Zurückgeblättert: 13. Dezember 1993

„Werder und die drei Brücken zum Erfolg“

Seit 1963 spielt Werder in der Bundesliga, mehr als fünf Jahrzehnte, in denen sich im Fußball, bei Werder und in der Berichterstattung viel verändert hat. Mein Werder zeigt die Originaltexte und Zeitungsseiten.
22.01.2019, 12:00
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Von mw

Der WESER-KURIER vom 13. Dezember 1993:

Fußball-Philosoph Otto Rehhagel zog nach dem letzten Spiel im Jahre 1993 sein ganz eigenes Fazit der bisherigen Saison. „Es führen noch drei Brücken über den Fluß„, malte Werders Trainer ein schönes Wortbild, „alle drei sind noch begehbar. Über eine davon müssen wir im nächsten Frühjahr hinüberkommen“. Am anderen Ufer wartet auf den deutschen Meister wieder ein internationaler Wettbewerb. Das Fußball-Jahr 1993, das der SV Werder mit dem Unentschieden beim sichersten Abstiegsanwärter der Liga (VfB-Präsident Axtmann: „Ich glaube nicht an Wunder„) abgeschlossen hat, war für Manager Willi Lemke „das erfolgreichste der Vereinsgeschichte“.

Fraglos ist dies keine Übertreibung, denn von Januar bis Dezember erreichte Werders Lizenzspielerabteilung Resultate, die ihn zum erfolgreichsten Fußball-Klub Deutschlands der letzten Jahre gemacht haben. „Kein anderer deutscher Verein„, glaubt Lemke, „konnte in den letzten fünf Jahren auf solch einen guten Abschnitt zurückblicken“. Mit dem 1:1 in Leipzig, das Bernd Hobsch durch seine einzige nennenswerte Aktion an seiner alten Wirkungsstätte sicherstellte, bleibt Werder weiter im Geschäft um den Titel der Bundesliga-Saison 1993/94. Zwei Punkte Rückstand sind es auf den Tabellenführer Bayer Leverkusen, außerdem weisen die Bremer die beste Auswärtsbilanz aller 18 Bundesligisten auf.

„Wir haben alle Chancen auf die Titelverteidigung", folgert Willi Lemke daraus. Dazu hat Werder das Viertelfinale um den DFB-Pokal erreicht, ist als erster deutscher Klub in die Champions League eingezogen und überwintert auf einem UEFA-CupPlatz. Aber der Erfolg hat seinen Preis. Denn das erfolgreichste Jahr der Vereinsgeschichte war auch das anstrengendste — härter als alle anderen zuvor. Sechs Spiele im DFB-Pokal, sechs im Europacup, 20 in der Bundesliga, dazwischen ein (überflüssiges) Freundschaftsturnier in Valencia. Zu allem Überfluß mußten Leistungsträger wie Bratseth und Herzog immer wieder für ihre Nationen an den Ball.

„Wir haben so viele Spiele gemacht wie keine andere Mannschaft", stöhnt Otto Rehhagel, „wir sind mit den Kräften am Ende". Deshalb ist zum Beispiel Andreas Herzog „froh, daß das Jahr vorbei ist.“ Weihnachten in Wien und Urlaub in Kitzbühel hat sich der Shooting-Star der vergangenen Saison verordnet, um für die großen Spiele des Frühjahrs '94 in besserer Form zu sein, als in der bisherigen Spielzeit. „Es ist nicht gelaufen bei mir", bekennt der Österreicher.

Andreas Herzog wird sich auch stärken müssen für den Kampf um die Regentschaft im Bremer Mittelfeld. Im Moment nämlich ist, salopp formuliert, Mario Basler der bessere Herzog. Auch in Leipzig schwang sich Werders wertvolle Neuerwerbung zum auffälligsten Spieler seiner Mannschaft auf, führte klug Regie und bewies Torgefährlichkeit. Kurz: Er tat all das, was noch vor einem halben Jahr Andreas Herzog zu tun pflegte.

Schiedsrichter Manfred Führer bereitete der guten Vorstellung per Platzverweis jedoch ein jähes Ende, was nicht wenige in der Bremer Führungsetage an ein weiteres spektakuläres Ereignis dieser Saison denken ließ. Jener kleinliche Herr Führer nämlich pfiff auch Werders 5:1-Sieg gegen den VfB Stuttgart, als Andreas Herzog ein Freistoß-Tor erzielte, bei dem Führer „nur das Schnarchen der Stuttgarter" gehört haben wollte. Daraufhin protestierte der VfB gegen die Spielwertung und Führer genoß per DFB-Entscheid eine außerplanmäßige Pause.

Mutmaßung von Willi Lemke nach dem Platzverweis gegen Basler und einem nicht gegebenen Strafstoß für Werder: „Der hatte wohl etwas gutzumachen." Nun werden die Bremer aller Voraussicht nach auch nach der heißersehnten Pause nicht mit der vollen Besetzung zu Werke gehen können. „Wir hatten viel Pech in dieser Saison", erinnerte sich Rehhagel, „mußten Bratseth drei Monate lang ersetzen und hatten auch ansonsten immer wieder Verletzte". Kreuzbandriß Harttgen, Handbruch Hobsch, Muskelprobleme Reck, Knieschaden Neubarth, Knöchelverletzung Legat, Grippe Herzog — beim Ritt durch die Erfolgs-Instanzen fielen einige vom Pferd. Für sie alle, deren Gesundheit ein bißchen labil war in den letzten Wochen, wird der Weihnachtsmann bei der Weihnachtsfeier gestern nachmittag im Park Hotel ganz besondere Genesungswünsche im Sack gehabt haben.

Otto Rehhagel könnte dazu als Weihnachtswunsch bei Kaffee und Kuchen geäußert haben, Uli Borowka möge die angebliche Offerte von Galatasaray Istanbul nicht annehmen. Mit dem Bremer Verteidiger habe außer ein paar türkischen Journalisten noch niemand gesprochen, aber grundsätzlich wolle sich Borowka „alles anhören. Wenn ich noch einmal die Chance bekäme, bei solch einem Verein zu spielen — warum nicht?" Noch aber ist Uli Borowka als zuverlässiger Verteidiger einer jener Pfeiler, auf denen die Brücken von Otto Rehhagel stehen. Weihnachten — die Bundesliga-Profis werden mit ihren Familien unter dem Christbaum sitzen, und sie werden sagen: Das wahre Glück, es läßt sich eben nicht kaufen.

Nicht wenige Funktionäre der Bundesliga-Vereine versuchen vor jeder Saison, das Gegenteil zu beweisen. Nein, von Bayern München soll hier nicht die Rede sein, wir wollen keine alten Gräben aufreißen. Aber das Beispiel Borussia Dortmund drängt sich auf. Was haben die investiert in den letzten Jahren! Den Stefan Reuter haben sie zurückgeholt, den Matthias Sammer und zuletzt auch noch Karlheinz Riedle. Vor Saisonbeginn im Sommer wurde die Elf von Ottmar Hitzfeld zu den ganz großen Favoriten gezählt. Zu Weihnachten nun darf man beim Tabellenzehnten darüber nachdenken, woran's liegt, daß man im Spitzenkampf erneut nur die Rolle des Zaungastes spielt.

Am letzten Spieltag des Jahres 1993 war es der Aufsteiger aus Freiburg, der den Dortmundern heimleuchtete. Dort unten im Schwarzwald wird in diesen Tagen das Modell „Profifußball alternativ„ erprobt. Das Dreisamstadion ist der Wallfahrtsort all jener, die sich den Bundesligabetrieb eine Nummer kleiner wünschen. Sicher ist es noch zu früh, Schlußfolgerungen zu ziehen. Doch es stimmt hoffnungsfroh, daß ein Verein, der nicht die Bilanz einer ausgewachsenen Aktiengesellschaft vorlegen kann, nach 20 Spieltagen noch immer nicht abgeschlagen am Ende steht, sondern weiter die Großen das Fürchten lehrt. Was sind Prognosen wert, wenn den Tabellen-13. Freiburg vom UEFA-Cup-Platz gerade vier und vom Abstiegsrang auch nur fünf Punkte trennen? Alles ist noch drin. Auch der „Beweis“ dafür, daß es doch nur mit dem großen Geld geht.

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