Die Sechserposition war das größte Problem

Wie im Taubenschlag

Von den vielen Bremer Problemzonen war die Sechserposition die größte. Das vor der Saison kalkulierte Risiko flog den Verantwortlichen schon früh um die Ohren und sollte Warnung genug sein für die Zukunft.
30.07.2020, 16:26
Lesedauer: 4 Min
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Von Stefan Rommel
Wie im Taubenschlag
Nordphoto

Es gab genug Überlegungen vor der letzten Saison, wie sich Werder in der Schaltzentrale neu aufstellen und ausrichten könnte. Ein paar Gegentore nach einem Ballverlust zu viel hoben unter anderem die Konterabsicherung auf die Agenda und dabei auch die Rolle des zumindest nominell einzigen Sechsers. Für die andere Spielphase im geordneten Aufbau des Gegners sah das Protokoll den Einbau eines zweiten klaren Sechsers vor. Kohfeldt hatte in der Frage nach Nuri Sahin oder Philipp Bargfrede als Sechser im 4-3-3 oder 4-Raute-2 oft genug ausweichend geantwortet und die Alternative Sahin und Bargfrede ins Spiel gebracht.

Bei der Überführung der Theorie in die Praxis unter Wettkampfbedingungen zeigten sich dann aber schnell einige Probleme. Von den potenziellen Kandidaten passte zunächst nur Sahin. Der Routinier verpasste von den ersten zwölf Spielen nur ein einziges wegen einer Gelb-Rot-Sperre. Bargfrede fiel zum Start wegen einer Knie-Operation aus, Überraschungsgast Christian Groß half als gelernter Sechser in der Innenverteidigung aus. Kevin Möhwald verletzte sich nach zwei Spieltagen so heftig, dass die Saison gelaufen war.

Oft genug fanden sich deshalb Davy Klaassen und Maximilian Eggestein auf der Sechs wieder, gerne auch gleich nebeneinander in einem ebenfalls angepassten 3-4-2-1. Werders Sechsserraum glich einem Taubenschlag, die permanenten Änderungen an der Grundordnung verstärkten die Fluktuation beim Personal. Weshalb sich wiederum nicht die eine optimale Besetzung finden ließ. Die einzig akzeptable Option Sahin verabschiedete sich nach einem ziemlich guten Start gegen Ende der Hinrunde in ein Leistungsloch, aus dem dieser nie mehr herausfinden sollte.

Ein Sechser im Winter? Kein gutes Zeichen

Im Winter einen Sechser kaufen zu müssen, lässt sich entweder mit jeder Menge Verletzungspech erklären oder aber mit einer verkorksten Planung. Torhüter, Mittelstürmer, vielleicht einen neuen Flügel- oder Außenbahnspieler: In diesen Mannschaftsteilen gibt es immer mal wieder Verbesserungsbedarf, weil sich einer verletzt, der andere das Tor nicht trifft, man die Spielausrichtung ein wenig anpassen will.

Auf der Sechs wird dagegen selten experimentiert, weil zu viele Wechsel auf der Position mit zu tiefen Einschnitt einhergehen - weshalb es auch keinen echten Markt für defensive Mittelfeldspieler von ausreichender Qualität im Winter gibt. Werder musste aber zwingend nachlegen, der VfB Stuttgart, der ein Jahr zuvor in allen anderen Mannschaftsteilen zukaufte und die Sechserposition - obwohl die mit Abstand größte Baustelle - außer Acht ließ, war ein warnendes Beispiel.

Also bezahlten die Bremer im wahrsten Sinne des Wortes für sein Risiko, mit nur zwei gelernten, aber auch alternden und verletzungsanfälligen defensiven Mittelfeldspielern, sowie dem Bundesliga-Neuling Groß und Möhwald, der in Nürnberg kaum und im ersten Jahr in Bremen gar nicht auf der Sechs eingesetzt wurde, in die Saison zu gehen.

Mit dem wie Groß variabel einsetzbaren Kevin Vogt, der eher zufällig zu bekommen war, lieh sich Werder eine gute Portion Geschwindigkeit und Zweikampfhärte, die Probleme im kreativen Bereich blieben ohne Sahin, der alsbald gar keine Alternative mehr sein sollte, aber evident. Vogt wurde zur Allzweckwaffe, pendelte zwischen Innenverteidigung und Sechserposition und hätte in einer kompletten Saison wohl die 30-Spiele-Marke angekratzt oder sogar überschritten.

Keine Konstanz auf der Position

So war Werder aber die einzige Mannschaft der Liga, die auf einer der wichtigsten Positionen überhaupt keinen Anker vorweisen konnte. Einen Spieler, der gesetzt ist, der immer spielt, der in allen Spielphasen zu überzeugen weiß. Geht man die Liste der defensiven Mittelfeldspieler der Bundesliga durch, hat Leverkusens Charles Aranguiz mit „nur“ 27 Saisonspielen die wenigsten aller Anker-Sechser vorzuweisen. Maximilian Arnold vom VfL Wolfsburg und der Bayer Joshua Kimmich kamen sogar auf 33 Bundesligaspiele. Werders Sechser mit den meisten Spielen war der am Ende ausgebootete Sahin. Er kam lediglich auf 16 Saisonspiele. Bargfrede (15) und Vogt (14) komplettierten die traurige Liste aus Bremer Sicht.

Nun könnte man mit sehr viel Fantasie auch behaupten, dass Werder die Klasse trotz dieses großen Malus ja immerhin noch halten konnte. Eine Blaupause für die kommende Saison darf diese unbefriedigende Konstellation aber auf gar keinen Fall sein. Bargfrede steht womöglich vor dem Karriereende, Sahins Zeit in Bremen ist ebenso vorbei wie die von Vogt. Von den drei Sechsern wird ziemlich sicher keiner mehr da sein, wenn Mitte September die Saison wieder beginnt.

Was plant die sportliche Leitung?

Möhwald wirkt zwar wie ein Zugang, kommt aber aus einer fast einjährigen Verletzungspause und passt in seinem Spielerprofil nicht besonders gut auf die Sechs. Rückkehrer Jean Manuel Mbom ist nach einem Jahr in der dritten Liga zwar ebenfalls zurück, aber noch ohne jegliche Erfahrung in der Bundesliga. Ebenso wie der andere Rückkehrer Romano Schmid, der etwas offensiver ohnehin besser aufgehoben scheint. Werder wird im defensiven Mittelfeld also den kräftigsten Umbruch seit sehr langer Zeit erleben.

Es wird spannend zu sehen sein, wie Frank Baumann und Florian Kohfeldt die Baustelle in Angriff nehmen werden. Ob die sportliche Leitung sich für einen eher defensivstarken und einen eher kreativen Spieler entscheidet. Oder ob zwei Spieler mit Hybridfähigkeiten kommen und wie dann die Rollenverteilung aussehen soll: Der eine ist die klare Nummer eins, der andere sein Ersatz. Womöglich wird Kohfeldt nach der Analyse der letzten Saison aber auch in diesem Sommer wieder einige Dinge anpassen und damit auch Einfluss auf das Aufgabengebiet der Sechserposition nehmen. Das Personal wird er dafür aber ganz neu anlernen müssen.

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