Die Opposition macht ernst „Werder braucht endlich wieder Macher“

Es ist unruhig am Osterdeich. Sportlich läuft es nicht optimal, längst regt sich hinter den Kulissen Widerstand. Maria Stüven Sanchez und Jörg Wontorra wollen in den Aufsichtsrat und sagen: „Jetzt reicht‘s“.
27.04.2021, 20:24
Lesedauer: 4 Min
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Von Björn Knips

Der Titel ist kurz und prägnant: „Jetzt reicht‘s“ steht auf dem Schreiben, das am Dienstagabend per Mail in der Redaktion unserer Deichstube angekommen ist. Darin wird die aktuelle Führung des SV Werder Bremen heftig attackiert – inklusive einer deutlichen Forderung: „Werder braucht endlich wieder Macher.“ Am Ende des Schreibens stehen zwei Namen, die dem Ganzen eine besondere Bedeutung geben: Maria Yaiza Stüven Sanchez und Jörg Wontorra. Sie ist die erste Frau, die für den Aufsichtsrat des SV Werder Bremen kandidiert, er der bekannte TV-Journalist, der in dieses Gremium zurückkehren möchte. Gemeinsam stehen sie für einen Zusammenschluss von vielleicht 200 Fans unter dem Titel „Kein-weiter-so“. Das alles ist nicht neu, aber erstmals tritt diese Opposition so offensiv auf – vor allem in Person von Maria Yaiza Stüven Sanchez, die sich bislang im Hintergrund gehalten hatte.

„Es wird Zeit, unsere Meinung kundzutun“, erklärt die 30-Jährige auf Nachfrage unserer Deichstube und verweist auf die Ereignisse der vergangenen Wochen, aber vor allem der letzten Tage. Werder ist nach sieben Pleiten am Stück wieder in höchste Abstiegsnot geraten, hat sich aber nicht von Trainer Florian Kohfeldt getrennt, sondern öffentlich verkündet, dass das Pokal-Halbfinale gegen RB Leipzig am Freitag quasi ein Endspiel für den Trainer ist.

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„Es ist nicht mehr nachvollziehbar und nicht mehr hinnehmbar, dass die personelle Führung des SV Werder tatenlos durch die größte Krise der Vereinsgeschichte taumelt. Denn mit ihrer Politik, die von Zögern und Zaudern geprägt ist, öffnet sie dem sportlichen Bankrott Tür und Tor“, heißt es in dem Schreiben – und weiter: „Gerade nach der historisch längsten Niederlagenserie des Clubs aber wäre entschlossenes Handeln ein taugliches Instrument gewesen, um noch einmal ein Zeichen zu setzen.“ Den Umgang mit Kohfeldt bezeichnen Stüven Sanchez und Wontorra als „unprofessionell und respektlos“. Der Trainer sei „nach dem ausgebliebenen Bekenntnis vom Wochenende zunächst öffentlich demontiert„ worden - “und die ausgesprochene Bewährungszeit ist nicht geeignet, ihn zu rehabilitieren. Eine Zukunft mit Kohfeldt ist nun selbst nach einer Rettung kaum noch denkbar, denn dazu wurde er zu sehr beschädigt“, heißt es in dem Beitrag.

Eigentlich wäre das Duo bei den Diskussionen über die Zukunft des Trainers gerne schon dabei gewesen. Beide hatten gehofft, im vergangenen November in den Aufsichtsrat gewählt zu werden. Doch die Mitgliederversammlung musste aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt werden. Einen neuen Termin gibt es noch nicht. Es wird immer unwahrscheinlicher, dass noch vor den Sommerferien gewählt wird. Was durchaus schade ist, denn die Veranstaltung könnte so spannend werden wie selten zuvor. Erstmals gibt es echte Herausforderer – dem Vernehmen nach acht an der Zahl.

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Es könnte also eng werden für Marco Bode, Kurt Zech, Andreas Hoetzel und Thomas Krohne, die ihr Amt gerne behalten würden. Marco Fuchs und Axel Plaat geht es da besser, sie wurden bereits wieder satzungsgemäß vom Verein in das Kontrollgremium entsandt. Stüven Sanchez und Wontorra müssen eigentlich auch noch vom Wahlausschuss auf die entsprechende Wahlliste gesetzt werden, aber davon ist eigentlich auszugehen. Sie haben die Mindestzahl von 50 Unterstützern aus den Reihen der Mitglieder weit übertroffen. Auch Ex-Manager Willi Lemke zählt dazu: „Ich unterstütze die Beiden.“ Wobei Stüven Sanchez in Bezug auf Wontorra ausdrücklich betont: „Wir sind schon Einzelkandidaten. Aber wir haben eine ähnliche Auffassung von der Situation und wünschen uns Veränderungen.“

Was genau damit gemeint ist, steht in dem Schreiben. „Genau so schwer vorstellbar ist eine Zukunft mit der aktuellen Führungsspitze. Zu viele Fehler und Fehleinschätzungen haben sich inzwischen angesammelt, um weiter an die Qualifikation der Entscheider zu glauben. Von der wirtschaftlichen Unwucht (auch schon vor Corona), in die sie Werder geführt haben, bis hin zu sportlichem Missmanagement wie dem geplatzten Verkauf von Rashica oder der überteuerten Rückholaktion von Selke“, heißt es da. Es sind Schüsse gegen die Geschäftsführung mit Klaus Filbry, Hubertus Hess-Grunewald und Frank Baumann.

Wontorra hatte bereits Ende vergangenen Jahres deutliche Worte gefunden: „Bei Werder sitzen viele in ihrer Komfortzone und wollen nur ihren Status verteidigen. Sie sind damit zufrieden, nur irgendwie in der Bundesliga zu bleiben. Die Geschäftsführung ist nicht optimal aufgestellt. Da fehlt es an Kompetenz.“ Dafür gab es prompt einen bösen Konter von Baumann. Der Sportchef hielt dem 70-Jährigen vor, nie ein fachliches Gespräch mit ihm gesucht zu haben: „Wonti hat sich dementsprechend in den letzten zwei Jahren nicht bei mir gemeldet. Wenn er sich gemeldet hat, dann ging es um Freikarten für den Vip-Bereich.“

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Das Verhältnis ist also alles andere als gut – und dürfte durch dieses neue Schreiben, das auch in Sozialen Medien verbreitet wurde, nicht besser werden. Zumal Stüven Sanchez und Wontorra der aktuellen Führung durchaus gefährlich werden könnten. Die 30-Jährige will zwar partout nicht verraten, wie viele Mitglieder ihr Vorhaben befürworten, aber gemeinsam mit Wontorra soll sie auf etwa 200 Unterstützer kommen. Durch den Gang an die Öffentlichkeit erhofft sich das Duo, weitere Mitstreiter zu finden. Zur Erinnerung: Mehr als 300 Mitglieder waren in der Vergangenheit eigentlich nie bei den Versammlungen des SV Werder. Da ist also durchaus eine Veränderung im Aufsichtsrat möglich. Und dieser bestimmt dann auch die Geschäftsführung.

Aber schon vorher fordern Stüven Sanchez und Wontorra Veränderungen: „Wir Werder-Mitglieder und -Fans stehen fest und unverrückbar hinter der Mannschaft und hoffen weiter auf die Rettung im Abstiegskampf. Nach der Saison aber müssen – unabhängig vom sportlichen Ausgang – Strukturen und Personen ohne Denkverbote grundlegend und transparent hinterfragt werden. Denn Werder braucht endlich wieder Macher.“

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