Die Beziehung zwischen Davie Selke und Werder

Doch noch Hoffnungsträger

In der Offensive hat Werder bekanntlich so seine Probleme. Auch Davie Selke hat sich bislang nicht als emsiger Torjäger präsentiert. Und doch ist der Angreifer aktuell so etwas wie ein Hoffnungsträger.
07.05.2021, 17:10
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Von Daniel Cottäus
Doch noch Hoffnungsträger

Davie Selke soll Werder beim Klassenerhalt helfen.

Andreas Gumz

Es war eine überraschende Nachricht, wie aus dem Nichts, und sportlich unerfreulich war sie obendrein. Weshalb viele Werder-Fans, sechs Jahre liegt das inzwischen zurück, beim Blick auf den Kalender zunächst erleichtert aufgeatmet haben dürften: „Ah, schöner Versuch, aber nicht mit uns!“ Viel zu abwegig und konstruiert wirkte dieser Scherz, den sich ihr Verein am 1. April 2015 mit ihnen erlaubt hatte – der allerdings, und da wurde die Sache erst richtig unangenehm, überhaupt gar kein Scherz war. Davie Selke, damals 20 Jahre alt, stand tatsächlich vor einem Wechsel zu Zweitligist RB Leipzig, was als Reaktion im Bremer Fan-Lager augenblicklich eine Mischung aus Verblüffung, Verachtung und Verspottung hervorrief. Verständnis hingegen: eher Mangelware.

Im Frühjahr 2021 ist nun erneut denkbar, dass Selke Bremen im Sommer den Rücken kehrt – was ohne Frage weitaus dramatischer wäre, weil Werder dann den Klassenerhalt verpasst hätte. Dass ausgerechnet der so lange so formschwache Stürmer auf den letzten Metern der laufenden Saison zum Hoffnungsträger wird – es gehört zur komplizierten Geschichte zwischen Profi und Verein.

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Drei Spieltage sind es noch, die vor Werder Bremen liegen, drei Endspiele, um die nötigen Punkte für den Klassenerhalt doch noch irgendwie einzufahren. Was angesichts der Gegner – Leverkusen, Augsburg, Gladbach – schon schwierig genug ist, wird durch die vereinshistorisch beispiellose Niederlagenserie von acht Pleiten am Stück noch zusätzlich erschwert. Und so schwebt eine bange Frage über dem Bremer Saisonfinale: „Wie soll das bloß gut gehen?“ Eine mögliche Antwort hat jüngst das Halbfinale im DFB-Pokal geliefert, als Werder einem haushohen Favoriten einen packenden Kampf lieferte, am Ende zwar ausschied, sich seitdem aber dennoch an diesem 1:2 nach Verlängerung aufrichtet. Ein Misserfolg als Mutmacher. Das Ausscheiden als Aufbauhilfe. Und mittendrin, als zentraler Akteur: Davie Selke. Der 26-Jährige, dem mit seinem Pokal-Auftritt das Kunststück gelungen ist, ausgerechnet gegen jenen Gegner für neue Hoffnung zu sorgen, mit dem er die Bremer Fans einst ziemlich vor den Kopf gestoßen hat: RB Leipzig.

„Davie ist jetzt seit einigen Wochen komplett im Training. Er macht das momentan sehr gut“, lobt Werder-Trainer Florian Kohfeldt – und hebt noch einmal das hervor, was im Halbfinale deutlich zu sehen war: „Seine Art und Weise, wie er Leben auf den Platz bringt, ist momentan sehr wichtig für uns.“ Damit es an dieser Stelle nicht zu euphorisch wird: In Sachen Torgefahr und Strafraumszenen ließ der Angreifer auch gegen Leipzig sehr viel Luft nach oben. Dafür überzeugte er aber mit anderen Dingen, die im Abstiegskampf genauso wichtig sein können. Robuste Spielweise, bedingungsloser Einsatz und lautstarke Ansagen in alle Richtungen, die seinen Teamkollegen ganz offensichtlich Sicherheit gaben.

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„Er hat Präsenz und Ausstrahlung“, sagt Kohfeldt, der beim Thema Selke aber nie ohne den Konjunktiv auskommt: „Ich wäre ehrlicherweise schon sehr viel früher in dieser Saison gerne nicht mehr an ihm vorbeigekommen.“ Weil Selke wegen verschiedener Verletzungen aber nie richtig in den Rhythmus fand, fand er sich häufig auf der Bank wieder. 20 Liga-Einsätze sind es in der laufenden Spielzeit, davon vier in der Startelf. Getroffen hat Selke drei Mal. Keine besonders glanzvolle Bilanz und mit Sicherheit deutlich weniger, als sich Spieler und Verein vor der Serie erhofft hatten.

Nachdem der Stürmer im Januar 2020 per Leihe von Hertha BSC zu Werder zurückgekehrt war, war bereits das erste halbe Jahr ein großes Missverständnis gewesen und Selke komplett ohne Bundesliga-Tor geblieben. Aus dem erhofften Retter wurde eine Reizfigur, zumindest für die Öffentlichkeit, weil Selke eben ein Spielertyp ist, der polarisiert. Nicht jeder kann das konstant große Selbstvertrauen des Profis und dessen meinungsstarke Art mit ausbleibenden Leistungen auf dem Platz zusammenbringen. Was Selke einen Ruf verschafft, der ihm womöglich gar nicht gerecht wird. Gegenüber dem „kicker“ sagte der Stürmer in dieser Woche: „Es ist halt nicht zu verhindern, dass sich die Leute anhand des ersten Eindrucks schnell ein Bild über jemanden machen. Was ich nur mitbekomme, ist, wie überrascht sie sind, wenn sie mich zuvor nur als Gegenspieler oder im Fernseher sehen, aber dann den Menschen dahinter kennenlernen. Da heißt es oft: Ey, du bist ja eigentlich ganz in Ordnung.“

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Mal Kopf-an-Kopf mit dem Gegenspieler, mal einen (vermeintlich) herausgeholten Foulelfmeter bejubeln – das sind eher keine Bilder, die große Sympathien schaffen, aber darum geht es Davie Selke nicht, wenn er Fußball spielt: „Auf dem Platz zählt für mich nur der Sieg. Ich will jedes noch so kleine Spielchen gewinnen.“ Und natürlich auch die großen, die ihm nun mit Werder bevorstehen – schließlich geht es für Selke dabei auch um seine persönliche Zukunft.

Steigen die Bremer ab, erlischt die mit Hertha BSC im Leihvertrag vereinbarte Kaufverpflichtung. Werder müsste keine zwölf Millionen Euro für den Stürmer auf den Tisch legen – und Selke wäre ein zweites Mal nach 2015 weg. Zum zweiten Mal übrigens unfreiwillig, denn auch hinter dem vermeintlichen April-Scherz von einst versteckte sich eine tiefere Wahrheit, die Werders Sportchef Frank Baumann Jahre später öffentlich machte: „Davie wollte den Verein damals nicht verlassen, sondern es war ein Notverkauf. Werder brauchte in der Phase Geld, um Lizenzierungsauflagen zu erfüllen und die Liquidität zu sichern.“ Nicht so einfach sei das damals gewesen. Und noch viel schwieriger ist es heute. Davie Selke und Werder – das ist eine ziemlich komplizierte Geschichte geblieben.

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