Warum Werder-Profis nicht wechseln

Gutes Geld

Eigentlich braucht Werder dringend Einnahmen aus Transfers. Da in Corona-Zeiten aber nur wenige Klubs Topgehälter zahlen können, wird kaum ein Spieler Bremen verlassen. Für Werder ist das ein Risiko.
25.08.2020, 14:59
Lesedauer: 4 Min
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Von Christoph Sonnenberg
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Jiri Pavlenka, Ludwig Augustinsson und Davy Klaassen.

Collage: nordphoto

Es ging mal wieder um Milot Rashica und was denn jetzt eigentlich aus ihm wird: Bleibt der wertvollste Spieler des Kaders bei Werder, oder geht er noch? Plötzlich sagte Florian Kohfeldt am Trainingsplatz im Zillertal in einer Gesprächsrunde mit Journalisten: „Ich weiß gar nicht, ob es aktuell einen Transfermarkt gibt. Ich lese maximal von Leihgeschäften.“

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie haben den Fußball in voller Härte getroffen. Und sie haben gezeigt, wie überraschend dünn und wackelig das Gerüst ist, auf dem das Milliarden-Business thront. Werder ergeht es nicht anders. Auf 30 Millionen Euro beziffert Klaus Filbry die Mindereinnahmen, langfristig dürfte diese Summe ansteigen, falls in den kommenden Monaten weiter Spiele ohne Zuschauer stattfinden. Und davon ist derzeit auszugehen.

Quasi kein Transfermarkt

Die Folgen der Pandemie führen dazu, dass es praktisch keinen Transfermarkt gibt, wie Kohfeldt sagt. Die alljährliche Wechselperiode bleibt bisher aus, und es ist kaum abzusehen, ob sich das bis zum 5. Oktober ändert. Dann endet die Transferphase.

Die Einnahmen aus dem Verkauf Rashicas waren fest eingeplant. Und sind es im Prinzip immer noch, auch wenn aktuell Stillstand in den Verhandlungen mit RB Leipzig herrscht. Die Einnahmen, Werder ruft 25 Millionen Euro als Ablöse auf, reichen jedoch nicht aus, die Löcher im Etat zu stopfen. „Wir wollen weiter vernünftig wirtschaften, gehen aber diese Saison schon ein gewisses finanzielles Risiko ein, weil wir eben keine großen Transfereinnahmen hatten“, sagte Frank Baumann im Interview mit dem WESER-KURIER vor der vergangenen Saison. Und kündigte bereits Verkäufe für diesen Sommer an: „Es ist wahrscheinlich, dass wir nach dieser Saison zwei oder drei Stammspieler verlieren.“

Werder war stets Zwischenschritt

Danach sieht es jedoch nicht aus. Es geht nur noch um Rashica, alle weiteren Verkaufskandidaten, Davy Klaassen, Jiri Pavlenka oder Ludwig Augustinsson, werden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch in der kommenden Saison für Werder spielen. Dabei war es anders geplant. Alle drei sollten das Geld einspielen, dass es braucht, um die Transfers von Ömer Toprak oder Leonardo Bittencourt zu finanzieren.

Die drei Profis Klaassen, Pavlenka und Augustinsson hatten ähnliche Planungen. Werder war immer ein Zwischenschritt in der Karriereplanung, selbst zu Zeiten der Teilnahme an der Champions League. Potenzielle Starspieler wie Diego, Mesut Özil oder Miroslav Klose wurden in Bremen geformt und teuer verkauft. Im Gegenzug steigerten sie ihr Gehalt, oft in einem ganz erheblichen Ausmaß. „Der Grund, hier wegzugehen, war immer, einen deutlich besser dotierten Vertrag zu bekommen“, sagt Baumann. „Es ist schon so, dass die Spieler gerne bei uns sind. Bei einem besser dotierten Vertrag aber einen anderen Ansporn haben, zu wechseln.“

Millionenschweres Gesamtpaket

Dieser Ansporn ist weggefallen. Es geht dabei ja nicht nur um die Ablösesumme, auf die Vertragslaufzeit von vier Jahren summiert sich auch das Gehalt. Im Zuge der Corona-Pandemie haben sich die Verdienstmöglichkeiten in der Bundesliga um rund 50 Prozent reduziert, sagen Branchenkenner. Bei einem Wechsel verdienen Profis, die nicht zu den Topstars gehören, künftig weniger als zuvor.

Wer aktuell einen gut dotierten Vertrag hat, wird also eher nicht wechseln. „Das kann den einen oder anderen betreffen“, sagt Baumann. Darunter sind auch Spieler, die bei Werder unter Vertrag stehen und dort gutes Geld verdienen. Davy Klaassen, der mit geschätzten vier Millionen Euro im Jahr bestverdienender Spieler des Kaders ist, wird aktuell keinen Klub finden, der ihm ähnliche finanzielle Konditionen bietet. So wird es auch bei Augustinsson oder Pavlenka sein, die geschätzt bei zwei bis 2,5 Millionen Euro Jahresgehalt liegen. Zumal eine Ablösesumme hinzukommt, die daraus ein Gesamtpaket zwischen 25 und 30 Millionen macht.

Keine Werbung im Abstiegskampf

Wer zahlt eine solche Summe in einer Zeit, da kaum ein Klub in der Lage ist, überhaupt Transfers zu tätigen? „Grundsätzlich ist es nicht der perfekte Zeitpunkt, um den allerbesten Vertrag zu bekommen“, sagt Baumann mit Verweis auf die wirtschaftliche Situation des Fußballs. Hinzu kommt, dass kein Bremer in der vergangenen Saison Werbung in eigener Sache betrieben hat. Als Bewerbung taugt der Abstiegskampf kaum.

Es nur auf wirtschaftliche Faktoren zu reduzieren, dass kein Spieler Werder verlassen will, mag Baumann nicht. „Bei Davy muss man wissen – wir haben es selbst erlebt, als wir ihn von Everton verpflichtet haben –, dass er niemand ist, der nach einer schlechten Saison einfach wegläuft.“ Damals hat ihn die Situation persönlich betroffen, weil er nur ganz wenig zum Einsatz kam. „Trotzdem wollte er nicht weglaufen. Was in so einer Situation ja häufig der Fall ist, dass man ganz schnell weg möchte“, sagt Baumann. So sei auch die Motivation bei Pavlenka und Augustinsson: Sie wollen sich nicht wegducken, sie wollen die vergangene Saison mit einer besseren vergessen lassen.

Dennoch war Klaassen irritiert, als sein ­Berater Sören Lerby bereits Anfang Juli klarstellte, dass der Niederländer Bremen nicht verlassen werde. Die Spekulationen um Davy Klaassens Zukunft könnten aufhören, sagte Lerby: „Er bleibt definitiv in Bremen.“ Er sei schon erstaunt gewesen, als er davon gehört habe, sagte Klaassen vor Kurzem. „Im Fußball – und gerade in der jetzigen Zeit – weißt du doch nie, was passiert. Das ist schon eine heftige Aussage.“

Vielleicht sind die neuen Realitäten des Fußballs noch nicht bei jedem Spieler an­gekommen. Wenn ein Berater wie Lerby, der das mit Abstand meiste Geld durch Vereinswechsel verdient, einen solchen ausschließt, zeigt das, wie die Lage auf dem Transfermarkt wirklich ist.

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