattete bei der Staatsanwaltschaft Anzeige wegen fahrlässiger Körperverletzung. Doch die verlief im Sande. Immerhin: Klose wurde bis zur WM fit und Werder am Ende Vize-Meister hinter dem FC Bayern, der im Halbfinale den FC St. Pauli aus dem Pokal geworfen hatte.

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