Taktik-Analyse zum Spiel gegen den VfB Werder verzweifelt an der Stuttgarter Mauer

Wie schon gegen die Hertha und Nürnberg hat Werder Probleme mit einem defensiven Gegner. Bremen versucht es auf verschiedenen Wegen, hat aber letztlich nicht den nötigen Punch für drei Punkte.
23.02.2019, 16:26
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Von Stefan Rommel

Werder-Trainer Florian Kohfeldt nahm im Vergleich zum Hertha-Spiel zwei personelle Wechsel vor: Für den verletzten Philipp Bargfrede rückte Nuri Sahin ins Team und Johannes Eggestein wurde von Joshua Sargent ersetzt. Vor Jiri Pavlenka verteidigten Theo Gebre Selassie, Sebastian Langkamp, Niklas Moisander und Ludwig Augustinsson in der Viererkette, Im Mittelfeld ordneten sich Sahin auf der Sechs, Maximilian Eggestein und Davy Klaasen auf den Halbpositionen sowie Max Kruse in der Zentrale an, den Angriff bildeten Sargent und Milot Rashica.

Stuttgarts Trainer Markus Weinzierl vertraute der Elf der Vorwoche und der selben Grundordnung. Die Gäste starteten in einem 5-3-2 gegen den Ball, gegen das Werder ein 4-4-2 mit der Raute im Mittelfeld setzte. Der VfB wollte aus einer tiefen Position heraus verteidigen, mit eng aneinanderstehenden Ketten in der Abwehr und im Mittelfeld und auf schnelle Umschaltaktionen mit Mario Gomez als einer Art Entwicklungsspieler und Alexander Essweins Geschwindigkeit setzen.

Konterabsicherung geht vor Risiko

Enorm befeuert wurde dieser Plan durch das frühe 1:0, bei dem sich Werder richtiggehend ungestüm anstellte. Auf ein harmloses hohes Zuspiel auf Gomez kurz hinter der Mittellinie rückte Moisander heraus, im Zentrum fehlte es aber an der nötigen Restverteidigung. Langkamp spekulierte auf Gomez‘ Verlängerung auf den in die Tiefe startenden Esswein und rückte dann raus, um den ins Abseits zu stellen, Sahin stand ihm dabei auf den Füßen, Gebre Selassie rückte zu wenig ein und schon war das Zentrum offen, durch das Steven Zuber den eher zufällig abgelegten Ball mitnehmen und treffen konnte.

Stuttgart zog sich nach dem Tor recht weit zurück und empfing Werder erst tief in der eigenen Hälfte. Gomez und Esswein störten vorne Werders Innenverteidiger, besonders Esswein ging dabei weite Wege, aber am eigentlichen Mittelfeldpressing beteiligten sich die beiden eher selten. Stattdessen nahmen sich Gomez und Esswein ab der Mittellinie raus und lauerten auf lange Zuspiele nach Ballgewinnen der Mitspieler. Für Werder bedeutete das zwar ein recht leichtes Überspielen der ersten Linie, aber eben auch einige Zurückhaltung gerade der Innenverteidiger und von Sahin, um in der Kontersicherung nicht auf dem falschen Fuß erwischt zu werden. Auch deshalb dribbelten die Innenverteidiger kaum aggressiv an, um kein unnötiges Risiko einzugehen.

Kein Aufdrehen, kein Druck nach vorne

Stuttgart hatte durch die beiden Achter Zuber und Santi Ascacibar in den Halbräumen eine gute Präsenz und auch Zweikampfstärke und boten Werder dort wenig Platz. Abgesichert wurde das von einer relativ statischen Fünferkette, bei der die Flügelverteidiger kaum nach vorne rückten, sondern immer gut angebunden blieben, um die Breite abzudecken - und in gewisser Weise auch nicht zu anfällig zu sein für Werders gegengleiche Läufe. Stuttgarts Spieler verfolgten den Gegenspieler nur selten und ließen deshalb keine Räume in ihrem Rücken aufgehen, die Werder hätte anlaufen können. Stattdessen blieben die Spieler stringent in ihren Positionen.

Das raubte Werder alle Parameter, die für ein sauberes und flüssiges Offensivspiel vonnöten gewesen wären. Werder hatte durch die weit zurückgezogenen Stuttgarter keine Tiefe und keine Breite im Spiel und konnte keine Räume freiziehen, um durch den massiven 5-3-Block der Gäste zu kommen. Was wiederum zur Folge hatte, dass Werders Angreifer kaum einmal aufdrehen und in Spielrichtung agieren konnten. Bremen musste viel breit und selten tief spielen, streute kaum Diagonalbälle oder über Sahin Zuspiele hinter die Kette ein und kam so nicht in den gegnerischen Strafraum. Also versuchte es die Mannschaft schon sehr früh und ohne die entsprechenden großen Abnehmer im Strafraum mit Flanken, die der VfB aber bis auf eine Szene problemlos verteidigen konnte. So hatte Werder zwar jede Menge Ballbesitz, auf den der VfB mit einem noch defensiveren 5-4-1 reagierte, aber bis auf zwei Einzelaktionen von Rashica kaum zwingende Szenen.

Gegenpressing läuft ins Leere

Auch gegen den Ball gab es Probleme: Stuttgart verzichtete sowohl beim Anspielen ins Positionsspiel als auch nach Ballgewinnen auf kurze Passkombinationen und spielte stattdessen sehr viel lange Bälle direkt in die Spitze. Das machte das Bremer Pressing in der ersten Linie überflüssig und ließ Werder überhaupt nicht ins Gegenpressing kommen. Setzten die Gastgeber an, war der Ball auch schon wieder weg. Der VfB hatte zwei dicke Chance auf das 0:2, beide Male nach einer Umschaltaktion und hätte die Hürde für Werder richtig hoch machen können. Das zweite Tor vor der Pause erzielte aber Werder eher aus dem Nichts durch Klaassen.

Nach dem Wechsel stellte Stuttgart um, für den verletzten Innenverteidiger Marc-Oliver Kempf kam Mittelfeldspieler Christian Gentner und damit die Viererkette in der letzten Linie, mit einer Fünferkette davor. Bei Werder blieb Kruse in höheren Zonen und kippte nicht mehr so oft zum Aufbauen ins defensive Mittelfeld ab, dazu sichte Gebre Selassie öfter den Weg hinter die Abwehrkette. Werder wirkte aktiver und zielstrebiger, hatte aber zunächst auch nur Abschlüsse aus der zweiten Reihe. Stuttgart reagierte mit der Umstellung auf ein 4-3-3 und nahm etwas später Gomez für den deutlich schnelleren Anastasios Donis vom Feld, um noch klarer auf Konter zu setzen.

Viel Aufwand, kein Ertrag

Werder verteidigte den Gegner aber deutlich besser als noch in der ersten Halbzeit und war auf diese Umschaltmomente vorbereitet. Auch, weil Kohfeldt mit der Einwechslung von Claudio Pizarro (für Sargent) etwas umstellte: Der schnellere Eggestein ging auf die Sechs, Sahin dafür auf die Acht. Mit Pizarro kam auch noch eine Spur mehr Schwung und etwas später eine gute Chance durch Sahin nach einer Gegenpressingsituation. Werder schnürte den VfB fast nur noch in dessen Hälfte ein und hatte nach einstudierten Standards seine gefährlichsten Szenen. Erst wurde Pizarro geblockt, dann hielt Zieler gegen Gebre Selassie stark und Langkamp setzte den Nachschuss drüber.

In der Schlussphase mauerte sich Stuttgart noch mehr hinten ein und stellte auf Fünferkette um, Werder versuchte mit Kevin Möhwald für den angeschlagenen Klaassen nochmal eine kleine Veränderung. Die erwartete Schlussoffensive blieb aber aus.

Werder hatte gegen einen sehr defensiven Gegner, der sich nicht locken ließ oder einen Schlagabtausch mitgehen wollte, mal wieder Probleme, in die Tiefe zu kommen und im Strafraum gefährlich zu werden. Weil auch die alternativen Pläne mit Flanken und Standards nur selten für Gefahr sorgten, im Gegenzug aber zumindest in der zweiten Halbzeit das Spiel gegen den Ball stark war, stand am Ende ein zwar ärgerliches, aber doch auch gerechtes Ergebnis.

Die Abstimmung zum „Man of the Match“ gibt es hier:

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