Werders Wandlung bei den Standards

Keine Angst mehr vor dem ruhenden Ball

Wer überlegt, was sich bei Werder verbessert hat, der landet schnell beim Thema Standardsituationen. Erst ein Gegentor haben die Bremer nach einem ruhenden Ball kassiert, während sie offensiv kreativ sind.
03.11.2020, 16:31
Lesedauer: 3 Min
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Von Stefan Rommel und Christoph Bähr
Keine Angst mehr vor dem ruhenden Ball

Ludwig Augustinsson schlägt eine Ecke in den Strafraum. Werder präsentiert sich in der aktuellen Saison bisher deutlich verbessert bei Standardsituationen.

nordphoto

Alle rechneten mit einer hohen Flanke, doch Marco Friedl führte den Eckball flach und kurz aus. Die Frankfurter Abwehr geriet ins Rotieren, während Friedl den Ball zurückbekam und dann doch hoch auf den zweiten Pfosten flankte, wo Christian Groß beinahe das 2:0 für Werder geköpft hätte. Solch eine kreative Eckball-Variante wie in der 57. Minute des Frankfurt-Spiels hatte man in den Monaten davor äußerst selten von den Bremern gesehen. In der vergangenen Saison waren sie einfach nur froh, wenn sie nicht schon wieder ein Gegentor nach einer Standardsituation kassiert hatten. Für Kreativität bei Offensivstandards blieb da kein Raum.

Dass inzwischen wieder Varianten wie gegen Frankfurt möglich sind, zeigt, dass sich in diesem Bereich einiges verbessert hat. „Vergangene Saison dachte man: Nicht schon wieder ein Freistoß oder eine Ecke! Diese Gedanken sind jetzt raus aus den Köpfen. Jeder konzentriert sich auf die Situation. Die Angst spielt nicht mehr mit, weil wir uns Stabilität und Robustheit erarbeitet haben“, beschreibt Clemens Fritz, Werders Leiter Profifußball und Scouting, die Wandlung, die sich in der Mannschaft vollzogen hat.

Erst ein Gegentor

In der abgelaufenen Spielzeit wies Werder mit 19 Gegentoren nach einem ruhenden Ball den schlechtesten Wert der Liga auf. Nach dem sechsten Spieltag waren damals schon sechs der bis dahin 14 Gegentore nach einem Standard gefallen. Aktuell ist nach sechs Partien erst ein Gegentor nach einem Standard notiert, gegen die Spezialisten aus Freiburg. Werder versucht es beim Verteidigen von Eckbällen mit einer Mischform aus Mann- und Raumdeckung, hält in der Regel mit vier Spielern die Fünfmeterlinie und postiert einen Spieler am ersten Pfosten. Der Rest der Mannschaft orientiert sich zum Gegenspieler oder deckt den Rückraum ab. Mit diesem Rezept und einer erhöhten Aufmerksamkeit fahren die Bremer um Klassen besser als zum Start der vergangenen Saison mit viel Manndeckung und noch mehr vermeidbaren Fehlern. Selbst in kniffligen Phasen, wenn der Gegner drückt, verteidigt die Mannschaft Eckbälle und Freistöße konzentriert, zum Beispiel gegen Freiburg, Hoffenheim und Frankfurt. Das Gefühl der dauerhaften Gefahr ist verschwunden.

Aus Sicht von Clemens Fritz ist dieser mentale Aspekt am wichtigsten. „Jetzt sind ein ganz anderes Bewusstsein und ein ganz anderes Selbstverständnis da, weil wir wissen, dass wir das verteidigen können“, betont er und blickt zurück: „In der vergangenen Saison waren wir in diesem Negativstrudel drin. Du bist Woche für Woche sehr anfällig für Standardsituationen. In der Öffentlichkeit war das natürlich ein Riesenthema. Dann gerät man in einen Teufelskreis, aus dem man nicht mehr richtig herauskommt.“ Werder hatte im Sommer 2019 mit Ilia Gruev extra einen Co-Trainer verpflichtet, der sich schwerpunktmäßig um Standardsituationen kümmern sollte. Als dann nach ruhenden Bällen in der Defensive und in der Offensive fast alles schiefging, geriet Gruev, der mittlerweile für die Betreuung der Leihspieler zuständig ist, zunehmend in die Kritik.

Ein Vorbote des Unheils

Besonders bei Eckbällen zeigte sich Werder unglaublich verwundbar. Eine unheilvolle Allianz aus schlecht abgestimmten Abläufen, individuellen Fehlern und Konzentrationsmängeln ließ Kohfeldt beinahe verzweifeln und kostete viele Punkte. Rückblickend betrachtet war die Schwäche bei ruhenden Bällen der Vorbote für das Unheil, das da noch kommen sollte. In den Spielen gegen Düsseldorf, Hoffenheim und Leipzig agierte Werder in der ersten Saisonphase auf Augenhöhe oder war das bessere Team, brachte sich aber durch Standardgegentore um den verdienten Lohn. Erst in der Endphase der Spielzeit lief es besser, wohl auch weil Kohfeldt sich wieder vermehrt selbst um das Standard-Training kümmerte.

Momentan werde das Verhalten nach ruhenden Bällen weiterhin regelmäßig trainiert, berichtet Fritz. „Wir arbeiten immer wieder daran und sprechen auch oft darüber. Offensiv wollen wir variieren, was unsere Standardsituationen angeht. Das haben wir in der vergangenen Saison aber auch schon gemacht. Umso schöner ist es natürlich, wenn man jetzt sieht, dass das funktioniert, was wir umsetzen wollen.“ Ein Tor nach einer Ecke, ein Tor nach einem Freistoß und dazu zwei Treffer per Strafstoß – das sind nach sechs Spieltagen gute Werte in puncto Offensivstandards. Werder überraschte mit abgewandelten Entwürfen und streute auch mal eine kurze Eckball-Variante ein wie Friedl gegen Frankfurt. Schon vorher hatte Werder die Eintracht nach einer Ecke einmal fast überrumpelt, als mit Maximilian Eggestein plötzlich ein Spieler aus der Restverteidigung als zusätzliche Anspielstation nach vorne stürmte. Es führt zwar noch nicht jede Variante zum Erfolg, die Ansätze sind aber vielversprechend und schwer zu lesen für den Gegner. Das lässt darauf hoffen, dass das Standard-Problem der Bremer endgültig der Vergangenheit angehört.

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