Moisanders Problem mit dem Stammplatz

Ein Opfer des neuen Werder-Fußballs

Niklas Moisander sieht sich mit einer neuen Situation konfrontiert: Der Stammplatz ist weg. Der Weg zurück zu alter Stärke ist möglich, ist aber eng verknüpft mit der spielerischen Entwicklung der Mannschaft.
17.11.2020, 10:01
Lesedauer: 3 Min
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Von Stefan Rommel und Jean-Julien Beer

Es ist zweifellos eine besondere Herausforderung, wenn man im Herbst der Karriere noch einmal mit einer ganz neuen Situation konfrontiert wird. Niklas Moisander erlebt das gerade. Werders Abwehrspieler befindet sich mit 35 Jahren mittendrin in einem Lernprozess. Der Finne ist kein unumstrittener Stammspieler mehr, sein aktueller Status ist der eines Rollenspielers, der nur für bestimmte Aufgaben benötigt wird. Für Moisander ist das neu, zuletzt saß er als Jugendlicher bei Ajax über längere Zeit auf der Bank. Als Profi war er bei jeder seiner Stationen gesetzt. Oft trug er sogar die Kapitänsbinde, so wie jetzt bei Werder. Dieses Amt garantiert ihm jedoch keine regelmäßigen Einsatzzeiten, das ist in der laufenden Saison bereits deutlich geworden. Trainer Florian Kohfeldt betont stets, wie wichtig der erfahrene Moisander für das Mannschaftsgefüge sei. Auf dem Platz dagegen hat der einstige Abwehrchef an Bedeutung verloren.

In der Bremer Innenverteidigung ist ein echter Konkurrenzkampf entbrannt. Wenn alle Kandidaten spielfit sind, hat Moisander derzeit wohl die schlechtesten Karten. Als Linksfuß hatte der Routinier immer einen enormen Wettbewerbsvorteil. Der junge Marco Friedl, der ebenfalls mit dem linken Fuß am stärksten ist, kam in der Viererkette nicht an Moisander vorbei und wurde zudem oft auf der linken Seite gebraucht. Mit dem Beginn der aktuellen Saison haben sich die Rollen jedoch verändert, weil Trainer Kohfeldt oft mit drei Innenverteidigern spielen lässt und Friedl als linker Halbverteidiger offenbar seine Idealposition gefunden hat. „Niklas war in den vergangenen Jahren immer absolut gesetzt, das hat sich in dieser Saison vielleicht etwas verändert. Das liegt vor allem daran, dass Marco Friedl einen großen Schritt in seiner Entwicklung gemacht hat und dass es in der Innenverteidigung jetzt einen größeren Konkurrenzkampf gibt“, sagt Werders Manager Frank Baumann.

Pro und Contra

Und so kommt es, dass sich am einst unumstrittenen Moisander mittlerweile die Geister scheiden. Zur Erinnerung: Es gab Zeiten, in denen die Statistik zeigte, dass Werder kaum einmal gewann, wenn der Finne fehlte. Doch das ist Vergangenheit. Zu träge und unzuverlässig sei er mittlerweile, sagen die einen. Er sei immer noch gut genug und ein Führungsspieler, sagen die anderen. Moisander war noch nie der schnellste Spieler, weder im Antritt noch in der Endgeschwindigkeit. Auch in der Luft war er mit seiner Körpergröße von 1,83 Metern keine Instanz. Dafür löste Moisander mit Auge und einem guten Stellungsspiel Situationen auf, noch bevor sie eine wirkliche Gefahr für das eigene Tor bedeuteten. So war das jedenfalls in seinen besten Jahren.

Und mit dem Ball am Fuß gab es in Bremen in der jüngeren Vergangenheit keinen besseren Innenverteidiger und damit ersten Aufbauspieler. „Niklas hat insbesondere mit seiner fußballerischen Qualität im Aufbau, mit seinem Passspiel und der Übersicht dazu beigetragen, dass wir uns in diesen Jahren fußballerisch auf einem hohen Niveau bewegt haben“, hebt Baumann hervor. Von dieser herausstechenden Qualität ist im bisherigen Saisonverlauf allerdings nicht besonders viel zu sehen gewesen – was zum einen Teil am Spieler liegt, zum anderen Teil aber nicht mehr nur in Moisanders Verantwortung fällt.

Stärken kaum ausspielbar

Das Problem im tiefen Bremer Aufbauspiel ist momentan nicht zwingend Moisander oder ein anderer Innenverteidiger. Das Problem ist häufig die fehlende Positionierung und Staffelung der potenziellen Passempfänger: Sind die Spieler auf den richtigen Positionen im richtigen Abstand zueinander und in der richtigen Stellung aufgestellt? Wann wird der Raum geöffnet, um einen Angriff zu entwickeln? Der alte Grundsatz gilt weiterhin: Der Laufweg bestimmt den Pass oder eben die Positionierung der Mitspieler zum Ballträger. Und nicht umgekehrt.

Niklas Moisander hat seine Stärken im Spielaufbau während der vergangenen Katastrophen-Saison nicht einfach verloren. Er kann sie derzeit nur kaum ausspielen, weil die Kollegen nicht so mitarbeiten, wie sie sollten. Das nimmt den Routinier nicht aus der Pflicht, selbst auch das höchste Leistungsniveau zu erreichen. Aber es erklärt vielleicht, warum sein herausragendstes Merkmal derzeit nicht zum Tragen kommt. Sein Vorgesetzter glaubt jedenfalls daran, dass Moisander schon bald wieder wichtiger wird. Baumann: „Das verlernt man ja nicht, das ist in ihm drin. Aber auch dafür ist es eben wichtig, dass wir uns insgesamt wieder Stück für Stück dahin entwickeln, dass wir die Positionen und die Räume, die wir anspielen wollen, gut besetzen und dort anspielbar sind. Wir wissen, dass wir uns da noch verbessern können. Wenn das wieder besser funktioniert, wird auch Niklas noch sichtbarer dazu beitragen können, dass wir uns wieder besser durchkombinieren."

Wenige Spieler brauchen den Kombinationsfußball der ersten Kohfeldt-Jahre für ihr Spiel so sehr wie Niklas Moisander – und umgekehrt. Diese Symbiose ruht derzeit, und es wird eine der großen Aufgaben dieser Werder-Saison, den gegenseitigen Nutzen wieder zu beleben.

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